Alter, Tod und (vielleicht?) Depression

Hallo,

Ich weiß, dass Ihr hier keine Ferndiagnosen geben könnt, aber vielleicht könnt Ihr mir eine Einschätzung geben oder einen kurzen Ratschlag.

In unserem Haus wohnt eine ältere Frau (um die 70), deren Ehemann vor ca. 1,5 Jahren gestorben ist. Dies hat sie sehr mitgenommen. Wir (mein Mann und ich) hatten mit beiden nicht viel Kontakt, haben sie früher aber oft im Treppenhaus oder vor dem Haus etc. getroffen und ein paar Worte gewechselt. Oder uns über den Balkon hinweg kurz unterhalten (dies sogar am häufigsten).

Damals haben wir natürlich kondoliert, sie sagte nicht viel mehr als „ich bin völlig fertig“. Diesen Satz haben wir in den letzten Monaten immer wieder gehört. Ok, ist ja auch nicht so erstaunlich. Wir haben ihr angeboten, uns anzusprechen, wenn sie Hilfe braucht, oder mal auf einen Kaffee vorbeizukommen. Da wir aber wie gesagt vorher nie viel Kontakt mit ihr hatten (und ich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht so recht weiss, worüber ich mich - ausser über ihre Trauer - mit ihr unterhalten kann) war ich auch wieder ganz froh, dass sie nicht darauf zurückgegriffen hat. Ich dachte mir, es wird im Laufe der Zeit wohl irgendwann besser werden. Sie wird wohl andere Leute kennenlernen. Sie hat Kinder, mindestens eine Tochter wohnt nicht zu weit entfernt.

Es scheint aber eher schlimmer als besser zu werden. In den letzten Wochen sieht man sie fast gar nicht mehr. Gestern, als wir auf dem Balkon waren, kam sie kurz heraus und ich sprach sie darauf an. Sie sagte, sie ginge kaum noch aus. Es wäre sicher auch für sie bald vorbei. Hoffentlich. Ich fragte, ob sie ihre Kinder manchmal sieht. Die Antwort war, nein, dies macht alles noch schwerer. Dann kommen die Erinnerungen. Dann ging sie zurück und machte die Balkontüre zu.

Deshalb meine Fragen (nicht sehr spezifisch): Sollte man ihr raten, zum Arzt zu gehen? Eine Therapie zu suchen? Kümmern sich die Ärzte bei älteren Leuten überhaupt noch um Depressionen (oder wie auch immer man dies nennt)? Oder ist es normal, dass eine Trauerzeit so heftig andauert und man sollte einfach abwarten? Kann man als Aussenstehende irgendwie beurteilen, ob sie professionelle Hilfe braucht? Sollte sich jemand etwas stärker um sie kümmern? (Blöde Frage, ich weiß - wer würde das mit nein beantworten?) Gibt es Anlaufstellen für alleinstehende ältere Menschen?

Mit vielen Grüssen, Walkuerax

Ja, man sollte ihr mal raten, zu jemandem zu gehen. Aber nicht unter dem Gesichtspunkt, dass sie irgendwie „krank“ ist sondern unter dem, dass sie sich in einer unglaublich schweren Lage befindet, mit der kaum einer allein fertig werden kann.

Ich denke da nicht in erster Linie an einen Psychologen… Gerade älteren Menschen fällt es oft sehr schwer sich vorzustellen, zu einem „irrenarzt“ zu gehn, weil Leute die sowas machen ja „in die Klapse gehören“.

Falls es einen Pfarrer oder ähnliches gibt, dem sie sich anvertrauen würde wäre das mein erster Rat. Ansonsten gibt es sicher auch in eurer Region sicher auch jemanden, der auf solche Fälle spezialisiert ist… egal ob diakonissenverein, sozialarbeiter oder die muntere quasseltante von den Landfrauen… das wichtigste wird es wohl sein, dass sie eine „nette, vertrauenswürdige“ Bezugsperson findet, die ihr dann vielleicht auch weitere Schritte näher bringen kann oder sie in ein neues soziales Umfeld mit einbringt (Landfrauen? Seniorenverein? Gesangsverein? Wandergruppe? Kaffeekränzchen?) das zumindest Teile der Lücke füllt, die sie nun in ihrem Leben hat.