Amnesie: Warum die Familie und nicht den Stuhl?

Warum vergisst man beim Gedächtnisverlust die Namen der Familie oder Freunde aber nicht den Begriff Stuhl oder Tisch?

Hallo kaloisius,

Warum vergisst man beim Gedächtnisverlust die Namen der
Familie oder Freunde aber nicht den Begriff Stuhl oder Tisch?

es gibt nicht „die“ Amnesie - es gibt vielmehr verschiedenste Formen.

Bei manchen Formen werden lediglich Ereignisse ab einem bestimmten Zeitpunkt vergessen. Alte Erinnerungen bleiben vorhanden, neue können nicht mehr ins Langzeitgedächtnis wandern.

Bei anderen Formen von Amnesie fehlen Begriffe - und das können Personennamen genauso sein wie Begriffe von Gegenständen, aber auch Wege, Durchführung von Handlungen etc.

Desweiteren kann eine erworbene Prosopagnosie wie Amnesie wirken.
Prosopagnosie bedeutet „Gesichtsblindheit“. Die davon betroffenen Personen sind nicht tatsächlich blind, sondern können lediglich Gesichter wenig gut bis gar nicht mehr wiedererkennen.
Prosopagnosie kann angeboren sein (z.B. im Rahmen von Asperger-Autismus), aber auch durch Tumore oder Gehirnverletzungen entstehen.
Typisch für einen Prosopagnosie-Patienten wären Situationen wie diese:

  • Tante Anne geht vorbei, grüßt freundlich. Der Prosopagnosie-Patient bestreitet später vehement, dass Tante Anne vorbeigegangen ist - keine „Gedächtnislücke“, sondern er hat sie schlichtweg nicht erkannt. Er wird bestätigen können, dass ein Mensch grüßend vorbeigegangen ist (kann aber mitunter nicht sagen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte).

  • Man zeigt dem Prosopagnosie-Patienten ein Foto seiner Frau, seiner Kinder, seiner Familie. Er sagt, er kenne diese Leute nicht oder, er habe eine „vage Erinnerung, weiß aber nicht wer es sein kann“. Auf Nachfrage kann er aber sagen, aus welchen Personen seine Familie besteht und wie sie jeweils heißen.

Falls du an dieser Thematik näher interessiert bist, kann ich dir das Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ von Oliver Sacks empfehlen. Dieses Buch handelt von Fallgeschichten aus der Psychiatrie und Neurologie, in denen es unter anderem um bestimmte Amnesie-Fälle (oder amnesieähnliche Fälle) geht und ist für Laien verständlich geschrieben.

Im Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ beschreibt der Autor Oliver Sacks z.B. einen Patienten, der eine Rose als „rotes, gefaltetes Gebilde mit einem geraden grünen Anhängsel“ beschreiben kann, jedoch das Wort „Rose“ nicht nennen kann.
Desweiteren beschreibt er den Fall eines Patienten, der sich - einfach gesagt - an alltägliche Handlungsabläufe nicht mehr erinnern kann bzw. diese falsch durchführt (statt seine Füße in die Schuhe zu stecken, versucht er es anders herum), Objekte verwechselt (er meint, ein Gegenstand sei ein Kleiderständer mit Hut - dabei ist es seine Frau) u.ä.

Viele Grüße,
Nina