Hallo Mohamed,
Meine Frage ist eigentlich, wie lächerlich man sich machen
würde, wenn man (mehr oder weniger poetisch motiviert) einen
speziellen Text „das Lektat“ taufte.
mir scheint, in diesen geistfernen Zeiten würde das überhaupt nicht auffallen. Wenn Oberschüler ganz alltäglich mit „Curriculas“ und „Themas“ umgehen, am schlimmsten „Agendas“, weil das -a darin bereits ein Plural ist, hieße also Deutsch ungefähr „Aufgabenen“, muß man hauptsächlich drauf aufpassen, dass besserwisserische Textsoftware im Stil von MS-Word sich da nicht einmischt und „Lektorat“ draus macht, weil sie dem Schreibenden gerne Vorschriften darüber macht, was er eigentlich schreiben gewollt haben müßte.
Aber im Ernst jetzt: Sauber sind solche - auch neu geschaffenen - Ableitungen nur, wenn sie sich strikt an die lateinischen oder griechischen Formen halten, auf die sie sich beziehen. Wenn ich Deinen Nick und Deine höfliche Ausdrucksweise richtig deute, sind Dir analoge Phänomene aus dem Arabischen bekannt, das ja die andere große „Generalsprache“ unserer Weltgegend war und ist: Ein Türke, ein Perser, ein Pakistani (und wenn man will sogar schon ein Marokkaner), die richtiges Arabisch nur vom Beten kennen, werden sich an nichts stören, was nur „ungefähr Arabisch“ klingt, weil sie eben sonst keinen Umgang mit der Sprache haben. Aber sobald man auch in den genannten Ländern mit jemandem zu tun hat, der sich mit der Schrift beschäftigt, wird es ziemlich ungünstig sein, wenn man die Regeln des Hocharabischen nicht genau einhält.
Am Beispiel „Lektat“: Dem entspräche eine lateinische Form „lectatum“, die gäbe es aber nur, wenn es ein Verb „lectare“ gäbe. Ich weiß es nicht, es kann sein, daß es im späten Kaiserreich oder im Mittelalter irgendwann das Verb „lectare“ gegeben hat, es gab in diesen paar hundert Jahren, in denen Latein Weltsprache geworden war, eine Tendenz, Worte in Richtung der einfacheren Konjugationen und Deklinationen hin zu verändern, damit sie noch jeder rhätische oder nubische Hilfstruppensoldat verstehen konnte.
Wenn man das aber sauber ableiten wollte, müßte man zuerst recherchieren, ob die Vereinfachung von „legere“ = „lesen“ aus der konsonantischen Konjugation zu „lectare“ irgendwann stattgefunden hat. Daß sie über das ursprüngliche Partizip Perfekt Passiv geht, wäre nichts Überraschendes. Vielleicht ist „lectare“ ja in entsprechend spezialisierten Lexika zum Latein der späten Kaiserzeit oder zum mittelalterlichen Mönchslatein zu finden. Zum guten Glück gibt es diese Werke bislang immer noch nur gedruckt auf Papier, und ein sehr schönes ethymologisches Wörterbuch aus dem Besitz meines Vaters, das die romanischen Sprachen synoptisch behandelt, habe ich bei Auflösung des Haushalts (leider!) dem Antiquar überlassen. So daß ich an dieser Stelle nicht weiter weiß.
Es gibt aber hier im Forum einen sehr beschlagenen Altphilologen, „hannes“, dem ich zutraue, daß er das Latein aus der Zeit Walafrid Strabos fließend beherrscht und im Zweifelsfall auch spricht. Vielleicht fällt dem noch etwas zum Thema „lectare“ ein.
Schöne Grüße
MM