von Fritz an Alexandra
Liebe Alexandra,
ich habe gestern das Absenden meiner Antwort irgendwie verfälscht, es war wohl die Hektik, weil ich so lange nicht geantwortet hatte, wollte ich nun auf der Stelle schreiben, hatte aber eigentlich gar keine Zeit… Nun mein zweiter Versuch.
Risse treten also auf, wenn Bauteile oder der Baugrund der Spannung (Zug oder Druck), der sie ausgesetzt sind im Verbund des Bauwerks, nicht standhalten.
Aus der Rißgestalt kann man auf die Lage der nachgebenden Bauteile bzw auf die Stelle des nachgebenden Baugrundes schließen und evtl auf die Ursache. Auch ein evtl Gang der Rißbreite mit der Jahreszeit ist aufschlußreich, also wenn die Risse manchmal breiter, manchmal schmäler sind…
In diesem Fall laufen die Risse in den Wänden von der Decke, wo sie, WIE ICH MAL ANNEHME, BREITER SIND, senkrecht nach unten und schließen sich allmählich. Ist diese Annahme richtig?
Wenn sonst keine Tatsachen zu berücksichtigen sind, iost zu schließen, daß die Umfassungswände im Bereich der Deckenauflager nach außen nachgegeben haben. Dies deshalb, weil die Deckenbalken (dem Baualter nach handelt es sich hier um Holzbalkendecken) wegen ihrer Durchbiegung unter Eigenlast zzgl. Verkehrslast auf die Wände eine Kraft nach außen ausüben.
Evtl handelt es sich aber auch um ein Pfettendach und die Pfette hat nachgegeben… Ist dasGebäude mehrgeschossig, in welchem Geschoss treten die Risse auf?
Wenn diese Ursachenermittlung richtig ist, sind an den Wänden in Streichrichtung der Deckenbalken die Risse zu sehen. Man kann die Richtung der Deckenbalken evtl aus der Richtung der Fußbodendielung erschließen, Stragulabeläge oder ähnliches müssen dazu abgehoben werden, falls sich die Fugen nicht durchdrücken. Allerdings würde ich die Risse dann im Bereich der Ecken vermuten und nicht über die ganze Wand. Vielleicht hat sich zusätzlich der Baugrund unter den Wänden mit der Balkenauflage gesenkt?
Vielleicht ist auch die Wölbung der Wand zu sehen, die die Balken trägt, wenn man von außen den Blick streichen läßt?
Nun ist seit dem Frühmittelalter bekannt, daß der durch innere Gebäudeteile erzeugte Schub nach außen (Karlskapelle in Aachen) abgefangen werden kann durch ein in der Wand umlaufendes Zugfestes Bauteil, genannt Ringanker.
Auch bei einem Ziegelsteinhaus mit Holzbalkendecke sind irgendwelche Bauteile vorhanden, die diesen Schub aufnehmen. Ich vernmute zunächst nicht, daß bei der Errichtung der Hauses das vergessen worden ist oder daß der Planer geschludert hat. (Ein Bauwerk jedoch kenne ich, wo keine Schubsicherung zu erkennen war, das war eine Scheuer in Hohenlohe, und tatsächlich ist sie auch vor 5 Jahren teilweise eingestürtzt, das war ein echter Pfusch bei der Planung) Möglicherweise sind die Decken überlastet gewesen, Bücher und Akten sind sehr schwer und erfordern verstärkte Decken. Falls die Risse im Traufbereich sind, sollte die Lage der Pfettenn und Sparren, falls es sich um ein Pfettendach handelt, überprüft werden.
Du willst wissen, was Du tun sollst.
Als erstes würde ich einen sehr deutlichen Preisnachlaß verlangen, in der Größenordnung der zu erwartenden Rep.kosten, also sagen wir mal, 50TEuro (ich hatte mal so einen Fall bei einem Haus eines Freundes in Eßlingen mit sich bewegender Fuge in Eßlingen, extreme Hanglage, da mußte man kubikmeterweise Beton in den Untergrund pumpen, riesiger Machinenaufwand… Ich selbst hab nur zugeschaut, ich liebe einfachere Lösungen…). Du kannst dem Bauunternehmer meine bescheidene Ferndiagnose mitteilen und ihn warnen, bei anderweitigem Verkauf ohne darauf hinzuweisen sei Arglist im Spiel.
An technischen Maßnahmen gibt es natürlich einiges, etwa Stahlseile, Schlaudern, Pfettenanker… Ich weiß auch nicht, weil ich ja die Ursache nicht kenne. Ich halte es für keine Lösung, die Risse nur zuzuschmieren und sich nicht um ihre Entstehung zu kümmern, da die geschilderten Rissbilder doch ungewöhnlich sind.
Ich bin von meiner Ausbildung her kein Bautiger, sondern habe Mathematik und Philologie studiert, bin dann aber unter die Sanierungsmafia in Eßlingen gefallen, wo ich bekannt geworden bin als letzte Hoffnung für hoffnungslose Fälle. Naturgemäß habe ich gelegentlich eine abweichende Meinung…
Aus besonderen Gründen bin ich aber in den Schwarzwald ausgewandert, wo ich mitten im Wald ein ehemaliges Bauernhaus bewohne und mich hauptsächlich mit der Bachfauna beschäftige, will heißen, ich arbeite nicht mehr, jedenfalls nicht mehr für diese Art Kundschaft wie in Eßlingen. Es hat einen eigenen Reiz, dieser Gesellschaft zuzusehen, wie sie im Vollbesitz aller wissenschaftlichen Errungenschaften mit Karacho an die Wand fährt…
Ich weiß, ich kann Dein Problem aus der Ferne nicht lösen.
Schreibe bitte für weitere Fragen an [email protected]
Gruß einstweilen Fritz