Hallo Susanne,
ich finde es wichtig Kindern zu vermitteln dass sie „nein“ sagen können und auch müssen.
Das klingt prima, allerdings ist es eine Illusion zu glauben, dass man ein Kind dadurch wirksam vor sexuellen Übergriffen schützen kann. Ich kenne eine Menge Missbrauchsopfer, die sehr wohl „Nein“ gesagt haben - genützt hat es ihnen aber nichts. Ein Kind ist gegen einen Erwachsenen machtlos.
Die einzige Chance, die es hat ist, soviel Vertrauen zu den Eltern (oder einem anderern Erwachsenen) zu haben, dass es sich mitteilen kann. Und selbst dann kann es ihm passieren, dass ihm keiner glaubt.
Man muss sich nicht anfassen lassen wenn man das nicht will - weder von anderen Kindern noch von Erwachsenen.
Auch das ist richtig - und in Bezug auf einen sexuellen Übergriff durch einen Erwachsenen ebenso wirkungslos.
Dann sollte ein Kind immer altersgerecht aufgeklärt werden.
Dies trägt ganz sicher dazu bei, dass es einem Kind leichter fällt, über einen eventuellen Übergriff zu reden.
Ein Kind muss aber auch wissen dass es verbrecherische Menschen gibt die ihre kindliche Art ausnützen würden. Und das sind nicht nur die geheimnisvollen fremden Männer sondern leider oft die in nächster Umgebung.
Und was bewirkt man damit? Dass das Kind ängstlich und misstrauisch durch die Welt geht. Davor beschützen, dass ihm nichts passiert, kann man auch dadurch nicht.
In vielen Städten gibt es auch „Sag nein“ Kurse die ich sehr empfehlenswert finde.
Nette Idee. Aber in Bezug auf Übergriffe leider ebenso sinnlos. Ich habe bei mehreren dieser Projekte als Kamerafrau bei den Testläufen mitgearbeitet. Wir haben zur Überprüfung des Gelernten Kinder nach Beendigung eines Kurses in verschiedenen Situationen angesprochen.
Die Ergebnisse waren ziemlich ernüchternd. Von den 6 bis 10-Jährigen Kindern sind unmittelbar nach dem Ende des Kurses 6 von 10 Kindern mitgekommen, von den 11- und 12-Jährigen immerhin noch 4 von 10. Bei einem wiederholten Test 12 Wochen nach Kursende gingen von den 6-10-Jährigen 9 von 10, von den 11- und 12-Jährigen 6 von 10 mit.
Dabei wurde auf die Anwendung von wirklich angstmachenden Aussagen wie „Deine Mami liegt im Krankenhaus und sie hat mich geschickt, damit ich dich zu ihr bringen kann“ bewusst verzichtet, um die Kinder nicht unnötig zu verschrecken. Alle Kinder konnten zu diesem Zeitpunkt übrigens noch sehr gut das im Kurs Gelernte verbal wiedergeben. Die Umsetzung funktionierte nicht.
Man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass das, was mit Fremden nicht klappt, mit Bekannten erst recht nicht funktioniert. Kinder können sich dem machtvollen Einfluss eines Erwachsenen nicht entziehen - und spätestens die Drohung, man würde den Eltern oder Geschwistern etwas antun funktioniert bei jedem Kind.
Ich halte es aber nicht nur für unmöglich, sondern auch für unmenschlich, ein Kind auf solche möglichen Geschehnisse und Aussagen vorbereiten zu wollen.
So gut all diese Präventionsgeschichten gemeint sein mögen: Sie unterschätzen das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Gleichzeitig gaukeln sie eine trügerische Sicherheit vor. Am schlimmsten dabei finde ich aber, dass unterschwellig vermittelt wird, dass man sich durch Neinsagen schützen kann. Wenn ein Kind aber erleben muss, dass ihm Neinsagen nicht hilft, dann wird es in seinen eigenen Augen zum (Mit-)Schuldigen. Und das finde ich ziemlich schrecklich.
Schöne Grüße,
Jule