Re: Altdeutsche Schrift mal wieder:wink:
Hallo Kevin,
ich hab noch einmal ein paar Fragen wegen der guten alten
altdeutschen Schrift…
bitte sei so lieb zu der Schrift und nenn sie nicht mehr „altdeutsch“ - es ist deutsche Kursivschrift. Unsere heutige Schreibschrift heißt lateinische Kursivschrift, in der Form der lateinischen Ausgangsschrift.
„wohnhaft Domaine (= Domäne) Zilly im Hause Nr. 17“, wobei ich am „y“ ein wenig zweifle: Ist der Name gesichert? Der Schwung am Ende kann der Ansatz zu einem verhuschten runden End-s sein, und der Strich darüber könnte auch zu einem „i“ gehören, so dass auch Namen wie „Zilligs“, „Zillig“ oder ähnlich möglich wären - allerdings kommt man dann mit der Anzahl von Auf- und Abstrichen nicht so recht hin.
Erst einmal vielen Dank für die Hilfe!! Das mit der deutschen Kursivschrift werd ich mir einprägen! Aber dazu Sütterlinschrift zu sagen ist ja auch falsch oder? Da es die deutsche Kursivschrift doch schon eher gab, oder?
das ist wahr! Sütterlin hat übrigens nicht bloß die deutsche, sondern auch die lateinische Schrift in die Mangel genommen, und das Ergebnis war die lateinische Ausgangsschrift, die seither kaum mehr verändert worden ist.
Der Hintergrund der damaligen Reform war die Veränderung der Schreibgeräte: Deutsch kursiv unterscheidet zwischen dem breiten Grund- und dem schmalen Haarstrich. Diesen Unterschied kann man bloß machen, wenn man mit einer Spitzfeder schreibt. Der Übergang zur Redisfeder (sieht an der Spitze so aus wie die Federn der heutigen Füllfederhalter und Patronenfüller) machte den Übergang zu dafür geeigneten Schrifttypen nötig; mit beidem zusammen konnte man viel flüssiger, schneller schreiben. Ebenfalls der flüssigeren Schrift diente bei Sütterlin die Veränderung der Proportionen: Das mittlere Feld, in dem die wesentliche Aussage steht, wird bei Sütterlin deutlich breiter.
Die Grundzüge der Buchstaben, die beim Lesen deutscher Schrift Mühe machen, wie h, H, s, S, g, v, w, hat er aber nicht verändert.
Hab mich jetzt nicht ausführlich mit dem Link beschäftigt,
aber wenn man zu „Namen schreiben“ klickt, dann ist
das nicht wirklich Sütterlin. Gerade das, was du oben
erklärt hast, nämlich den Unterschied von Auf- und
Abstrich ist hier ganz verloren gegangen.
aber das ist grad eine der Neuerungen bei der „Reformschrift“ Sütterlins im Vergleich zur früheren deutschen Kurrentschrift: Sütterlin hat bloß noch eine einheitliche Strichbreite und kann auf diese Weise leicht mit einer Redis-Feder oder mit einem gewöhnlichen Füllfederhalter geschrieben werden.
Die anderen wesentlichen Punkte sind die Verbreiterung der kleinen Buchstaben, die nach dem Vorbild der lateinischen Minuskeln mit wenigen Ausnahmen in ein Quadrat passen, und die Verkürzung der redundanten lang ausgezogenen Striche im oberen und unteren Bereich bei l, g, h etc.
Schöner ist sie dadurch nicht geworden, aber jedenfalls lesbarer. Ich habe einen Grundschullehrer gehabt, der aus welchem Grund auch immer nie von den Proportionen der deutschen Kurrentschrift vor Sütterlin weggekommen war (lustigerweise auch noch Offizier bei der bespannten Artillerie - und das alles im XX Jahrhundert!), und diese Proportionen auch noch bei der lateinischen Ausgangsschrift beibehalten hat: Das war wunderschön anzusehen, ungefähr wie eine barocke Kanzleischrift, aber man konnte die Tafelanschriebe eingentlich bloß lesen, wenn man sich auf den Boden legte und sie von schräg links unten fixierte. Weniger lustig war, dass der Lehrer, der „Schönschreiben“ unterrichtete, aus der Sütterlin-Generation stammte und daher die lateinische Ausgangsschrift mit dezidiert runden Bögen und Schwüngen sehen wollte. Wer da als Schüler nicht diplomatisches Geschick entwickelte, sondern glaubte, es gäbe bloß eine Wahrheit, und die Lehrer seien in deren Besitz, musste das wahlweise beim einen oder beim anderen ausbaden (erfreulicherweise haben beide bloß noch selten geprügelt).
Zum Exempel für Sütterlin zu ihrer (kurzen) Zeit: Ich vermute, dass Du noch von den Eltern Bilderbücher gehabt hast, die in Sütterlin gedruckt waren („Häschenschule“, „Wurzelkinder“ usw.) - falls nicht beide Elternhäuser nebst Inhalt von Keller und Dachboden von der Alliierten Städtesanierung GmbH & Co KG behandelt worden sind.
meine Mutter hat mir Sütterlin beigebracht,
dachte ich —
war wohl die Vorform, eben mit dünn und dicken
Strichen, weshalb ich das wohl verwechselt habe.
Gruß
Elke
die Ergänzung habe ich, falls Du den Thread verfolgt hast, bereits vorgenommen. Ferner ist die Bezeichnung nicht falsch, sondern lediglich ungenau: Sämtliche geneigten Schriften mit verbundenen Buchstaben sind Kursivschriften - vgl. lat. currere, „Kurrent“ von currens, „Kursiv“ um zwei Ecken vom PP cursus abgeleitet.
Nicht alle Kursivschriften sind Kursiv-Druckschriften, sondern bloß manche davon. Wenn ich zitieren darf, obwohl ich Wikipedia sonst nicht so heiß und innig liebe:
„Cursiv-Schriften heißt man diejenige Art Lateinischer Buchstaben, welche denen geschriebenen geschobenen Buchstaben gleich kommet, deren sich die Schreiber ehedessen bedienet, wenn sie geschwind geschrieben haben." (Christian Friedrich Geßner 1740)