Altersdepression?

Hallo Experten,

im Brett Medizin habe ich im gleichen Fall schon eine Anfrage bzgl. der verabreichten Medikamente gestellt (–> „Amineurin und Tavor“), jetzt wende ich mich an die Psychologen:

Patientin: 72jährige Frau, seit 1988 an Krebs erkrankt, der wiederholt auftrat und erfolgreich behandelt wurde. Seit 1996 verwitwet. Wurde von Jugend auf in Abständen von mehreren Jahren von „Schwermut“ geplagt, insbesondere im Winter. Im Alter von ca. 48-50 Jahren Suizidversuch. Bisher keine Therapien.

Vor etwa zwei Wochen traten erstmalig nächtliche Panikattacken auf, verbunden mit Herzrasen (Puls liegt auch im Ruhezustand bei 100!).

Der Hausarzt diagnostizierte Altersdepression, und verschrieb o.g. Medikamente über einen Zeitraum von zunächst 4 Wochen, nach deren Verlauf die Medikamente allmählich abgesetzt werden sollen.

Außerdem riet er zu einer „Reise in den Süden“. Die Patientin machte bisher so gut wie keine Reisen und ist aufgrund chronischer Schmerzen (Verschleiß des Bewegungsapparats) in ihrem Radius eher eingeschränkt.

Frage: Zu welchen Maßnahmen raten die Experten unter Euch?

Thx & viele Grüsse
Diana

Hallo Diana,

aufgrund Deiner kurzen anamnestischen Angaben kann natürlich keine Diagnose gestellt werden. Kann aber sein, daß die Patientin unter Major Depression (nach DSM-IV) leidet. Die Standardtherapie bei Major Depression besteht in einer Kombination aus Medikamenten (meistens trizyklische Antidepressiva wie Imipramin oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Fluoxetin, Handelsname Prozac) und Psychotherapie. Unter den Psychotherapien haben sich die kognitiven Verhaltenstherapien bei Major Depression als wirksam erwiesen, z.B. die kognitiven Therapien nach Beck oder die nach Ellis.

Der Vorteil einer Kombinationsbehandlung besteht in der geringeren Rückfallquote nach Absetzen der Medikamente.

Wie im Einzelfall vorzugehen ist, hängt von den Ergebnissen der Diagnostik ab.

Grüsse und frohe Weihnachten,

Oliver Walter

hallo diana,
sorry… hab jetzt nur aus interesse gelesen, kann dir aber leider keine antwort geben.
gebe nur eines zu bedenken: so weit ich aus eigener erfahrung mit antidepressiva weiss, wirken diese erst nach einigen wochen (4 - 6) voll, somit ist es m.e. falsch, antidepressiva bereits nach vier wochen wieder abzusetzen. denke mal, bei altersdepressionen und den entsprechenden medikamenten (sofern die sich überhaupt von denen für uns junge unterscheiden) ist das nicht anders.
und sorry… einer depressiven patientin zu raten ‚fahr doch mal weg‘, das ist schlichtweg sinnlos. das KANN sie nämlich in einer depressiven phase nicht mehr. diese aussagen ‚tu dir doch mal was gutes‘ etc., die schaden mehr als dass sie nützen! da sprech ich nun wirklich aus erfahrung!
viel glück und der dame gute besserung!!! muschel

Ich noch einmal!

Habe wegen der Medikamente nachgeschlagen. Tavor ist ein Benzodiazepanderivat mit Freinamen Lorazepam. Benzodiazepanderivate haben die sehr unangenehme Wirkung der schnellen Suchtentwicklung und sind bei Depressionen ganz und gar ungeeignet. Bei Angststörungen können sie wirksam sein, man sollte aber auf die Behandlungsdauer achten und darauf, daß das Medikament nach einer bestimmten Zeit abgesetzt wird.

Oliver

Altersschwermut
Hallo Oliver,

vielen Dank zunächst für Deine ausführliche Antwort.

Die Angststörungen sind im genannten Fall erstmalig aufgetreten, Depression bzw. depressive Zustände (ein Psychologe wurde nie hinzugezogen, daher liegt nur die eingangs geschilderte Diagnose des Allgemeinmediziners vor) traten hingegen schon häufiger auf, zumeist gekennzeichnet durch Antriebslosigkeit und Suizidgedanken bzw. dem o.g. Suizidversuch.

Derzeit geht es der Patientin besser, die akuten Angstzustände sind verschwunden (sieht man von der Angst vor dem Rückfall in die „Bodenlosigkeit“ ab), der Ruhepuls liegt momentan bei 85.

Frage: Was ist weiterhin zu tun? Handelt es sich tatsächlich um eine Altersdepression und wie behandelt man diese „im Alltag“? Wenn Du weitere Angaben benötigst, gib kurz Bescheid.

Vielen Dank & Guten Rutsch
Diana

Diagnostik durch Psychiater dringend zu empfehlen
Hallo Diana,

eine Depression ist im Alter nicht leicht zu diagnostizieren, weil depressive Symptome im Alter auch von Demenzkrankheiten herrühren können. Um genau festzustellen, welches Störungsbild vorliegt (auch bzgl. der zu vermutenden Panikstörung), wäre es sinnvoll, eine genauere Diagnostik machen zu lassen (idealerweise durch die Psychiatrie). Psychiatrische Kliniken haben Ambulanzen, zu denen man hingehen kann. Dort kann man es mal versuchen. Wahrscheinlich wird zu einer genaueren Untersuchung (Tests, Fragebögen, Beobachtung des Verhaltens usw.) ein stationärer Aufenthalt notwendig zu sein (ist jedenfalls hier so). Dies hört sich vielleicht abschreckend an, ist jedoch ein Weg, bei dem man relativ sicher (100%ig aber nie), daß eine zutreffende Diagnose mit Empfehlungen für eine Behandlung gestellt wird. Bei akuter Suizidgefahr nehmen die Psychiatrien die Betroffenen sofort auf (jedenfalls sagen es Psychiater immer so).

Natürlich kann man auch zu einem niedergelassenen Psychiater gehen. Das Problem liegt aber in der langen Wartezeit (vielleicht ist die Patientin dann nicht mehr in der depressiven Phase, vielleicht hat sie sich in der Zwischenzeit erfolgreich suizidiert).

Erst nach einer guten Diagnostik kann man Therapievorschläge unterbreiten. Daher empfehle ich im Hinblick auf das, was Du schreibst, zu einem niedergelassenen Facharzt für Psychiatrie oder besser in eine psychiatrische Klinik zu gehen. Falls Besorgnis gegenüber der Psychiatrie bzw. der Patienten dort besteht: Keine Angst! Es ist sehr viel weniger Grund zur Besorgnis, als manche sich vorstellen. Außerdem ist am ehesten gewährleistet, daß die Patientin die angemessene Behandlung erhält.

Frohes neues Jahr!

Oliver