Allgemeine Übersetzungsfrage

Hallo!

Ich gehe mal davon aus, hier tummeln sich auch professionelle Übersetzer! Ich hätte da mal eine Frage an eure Arbeitspraxis!

Folgendes. Ich schreibe gerade für ein Projekt an einer Dokumentation. Vor einiger Zeit war schon so 2/3 fertig und das ging dann zur Englischübersetzung, damit der Kunde mal drübergucken kann!
Nun bin ich „komplett fertig“ und hatte die Ergänzungen in die schon vorliegende Übersetzung eingepflegt, weil ich dachte, das macht die Sache einfacher. Nun kommt aber bei mir der Verantwortliche für Übersetzungen und sagt „Deutsch/Englisch gemischt geht nicht!“ Jetzt muss ich grad meine Änderungen in meine komplett Deutsche Version einpflegen…
Aber das geht mir irgendwie nicht in den Kopf: Das Teil hat über 100 Seiten und die Übersetzer wollen nochmal „von Null“ anfangen, anstatt „nur“ die ca. 40 dazugekommenen/geänderten Seiten zu übersetzen!?

Ist das wirklich der normale Vorgang, dass Übersetzer - sorry - zu blöde sind, nur die deutschen Texte „zu finden“, oder liegt das daran das ich vermute, dass die Übersetzung irgendwo nach Indien geoutsourced wird…

Kann mir mal wer bitte mein Weltbild zerstören oder so? :wink:

grüße
Geisterkarle

Servus,

die wahrscheinlichste und einfachste Erklärung ist, daß der Übersetzer EDV-gestützt mit einer Translation-Memory-Anwendung ™ arbeitet. Diese Systeme sind im Gegensatz zu sog. „Übersetzungsprogrammen“ seit Jahren in Gebrauch und laufen prima rund.

In ein TM-System wird der Quelltext eingespeist und der Übersetzer arbeitet auf der anderen Bildschirmhälfte, auf der zum Zieltext Übersetzungsvorschläge aus seinem eigenen Thesaurus angezeigt werden. Der Thesaurus kann kunden-, themen- und kontextspezifisch definiert werden (das ist etwas von dem, was Babelfish nicht kann, und wo es halt brain.exe braucht). Außerdem können Quelltexte damit auf Wiederholungen von Phrasen und Abschnitten untersucht und eingedampft werden.

Mit einer Mischung aus Quell- und Zieltext kann ein TM-System nichts anfangen: Man muß die Mischung dann vor dem Einlesen von Hand auseinanderzuppeln, so daß das nicht weniger, sondern mehr Aufwand bedeutet.

Auch wenn der Übersetzer nicht mit einer TM-Software, sondern manuell arbeitet, ist die Arbeit mit einer Mischung aus Quell- und Zieltext überaus anstrengend und zeitraubend. Beim Übersetzen wird der Quelltext am Bildschirm mit dem Zieltext überschrieben, das erfordert einige Konzentration und die Entwicklung eines „Tunnelblicks“, vor allem wenn man mit den trostlosen Zeilenhonoraren für Englisch halbwegs klar kommen will. Wenn man jetzt mit einer Mischung aus Quell- und Zieltext arbeiten muss, kann man sich das ungefähr vorstellen wie die Situation eines Autofahrers, der zwar sowohl Rechts- als auch Linksverkehr souverän beherrscht, aber jetzt auf einer Landstraße unterwegs ist, auf der generell rechts gefahren wird, aber in unregelmäßigen Abständen für ein paar hundert Meter Linksverkehr ist, nur durch ein kleines Kreuzlein am Mittelstreifen markiert. Und das nachts bei Schneetreiben.

Wenn ein Text mit Änderungen und Ergänzungen nochmal vorgelegt wird, sind die Änderungen und Ergänzungen mühelos zu erkennen.

– Mit dem „Outsourcing nach Indien“ liegst Du dennoch nicht so verkehrt: Die Zeilenpreise für Englisch sind für den Übersetzer, der am Ende der Kette sitzt, auch für hoch spezialisierte und anspruchsvolle Texte in Deutschland vergleichbar mit dem Lohn eines Angestellten in Indien, da muß man gar nicht outsourcen.

Schöne Grüße

MM