AltGR-Wie pack ichs an?

Hallo zusammen!

Wie so oft sitze ich über meinen Altgriechisch-Hausaufgaben und verzweifel.
Ich habe beim Übersetzen von Texten (nur im Altgriechischen, bei anderen Sprachen nicht) große Probleme damit einen Sinn in das geschriebene zu bekommen. Eine schlüssige deutsche Übersetzung kriege ich nicht hin. Irgendwie habe ich das Gefühl ein Brett vorm Kopf zu haben.
Wie geht man denn überhaupt an so eine Übersetzung ran?
Anscheinend sucht man erstmal Subjekt, Prädikat, Objekt raus, oder?
Und wenn man zwischendurch mal nicht weiss was ein Wort bedeutet? Bzw. einfach nicht begreift was für eine Form das ist, was macht man dann?
Oft kommen bei mir vollkommen verquere Formulierungen raus von denen ich nicht mal im geringsten Einschätzen kann ob sie richtig ist, weil die Lösung oft auch vollkommen verquer ist, aber eben anders verquer :wink:.
Weiß irgendwer irgendwelche Tricks und Kniffe wie man so was macht?
Ich hoffe, ich bin nicht die einzige der es so geht…

Ich bin für jede Hilfe dankbar!

Liebe Grüße
Artemis

Hallo Artemis,

ich kann zwar kein Altgriechisch, aber Übersetzen. Daher von mir zwei Tipps:

  1. Lernen. Und zwar die Vokabeln, und auch die Konjugationsformen oder was es da gibt im Altgriechischen - eben damit du dann weißt, mit welcher Form du es zu tun hast.

(Wenn ich das Wort „went“ nicht gelernt habe, weiß ich nicht, dass das eigentlich „go“ bedeutet, nur in der Vergangenheit.)

  1. Wenn du ein Wort nicht weißt, oder es dir nicht einfällt, erst mal weglassen.

Schau, so zum Beispiel. Als erstes nehme ich den Ausgangssatz, z.B. aus der Times. Wie wär’s mit dem hier:

Islamic Jihad militants launched home-made rockets into Israel from the Gaza Strip in retaliation for Israel’s continuing military operations against their group in the West Bank.

So, und jetzt schreibe ich erstmal hin, was mir gleich einfällt. (Alternative: Man merkt sich das, was einem gleich einfällt, und schaut derweil die Wörter nach. Hinschreiben ist einfacher, vor allem bei komplizierten und langen Sätzen.) So ungefähr:

Islamistische Jihad-… [launch] selbstgefertigte Raketen

Siehst du, und jetzt kommt „from the Gaza Strip“. Das muss im deutschen Satz weiter nach vorne. Ich füge es also vorne ein:

Islamistische Jihad-… [launch] aus dem Gaza-Streifen selbstgefertigte Raketen

Und jetzt sehe ich, da fehlt das mit der „retaliation“. Das sollte auch vor den Raketen stehen. Zuerst schaue ich mal, was LEO zu retaliation meint und entscheide mich für „Vergeltung“. Und dann füge ich das wieder vorne ein. Nun sieht der Satzanfang so aus:

Islamistische Jihad-… [launch] als Vergeltung für Israels fortgesetzte Militäroperationen gegen [their group] aus dem Gaza-Streifen selbstgefertigte Raketen [into Israel].

Gut, nun weiß ich natürlich, was group heißt - Gruppe. Aber soll ich einfach „ihre Gruppe“ schreiben? Hmmm. Ich glaube, eher nicht.

Ich weiß nicht, ob das im Altgriechischen auch so ist, aber gerade im Englischen sind es oft die einfachsten Wörter, über die man stolptert.

Aber ich denke, du hast nun ungefähr gesehen, wie ich vorgehe. Jetzt sauge ich mir noch schnell eine Übersetzung aus den Fingern, damit du ein Endergebnis siehst:

Militante islamistische Jihad-Kämpfer haben als Vergeltung für Israels fortgesetzte Militäroperationen gegen ihre Gruppierung aus dem Gaza-Streifen selbstgefertigte Raketen auf Israel geschossen.

(Ich halte diese Übersetzung nicht für perfekt, Politik ist normalerweise auch gar nicht mein Thema - aber nur mal, damit du siehst, wie ich’s meine.)

Probier’s mal aus und sag mir dann, ob’s funktioniert hat. :smile:

Schöne Grüße

Petra

Hallo Artemis,

Wie geht man denn überhaupt an so eine Übersetzung ran?
Anscheinend sucht man erstmal Subjekt, Prädikat, Objekt raus,
oder?

Das ist richtig, und hier gibt es keinen Unterschied zwischen der Technik bei Latein und (Alt)griechisch. Wenn man den Hauptsatz identifiziert hat, hat man gewonnen.

Und wenn man zwischendurch mal nicht weiss was ein Wort
bedeutet?

Das ist erstmal überhaupt nicht wichtig, die Bedeutungen der Worte kommen später. Wichtig sind sie beim Identifizieren der Struktur bloß dort, wo man wissen muss, ob z.B. ein Verb einen bestimmten Kasus fordert.

Bzw. einfach nicht begreift was für eine Form das
ist, was macht man dann?

Hier ist der Knackpunkt, und hier ist die Technik bei Griechisch und Latein sehr weit vom Englischen weg. Vokabeln sind zwar auch wichtig, aber im Mittelpunkt steht das Erkennen der Formen. Dabei kann man zwar nachschlagen, wenn man irgendwo z.B. nicht sicher ist, ob ein Passiv oder ein Aorist vorliegt, aber grundsätzlich sollte man das Verb als Verb erkennen und auch die Person, den Tempus, den Modus, den Aspekt zumindest einigermaßen zielsicher ausfindig machen. Es hilft hier bloß, Verben aller Konjugationen durch alle Tempora, Modi, Aspekte zu pauken, Deponentia zu kennen etc. (da nehmen sich Griechisch und Latein nicht viel). Vor allem bei Verben hilft es nichts, wenn man bloß den Infinitiv lernt - man braucht alle wesentlichen Formen (erste Person Singular genügt in der Regel, die anderen Personen werden immer ähnlich gebastelt).

Eine besondere Rolle spielen im Vergleich zum Lateinischen beim Griechischen die Partikel, die man stur auswendig kennen muss, weil sie außerhalb der eigentlichen grammatischen Struktur eines Satzes viel ausmachen können. Außerdem die Besonderheit (wieder im Vergleich zum Lateinischen), dass man im Lat. alles Relevante am Ende der Wörter suchen kann, während im Griechischen auch die Präfixe wichtig sind, so dass man, wenn man ganz unsicher ist, parallel vorne und hinten suchen muss.

Weil Du sagst, dass Du in anderen Sprachen keine Schwierigkeiten hast: Um welche anderen Sprachen handelt es sich? Ist Latein dabei?

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin!

Erst einmal vielen Dank für die ausführliche Antwort!
Latein habe ich nie gelernt, daher kann ich auch nicht darauf zurückgreifen. Ich spreche English, Neugriechisch und ein bisschen Spanisch.
Am meisten Probleme bereiten mir diese ganzen Füllwörte wie δε, μεν usw. (sind das Partikel?), dass ich irgendwann gar nicht mehr weiß welches sich auf welches bezieht oder welches man getroßt weglassen kann.
Ich meine auch, dass ich die Formen (wenn auch mit Nachschlagen) erkennen kann. Da hilft mir das Neugriechische sehr weiter.
Ich glaube der Knackpunkt ist genau das was du sagtest: Die Sätze sind so verschachtelt, dass ich den Hauptsatz nicht erkenne.

Liebe Grüße
Artemis

Hallo Petra!

Vielen Dank für deine Antwort!
Genau so wie du es schreibst mach ich es auch, wenn ich an Übersetzungen rangehen. Leider hilft mir das im Altgriechischen nicht weiter.
Dort lässt sich (für mich) die Satzstruktur wesentlich schwieriger erkennen. (siehe mein Postin oben) :frowning:
Trotzdem vielen Dank!!

Liebe Grüße
Artemis

Servus,

δε, μεν usw. (sind das Partikel?)

ja, die gehören dazu.

Das geht von dem an sich harmlosen Kameraden εί δε μή (falsch geschrieben - den Spiritus lenis usw. finde ich nicht), bei dem es in der Regel kein Schaden ist, wenn man ihn übergeht. Diese schmückende Ansammlung von Worten ist vor allem dafür da, dass man mit geringstem Aufwand den deutschen Altphilologen karikieren kann, der immer, bevor er etwas sagt, auch im Deutschen mit „Wohlan denn nun also!“ oder sowas anfängt.

Und das geht bis zu dem ziemlich hinterlistigen άν, das seiner Umgebung eine Art schwebende Unsicherheit gibt, es verneint nicht, aber es bejaht auch nicht. Im Zweifelsfall kann es aber, je nachdem wo es steht, z.B. den Unterschied zwischen einer rhetorischen Frage und einer Frage ausmachen, die wirkliche Zweifel des Fragenden ausdrückt. Über diesen Partikel sind schon heftige Gefechte z.B. unter Theologen betreffend seine Bedeutung in bestimmten NT-Texten ausgefochten worden. Dieses Wörtlein lässt sich streng genommen gar nicht mit einem deutschen Wort, sondern eher mit Gestik und Mimik wiedergeben.

Ich glaube der Knackpunkt ist genau das was du sagtest: Die
Sätze sind so verschachtelt, dass ich den Hauptsatz nicht
erkenne.

Eine Art „Trockenübung“ dazu mit deutschen Texten ist die Lektüre von Texten von Thomas Mann. Der kann hie und da mit einem Satz grade eben noch bremsen, bevor das Kapitel fertig ist - ohne dabei schlechten Stil zu schreiben.

Schöne Grüße

MM

Und das geht bis zu dem ziemlich hinterlistigen άν,
das seiner Umgebung eine Art schwebende Unsicherheit gibt, es
verneint nicht, aber es bejaht auch nicht.

Hallo, Martin,
ein Meister in der Anwendung dieses άν dürfte doch der scheidende bayrische Ministerpräsident sein. Das gedehnte äääh ist m.E. die unmittelbare deutsche Entsprechung.
Gruß
Eckard

Hallo Martin!

Heute werde ich meine erste Nachhilfestunde haben, mal kucken wie es danach läuft.
Vielen dank aber für deine Hilfe!
Vielleicht probier ich es mal mit Thomas Mann… :wink:

Liebe Grüße
Artemis

Für AltGr habe ich ne eigene Taste owT
*SCNR*