Servus Spreefisch,
es gibt sehr viele - mehr oder weniger gute - Zeugnisse in der Literatur zu dieser Thematik. Insgesamt ist dabei zu erkennen, dass der Alltag auch in den Großstädten und sogar in Berlin bis zum Ende sehr diszipliniert und „alltäglich“ abgelaufen ist. Alltäglich heißt dabei: So, wie man es sich von der ersten Luftschutzübung bis zur Erklärung seiner Stadt zur „Festung“ sukzessiv angewöhnt hatte: Z.B. Tags in der Fabrik, Nachts Flakhelfer, Schlafen wenn mal Zeit dazu ist.
Wenn es außerhalb der Mordindustrie Massengräber gab, dann sicherlich nicht in bedeutendem Umfang.
Der Grabstein selber ist wahrscheinlich nicht von 1945. Alles irgendwie Baumaterial Ähnliche war „kriegswichtig“.
Zum Thema „Alltag und Ordnung“ zwei nicht repräsentative Splitter, der erste von der Übergabe der Festung Mannheim:
Die Amerikaner hatten in Ludwigshafen einige Artillerie aufgebaut und waren gleichzeitig in einer Umfassungsbewegung nördlich der Stadt über den Rhein gesetzt, so dass deren Reste (meines Wissens war MA über 150 mal bombardiert worden) von West, von Nord, Nordost, Ostnordost unter Artilleriefeuer genommen werden konnten (MA war wie praktisch jede größere Stadt zur Festung erklärt).
Im Käfertaler Wald, wo die amerikanische Artillerie auf einer langgezogenen Düne in Stellung ging, sind die Mannheimer Trinkwasserbrunnen.
Im städtischen Wasserwerk wurde ein Beamter gefangengenommen und aufgefordert, telefonischen Kontakt mit dem Kommandanten der Festung aufzunehmen und die Aufforderung zur Übergabe zu übermitteln - die anrückenden Amerikaner hatten sich offenbar schon daran gewöhnt, dass von den Städten nicht viel übrig war, aber dass das einer Siemens-Telefonanlage nicht viel ausmacht…
Es zeigte sich, dass die Reste von Wehrmacht und Waffen-SS, die in der Festung Mannheim gewesen waren, so überstürzt geflohen waren, dass kein Offizier mehr greifbar war, der die Übergabe hätte erklären können. Auch sonst kein Militär mehr.
Aber: Ein Beamter des städtischen Bauamtes. Der hatte seinen Posten gehalten, wie es sich für einen deutschen Beamten gehört, und als einziger noch in den Ruinen der Stadt vorhandener Träger hoheitlicher Aufgaben erklärte er die Übergabe.
So kams, dass die Befreiung Mannheims ganz zivil von zwei deutschen Beamten sozusagen dienstlich am Telefon organisiert wurde.
Das, was von der Stadt zu diesem Zeitpunkt noch übrig war, hatte meines Wissens noch gut 10.000 Einwohner - was den organisatorischen und technischen Aufwand für Bestattungen etc. ziemlich relativiert. Särge wurden übrigens „fahrplanmäßig“ mit der Überlandstraßenbahn OEG aus dem Odenwald nach Mannheim gebracht. Knapp wurden sie weiter südlich ab 1946, wo in der französischen Zone zu Reparationszwecken so radikal abgeholzt wurde, dass für die deutschen Hunger- und Hungerfolgetoten keine paar Fichtenbretter mehr übrig blieben.
– Ganz anderer Aspekt zu Organisation des Alltags im April 1945:
Meine Mutter unterrichtete im April 1945 in einem Landfraueninternat in Haigerloch (beiläufig ein paar Etagen über dem Labor von Otto Hahn und Kollegen). Als man anlässlich der Pulverisierung von Freudenstadt erstmals die französische Artillerie deutlich hören konnte, beschloss sie, in Stuttgart bei der vorgesetzten Dienststelle telefonisch anzufragen, ob es nicht besser wäre, man ließe die Schülerinnen jetzt gehen, weil sie als Bauerntöchter allemal bessere Überlebensmöglichkeiten hätten, wenn sie auf den heimischen Höfen wären, bevor die Franzosen anrückten. Die Antwort war ziemlich drastisch, mit dem Tenor „Was soll dieser Defätismus? Soll ich ein Kommando vorbeischicken und Sie aufknüpfen lassen??“ - Stuttgart liegt in einem Talkessel, man hörte die Front dort nicht so gut.
Am anderen Tag waren aus dem dauernden Grummeln bereits einzelne Abschüsse herauszuhören, und meine Mutter (noch nicht verbeamtet, aber mit der Disziplin einer Pfarrerstochter und BDM-Führerin) rief noch einmal in Stuttgart an, um mitzuteilen, dass sie jetzt auf eigene Faust handeln würde. Von der Fernsprechvermittlung war nur die stoische Auskunft zu hören: „Die Stelle meldet sich nicht mehr.“ - die Herren hatten die Nachricht aus Haigerloch genutzt, um ein bissel früher das Weite zu suchen als die anderen Regierungsbehörden. Später, zuerst mit dem Fahrrad, dann zu Fuß auf dem Weg Richtung Wasserburg, hat meine Mutter in Riedlingen zufällig noch einmal etwas von der Behörde gesehen, nämlich einen Haufen rauchender Papierasche auf einem Schulhof: Die hatten, solang der Sprit reichte, sogar noch ihre Personalakten auf dem Weg Richtung „Alpenfestung“ mitgenommen…
Schöne Grüße
MM