auch Schule und noch mehr
Hallo,
Ich stimme hier Conrad zu, weniger Frank, und zwar waren ausgerechnet die Kriegsversehrten die glühendsten Heldengeschichten-Erzähler.
Was Frank zudem übersieht: Anfang der 50er kamen nicht nur die Spätheimkehrer in die Schulen zurück, sondern auch eine Legion von nun entnazifizierten Lehrern, auch stark belasteten, die zwischenzeitlich in Fabriken gearbeitet hatten.
Das brachte z.T. ein richtiges Rollback mit sich. In meiner Heimat-Kleinstadt dominierten z.B. bis ca. 1953 an der Volksschule gutmütige ältere Fräuleins und ganz junge Lehrer. Dann kamen die beiden schlimmsten Nazis der ganzen Stadt, die 1933 in einer abenteuerlichen Aktion als erste die Hakenkreuzfahne auf den Kirchturm verbracht hatten, in die Schule zurück, besetzten sogleich Funktionsstellen und brachten wieder Zack-Zack in den Laden, einschließlich Prügelstrafe mit Stöcken für unliebsame Schüler.
Solche Figuren sind m.E. prototypisch und literarisch verwendbar, genauso wie der engagierte und liebevolle Junglehrer, der von den Schülern, die nur gelernt hatten, auf Gewalt zu reagieren, zur Verzweiflung gebracht wurde.
Lehrerinnen waren bis auf ganz wenige Ausnahmen (Kollegenfrauen) unverheiratet und wurden durchweg mit „Fräulein sowieso“ angeredet. Eine Freundin von mir, die, verheiratet, in den 60ern in den Schuldienst eintrat, versuchte den Kindern verzweifelt beizubringen, sie heiße nicht „Fräulein“, sondern Frau Beckmann (Name von der Redaktion verändert), woraufhin die Kinder zuhause erzählten: „Unser Frollein heißt Frau Beckmann.“
Interessiert dich die Geschichte im Arbeiter-Milieu?
Das Gejammere um die zunehmende Gewalt unter Schülern ist, zumindest im Vergleich zu den 50ern, ein reiner Hohn.
Es gab in NRW vorwiegend Konfessionsschulen, und, wo die Schülerzahlen das annähernd erlaubten, nach Geschlechtern getrennte Klassen. In den Jungenklassen war es die größte Selbstverständlichkeit, dass nach dem Unterricht ein Platz aufgesucht wurde, wo heftige Faustkämpfe ausgetragen wurden, um den Stärksten der Klasse zu ermitteln. Es bildete sich ein dichter Kreis von anfeuernden Klassenkameraden um die sich Prügelnden, in den Magen war verboten, aber mit blanken Fäusten voll in die Fresse war erlaubt. Verloren hatte, wer anfing zu flennen oder wem die Nase blutete.
Mädchen taten gut daran, einen älteren Bruder zu haben, sonst waren sie z.T. arm dran. Aggressive Jungs, die teilweise in Rudeln auftraten, fanden Gefallen daran, sich ein, zwei Mädchen, die arglos des Wegs kamen, vorzunehmen und sie regelrecht zu traktieren. Hunde wurden eher selten an der Leine geführt, sondern streunten in der Wohngegend herum, und wenn sie nicht zu gefährlich aussahen, wurden sie von den Jungs getreten oder mit Steinen beworfen.
Die Mädchen hatten bis etwa 12 Jahre überwiegend Zöpfe als Haartracht und trugen karierte Faltenröcke, beides wurden sie während der Pubertät, auf frauliches statt kindliches Aussehen bedacht, nur über z.T. erbitterte Kämpfe mit der ganzen Verwandtschaft los und sie wurden noch wochenlang, auch in der Nachbarschaft, mit bedauernden Nachrufen über die „schönen Zöpfe“ bedacht. Da konnte man als älterer Bruder, der ohnehin ein gewichtigeres Wort in der Familie zu sprechen hatte, schon einen Stein im Brett oder auch konkrete Dienstleistungen, wie Schulbrote schmieren oder einige von den unsäglichen Himbeerbonbons, die sie mühsam erworben hatte, bekommen, wenn man sich in der Zopf-Frage auf ihre Seite stellte.
Die Jungs trugen kurze Hosen, zumal Lederhosen, mehr oder weniger, bis es schneite, mit ledernen Hosenträgern, und groß-karierte Hemden. Im kalten Winter dann sog. Trainingshosen, dunkelblaue baumwollene Hosen mit Gummizug im Bund und unten am Bein, ähnlich den einfachen Jogginghosen. Als besonderen Chic gab es „Skihosen“ (wurde damals so geschrieben) aus einer Art braunem Lodenstoff, mit einem zuknöpfbaren Bündchen an den Beinen.
Die Schulbrote hatte und brauchte man übrigens erst ab ca. Mitte der 50er, jedenfalls in der britischen Besatzungszone. Es gab nämlich eine „Schulspeisung“. Im Tornister war eine Schiefertafel mit Holzrahmen, eine hölzerne Griffeldose und ein kleines rundes Schwämmschen in einem kleinen Alu-Döschen mit Schraubverschluss. In den hözernen Tafelrahmen war seitlich ein Loch gebohrt, durch welches an einer gehäkelten Schnur ein ebenfalls gehäkelter „Tafellappen“ befestigt war, der aber aus dem Tornister herausbaumelte. Ebenfalls hing außen am Tornister ein Becher, aus Aluminium oder Emaille, in den man während der Pause mit einer Suppenkelle eine zum Teil widerlich verknubbelte Mehlsuppe aus großen Kübeln gegossen bekam. Der Schreiber dieser Zeilen hat vom Rektor eine Ohrfeige bekommen, weil der ihn dabei erwischt hat, wie er heimlich das Schulgelände verließ um die Suppe in den Gulli zu schütten. Außerdem musste er seine ganze Tafel mit „Lebensmittel sind eine Gottesgabe, die man nicht wegwerfen darf!“ vollschreiben, was ihn zu der Zeit noch einige Mühe gekostet hat.
Das Schreiben-Lernen vollzog sich in monotonen, aber pädagogisch ausgeklügelten Schritten. Man musste, ich glaube, eine ganze Woche lang, die ganze Tafel, die für die unteren Klassen liniert war mit Unter- und Oberlinie, die beim Schreiben nicht überschritten werden durften, mit schrägen Strichen voll"schreiben". Danach kam die ganze Tafel voll Spazierstöcke mit der Krümmung oben dran, danach mit der Krümmung unten. Daraus wurden dann schließlich Buchstaben wie „n“ und „m“ zusammengesetzt, die Vokale wurden dann extra geübt, usw.
Unser armes Fräulein Singendong hatte ein erstes Schuljahr von 64 katholischen Jungens zu unterrichten, die in den aus alten Filmen bekannten hintereinander aufgereihten Zweier-Bänken saßen, das ganze in vier Reihen. Sie brachte uns bei, „Alle Vögel sind schon da“ zu singen, wobei sie uns, gleichzeitig durch die Reihen marschierend, auf der Geige begleitete und zwischendurch, ohne aus dem Takt zu geraten, mal eben blitzschnell. pitsch, jemandem, der nicht beim Singen geradeaus nach vorne sah, eine mit dem Geigenbogen verpasste.
Taschengeld gab es nur in bürgerlichen Schichten. Eine gute und passabel einträgliche Möglichkeit für Arbeiterkinder, an ein paar Groschen zu kommen, war das Schrottsammeln. Schrott war in den ersten Nachkriegsjahren ein wichtiger Rohstoff für die Eisenverhüttung, und in jedem Stadtteil gab es Schrotthändler. Die beste Quelle zum Schrottsammeln waren ausgebombte Häuser, die in den Städten noch Jahrelang nahezu ungesichert herumstanden, und in denen die halbverwahrlosten Kinder aus kinderreichen Arbeiterfamilien mit Vorliebe herumstöberten, wodurch auch so mancher Unfall geschah, unter anderem auch dadurch, dass es eine beliebte Mutprobe war, ein Feuerchen zu zündeln und Brandbomben und Granaten, die man in den Trümmern noch fand und die teilweise noch scharf waren, hineinzuwerfen.
Zu den halbverwahrlosten Kindern aus kinderreichen Familien kam die Legion von Kindern von Kriegerwitwen, die berufstätig waren und ihre Kinder schon im Alter von sieben, acht Jahren tagsüber, wenn sie nicht eine Oma hatten, mehr oder weniger sich selbst überlassen mussten. Das waren dann die sog. „Schlüsselkinder“, die tatsächlich ihre Hausschlüssel, mit denen sie nach der Schule in ihre einsamen Wohnungen gelangten, an einem Band um den Hals trugen.
Schwangerschaftsgymnastik war, zumindest in der arbeitenden Bevölkerung, ebenso wie Schwangerschaftsurlaub, unbekannt und erstere wohl auch unnötig. Die Frauen verrichteten bis zum Schluss in den Fabriken oder im Haushalt schwere körperliche Arbeit - das hier beschriebene Waschen mit Waschbrett, zumal von Kochwäsche, wie Windeln (Es gab die nur als Baumwoll-Tücher, nicht als Pampers) war eine - durch den heißen Wasserdampf zusätzlich beförderte, schweißtriefende Knochenarbeit, welche die geeignete Vorbereitung für eine reibungslose Geburt war. Das ganze musste, sommers wie winters, genauso wie das schon angesprochene Badewasser für die Zinkwanne, auf dem mit Kohlen beheizten Küchenherd stundenlang gekocht werden. Auch für das Mittagessen musste im Sommer bei über dreißig Grad der Herd angeheizt werden.
Die Kohlen dafür bekam man übrigens in den ersten Nachkriegsjahren durch das sogenannte „Fringsen“
Durch die Reparationsverpflichtungen gegenüber den Alliierten wurde praktisch der gesamte Kohlen-Abbau aus dem Ruhrgebiet auf langen Güterzügen Richtung Frankreich transportiert, so dass für die einheimische Bevölkerung kein Heizmaterial zur Verfügung stand.
Es bildete sich dann der Brauch heraus, dass an den Streckenabschnitten mit zerstörten und notdürftig reparierten Gleisanlagen, wo die Züge nur im Schrittempo fahren konnten, die wendigen Jungs auf die Waggons kletterten und Kohlen herunterschaufelten, die die unten wartenden Frauen dann in Körben einsammelten. Im besonders kalten Winter von 1946 auf 1947 kritisierte der Kölner Erzbischof Kardinal Frings, der später auf dem Konzil mit seinem jungen Adlatus, dem Theologen Joseph Ratzinger, eine bedeutende Rolle spielen sollte, in seiner Weihnachtspredigt im Kölner Dom die Alliierten für die schlechte Versorgungslage der Bevölkerung und betonte, dass das besagte Kohlenraffen nicht als Sünde anzusehen sei, woraufhin der berühmte Kölner Sprachwitz flugs das entsprechende Tätigkeistwort zu seinem Namen bildete.
Ich könnte noch viel erzählen, wenn ich nur wüsste, was.
Grüße
Oranier