Alles 'persönlich' nehmen

Hallo,

ich habe ein Definitionsproblem:

Was versteht Ihr darunter, daß einer behauptet

„sie nimmt alles persönlich!!“

Er spricht die Person auf einen Fehler oder eine Eigenart hin an, die nur auf diese zutrifft. Er meint auch diese Person explizit, denkt an keine andere.

Hat er das dann nicht auch persönlich gemeint? Hat die angesprochene Person nicht dann auch das „Recht“ , es persönlich zu nehmen?

Oder kann man die Definition nicht auch so verstehen, daß „persönlich meinen“ mit „böse meinen“ gleichsetzen kann???

Was meint Ihr?

LG, Anette

Hi,

Hat er das dann nicht auch persönlich gemeint? Hat die
angesprochene Person nicht dann auch das „Recht“ , es
persönlich zu nehmen?

Ja, aber für mich meint „persönlich nehmen“ nicht nur was als eigenes Thema annehmen, sondern auch gleich ein Riesenproblem draus machen. Wenn ich was zu persönlich nehme, denke ich in etwa so: „Oweh, jetzt war schon wieder irgendwas an mir nicht in Ordnung, wer weiß, wie oft ich jetzt schon negativ aufgefallen bin, ohne dass mir das klar war, immer mache ich Fehler, mit mir stimmt was nicht“ etc.
Jemand, der nicht alles persönlich nimmt, kann annehmen, dass er auch Fehler macht, aber geht gleichzeitig davon aus, das die anderen das auch tun. Er kann so an seinen Fehlern arbeiten mit dem gleichzeitigen Wissen, dass er im Grunde ok ist, so wie er ist, und dass seine Arbeit an sich das Zusammenleben mit den Mitmenschen einfach noch ein bisschen verbessert. Ein Mensch, der es persönlich nimmt, glaubt eher, jetzt sei sowieso schon alles verloren.

So in etwa würd ich das formulieren.

Greetz
Judy

Hallo,

Was versteht Ihr darunter, daß einer behauptet

„sie nimmt alles persönlich!!“

das Definitionsproblem habe ich auch manchmal. Inzwischen denke ich darüber Folgendes:

  1. Wenn Leute mich schlecht behandeln, aber sagen, „es ist nicht persönlich gemeint“, dann meinen sie damit, daß sie sich so verhalten, weil ich eine bestimmte Position (z.B. Institutsmitarbeiter) innehabe und von ihnen benötigte Ressourcen kontrolliere. Sie behandeln mich nicht schlecht, weil sie mich als Person nicht mögen, sondern weil sie auf irgendeine Art und Weise an die Ressourcen heran wollen und keinen anderen Weg für sich sehen. Sie würden das mit jedem anderen in der Position auch tun.

2.Wenn mich Leute dagegen schlecht behandeln und sagen, daß es persönlich sei, dann stoßen sie sich an meiner Person bzw. an meinen Eigenschaften oder meinem Verhalten und würden es bei anderen Menschen nicht tun, die nicht diese Eigenschaften haben.

„Böse“ ist übrigens beides. Mir ist aber das zweite lieber als das erste. Im ersten Fall wird man nicht als Person behandelt, sondern nur als „Platzhalter“, sozusagen als Objekt, das geht dann auch noch gegen die Menschenwürde.

Wenn von jemandem gesagt wird, er nehme alles persönlich, dann tun dies v.a. die Leute von Fall 1. Sie „entschuldigen“ ihr Verhalten damit, daß es doch nicht gegen den anderen als Menschen gerichtet sei, sie es mit jedem anderen auch gemacht hätten, man solle es ihnen doch nicht so übel nehmen. Und wenn man das dann doch tut: „Ach, nimm es doch nicht so persönlich.“ = „Ärgere dich doch nicht so sehr darüber“. Hier kommt dann also noch die Arroganz des triumphierenden Übeltäters dazu.

Beste Grüße

Hallo Annette,

„sie nimmt alles persönlich!!“

würde ich zu einer Person sagen, die entweder ihre Rolle nicht von ihrer Person trennen kann oder nicht kritikfähig ist.

Zum ersteren: In vielen Organisationen bist Du nicht 100% authentisch unterwegs, sondern Du hast eine Rolle inne. Im Beruf z.B. Führungskraft, im Privatleben z.B. Mutter. Oder Geliebte o.ä.
Wenn Du jetzt innerhalb der Rolle kritisiert wirst, musst Du dies nicht zwangsläufig auf Dich als Person beziehen. Beispiel: Als Führungskraft musst Du ggf. Dinge durchsetzen, hinter denen Du als Person nicht stehst. Kritik daran ist zunächst einmal Kritik am Führungssystem und nicht an Dir persönlich.

Zum zweiteren: Konstruktive Kritik nicht als solche zu erkennen, sondern zuzumachen, ist ein weiteres „persönlich nehmen“. Konstruktive Kritik äußert sich ja häufig als unverbindlicher, freundschaftlicher Tipp, bei dem Du selber entscheiden musst, was Du damit anfängst. Verweigerst Du Dich bereits beim anhören, würde ich das als „persönlich nehmen“ bezeichnen.

Grüße
Jürgen

Hallo,

„Böse“ ist übrigens beides. Mir ist aber das zweite lieber als
das erste. Im ersten Fall wird man nicht als Person behandelt,
sondern nur als „Platzhalter“, sozusagen als Objekt, das geht
dann auch noch gegen die Menschenwürde.

Beste Grüße

Ganz so würde ich das nicht sehen.

Solche Fälle haben weniger was mit deiner Stellung als Rädchen in der Maschine zu tun, als damit, dass das Rädchen (zumindest aus deren Perspektive) nicht läuft.

Wenn jemand etwas „nicht persönlich“ meint, dann kritisiert er am Gegenüber einen Makel, der nichts mit der Person an sich zu tun hat.

Das heißt ihm ist dein Charakter, deine Nase, deine sexuelle Orientierung oder dein Geschlecht vollkommen egal - aber nicht, dass du in deiner Arbeit eventuell Scheiße gebaut hast.

„Nehmen Sie es nicht persönlich, Herr Lehrmann, aber sie könnten die Rechnungslisten auch mal etwas schneller abliefern!“

Während in einem anderen Fall der entsprechende Mitarbeiter dann vielleicht meint, der Chef (oder wer auch immer) hätte etwas gegen IHN persönlich aufgrund von Grund X.

lg
Kate

Hallo,

Das heißt ihm ist dein Charakter, deine Nase, deine sexuelle
Orientierung oder dein Geschlecht vollkommen egal - aber
nicht, dass du in deiner Arbeit eventuell Scheiße gebaut hast.

ich denke, Du mißverstehst mein Posting grundsätzlich. Ich werde nicht kritisiert, weil meine Arbeit schlecht ist.

Beste Grüße

Hi Anette,

Paul Watzlawick hat ein gutes Kommunikationsmodell entwickelt, das solche „Mißverständnisse“ erklärt. Es geht darum, dass eine Nachricht bei Sender und beim Empfänger immer vier Dimensionen hat, die Information, den Appell, die Selbstdarstellung und die Aussage über die Beziehung. (ich weiß, das Modell wird Schulz-von Thun zugeschrieben, tatsächlich ist es aber von Watzlawick - egal, wie, es hilft.)

Wenn der Sender Dir eine Nachricht sendet, beispielsweise eine Kritik, kann er damit mehrere Aussagen treffen:

Information: Ich bin mit diesem Umstand unzufrieden, das muss sich ändern, sonst läuft der Laden nicht.
Appell: Mist, Frau XY, sie müssen das anders machen!
Beziehung: Frau XY, wir haben einfach kein gutes Verhältnis, deswegen muss ich ihnen das und das jetzt mal sagen.
Selbstdarstellung: Ich bin der Chef, ich sage ihnen jetzt mal, wo es langgeht.

Genauso hast Du vier Ohren, die die Nachricht unabhängig vom Wortlaut aufnehmen:
Information: Etwas ist schiefgelaufen, wir müssen den Schaden beheben.
Appell: Oh, ich bin für das Desaster verantwortlich, aber warum schon wieder ich?
Beziehung: Warum werde ich ausgemotzt? Ich bin doch immer so freundlich! Was will der Idiot denn von mir?
Selbstdarstellung: Bin ich hier die Kotztüte? Was habe ich denn gemacht? Ich tue hier doch mein bestes!

(schnell getippt und manchmal etwas überspitzt)

Jenachdem, mit welcher Intention die Nachricht gesendet wurde und auf welches Ohr sie trifft, kommt es zu Mißverständnissen. Vielleicht hörst Du immer nur auf der Beziehungsebene, fühlst Dich immer angegriffen durch Aussagen, obwohl es dem Sender um die Sache geht. Irgendetwas steckt dahinter, vielleicht musst Du mal genau überlegen, welches Verhältnis Du zu der Person hast, die spricht. (das ist keine Kritik, nur ein Denkansatz. Mir geht es um die Sachen :wink:)

Vielleicht hilft das.

Viele Grüße von Mira

Moin, Anette,

„sie nimmt alles persönlich!!“

übersetzt heißt das: Sie nimmt jede Kritik als Angriff wahr.

Kritik ist eines der schwierigsten Themen überhaupt, weil sie zwangsläufig persönlich ist. Schwierig von beiden Seiten her: Der Kritiker tut sich schwer, seine Kritik so zu formulieren, dass sie nicht gleich verletzt; der Kritisierte sieht oft genug hinter der Kritik das Verlangen, er solle sich ändern, und sieht seine Integrität gefährdet.

Selbst bei bester Absicht („rein konstruktiv“, „Abläufe verbessern“, pipapo) wird dabei Sprengstoff aufgebaut, wenn die Chemie nicht stimmt.

Gruß Ralf

Hi

DU nicht, aber wenn man als Platzhalter angefahren wird sagt auch eher selten die Person selber „Nehmen sies nicht persönlich“ sondern eher ein Bekannter. MUSS aber nicht sein. Die schlechte Arbeit war nur ein Beispiel, was jedoch häufiger vorzukommen scheint.

lg
Kate

Hallo,

DU nicht, aber wenn man als Platzhalter angefahren wird sagt
auch eher selten die Person selber „Nehmen sies nicht
persönlich“ sondern eher ein Bekannter.

möglich, aber um all das, was Du ansprichst, ging es mir nicht.

Beste Grüße

Hallo Anette,
natürlich muß genau genommen die betroffene Person deiner Schilderung gemäß die Sache persönlich nehmen,denn sie ist ja auch persönlich gemeint!Man kann ja auch damit umgehen können,persönlich gemeint zu sein.
Ich finde den Begriff,so gesehen,eigentlich fehlerhaft,weil er sich
im allgemeinen Sprachgebrauch auf eine Überreaktion des Betroffenen bezieht.
Manche Leute können wegen eines aufgeblähten Egos und/oder eines schlechten Selbstwertgefühls konstruktive Kritik nicht von persönlichen Angriffen unterscheiden.Wenn im Sinne unseres Sprachgebrauchs einer immer alles zu persönlich nimmt,hat das mit Kritiküberempfindlichkeit zu tun.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Leute,die nur zu gerne andere kritisieren und verletzen.Ihre niederen Machenschaften werden damit bemäntelt,dass sie ihren Opfern auch noch mit der wohlgemeinten Empfehlung,doch nicht alles so persönlich zu nehmen,in doppelter Hinsicht das Versagen in die Schuhe schieben.

grüsse
Heidi