Anarchie auflösen?

Hi!

Angenommen, aufgrund eines Ereignisses (Krieg, Katastrophe o.ä.) bricht die Gesetzeslosigkeit aus und alle tun was sie wollen.

Wie kann man solche Menschenmassen wieder zur Vernunft bringen?

Mir fällt nur die gewalttätige Lösung ein, z.b. mit Polizei oder Soldaten. Oder aber einzelne überzeugen - aber dieser Weg dauert sehr lange, was bei großen Menschmassen wie zum Beipiel einem Staatsvolk, problematisch wäre.

Wie kann man also Menschenmassen erreichen und beeinflussen? Und wie bringt man wieder Ordnung rein? Gehts wirklich nur mit Gewalt?

Gruß,
Sharon

Wie kann man also Menschenmassen erreichen und beeinflussen?
Und wie bringt man wieder Ordnung rein? Gehts wirklich nur mit
Gewalt?

die geschichte hat gezeigt, dass es tatsächlich nur so geht die massen im zaum zu halten. leider.

Servus,

diese Antwort:

die geschichte hat gezeigt, dass es tatsächlich nur so geht
die massen im zaum zu halten. leider.

und die Fragestellung gehen implizit davon aus, dass Menschen per se unvernünftig handeln, wenn sie nicht von einer Ordnungsmacht zu „vernünftigem“ Handeln gezwungen werden.

„Die Geschichte“ zeigt das aber nicht.

Einen kleinen Ausschnitt deutscher Geschichte aus den Tagen, als zum vorläufig letzten Mal in D faktische Anarchie gegeben war, nämlich im April 1945 - der Zeitraum zwischen mehr oder weniger überstürzter Flucht der Vertreter der bisherigen Ordnungsmacht und dem Anrücken der Rhin-et-Danube-Armee dauerte in der Gegend zwischen Donau und Bodensee örtlich etwa eine Woche - habe ich mir von Zeitzeugen berichten lassen. Einzelne Exempel würden hier zu weit führen und nichts erhellen, aber zusammenfassend kann gesagt werden:

In diesen Tagen meisterte die Zivilbevölkerung (einschließlich der örtlich untergebrachten französischen und polnischen Kriegsgefangenen) ohne Anwesenheit einer Ordnungsmacht die Situation im Rahmen des Möglichen und der Umstände ohne Schwierigkeiten.

Doch noch ein kleines Exempel zur Illustration: Waffengewalt war im Gegenteil hie und da notwendig, um die Reste der formal noch vorhandenen Ordnungsmacht an unvernünftigem Handeln zu hindern, so etwa im Fall des Schussenrieder Offiziers Glötter, der einige Hitlerjungen mit vorgehaltenem Revolver veranlasste, die Arbeiten an einer Reihe von Panzersperren entgegen ihrem befohlenen Auftrag abzubrechen und abzuziehen. Auf diese Weise entging der Flecken der Pulverisierung durch französische Artillerie.

Kurz: Dass Anarchie per se, im Sinn eines etwa psychischen Automatismus, zu „unvernünftigem“ oder gemeinschädlichem Handeln veranlasst, wäre IMHO noch zu belegen.

Schöne Grüße

MM

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Hi Sharon,

um seine ganz eigene Auffassung von Ordnung herstellen, muss man wohl Gewalt anwenden. Widerspenstige Rebeln haben in der Regel zu viele gute Argemente dafür, warum sie die Auffassungen einer einzelnen Person, die glaubt herrschen zu können, nicht akzeptieren.

Ciao,

Hilmar

Hallo Sharon,

der Mensch als ursprüngliches Herdentier, braucht Führer.

Diese bilden sich ganz automatisch heraus, auch in kleinen Gruppen
und schon bei Kindern.
Meistens sind es die, die die intelligentesten Lösungsvorschläge für irgendwelche Probleme haben, und dabei am selbstlosesten handeln, nicht die brutalsten.
Das heißt, dass Menschen fast automatisch einen anderen als besser anerkennen als sich selbst und sich diesem unterordnen. Rangkämpfe sind eigentlich, wie bei Gorillas ziemlich selten, gehören aber zur natürlichen Auslese.

Auch eine völlig anarchische Menschengruppe würde somit innerhalb kurzer Zeit wieder bestimmten Regeln und Gesetzen folgen, die dem Wohle der Gruppe dienen. Allerdings hat dadurch auch jede Räuberbande einen Anführer, der zum Wohle der Gruppe handelt.

Schwierig wird es in dem Moment, wo zwei etwa gleich starke Gruppen aufeinander treffen. So kommt es zur Bildung von Völkern, Staaten, Territorien und letztendlich wieder zu Kriegen.

Gruß Nemo.

Denk nicht, dass das (nur) mit Gewalt möglich ist. manchmal auch mit Gewalt nicht möglich (?)

Also entweder stört die Leute die Anarchie nicht, dann ists ja nicht nötig was zu tun.

Wenn die Leute aber selbst sehen, dass was nicht so ist wie sie es sich wünschen (Gewalt, Hunger etc) ist da woh was zu machen. Und zwar Strukturen anbieten, wo diese Bedürfnisse befriedigt werden, sie sicher sind. Langfristig ist auch sowas wie Schulen ne gute Idee, oder Essensverteilung. Also ein Ort wo die Leute was von haben, wenn sie hin gehen und gleichzeitig z.B. demokratische Werte vermittelt bekommen. OK, vielleicht brauchts da z.T auch Waffen für den Schutz.
Oder halt ganz wichtig geschützte Zonen einrichten in die menschen die angst haben und haben müssen fliehen können. wobei, des kann dann späte wieder zu territorialen konflikten führen, wenn sowas dauerhaft bleibt.

Sicher ist aber allein mit Gewalt kann mensch solche Zustände nicht abschaffen. Außerdem besteht dann die Gefahr, dass es nur noch schlimmer wird (also bin keine totale Pazifistin oder so, aber mensch sieht doch, dass es in manchen Regionen nicht so einfach zu funktionieren scheint). Also was ich damit sagen will, Gewalt ist eines unter vielen Mitteln. Dabei machts vielleicht nicht wirklich Sinn zu meinen wenn was hilft, dann ists Gewalt, alles andere hilft nur bedingt, weil Gewalt eben auch nur bedingt hilft.
Nun die Mittel müssen halt zur speziellen Situation passen,meist ists wohl ne Kombination die am besten ist. Und manchmal, vielleicht auch oft übersteigts halt einfach die Möglichkeiten, ist es gar nicht möglich, auch nicht wenn wir noch so tol zivilisiert und demokratisch sind. anderen kulturen unsere systeme (zumeist gewalttätig) aufzudrücken, kein wunder, dass des problematisch ist und of schiefgeht.

die Sophie, die meint, dass oft aus den falschen gründen eingegriffen wird, während woanders zugesehen wird wie menschen sich gegenseitig abmetzteln, weil die gegend wirtschaftlich nicht so wichtig ist (in Gedenken an die Vorfälle in Ruanda und das Nicht-Eingreifen der UN trots Situationskenntnis)

Hi,

weniger als Antwort auf Deine Frage (dazu kann man wohl sowieso nur maximal trivial sagen, dass Gewalt immer hinter dem Gesetz steht, die Frage ist, wie weit dahinter; was aber nicht wirklich ins Psycho-Brett gehören tüte), eher eine Reflektion Deiner Begrifflichkeiten und Voraussetzungen …

vorab fällt mir assoziativ ein, dass Deine Frage eine uralte ist;
mit einem solchen Schreckbild von Anarchie ist jahrtausendelang Staatsgewalt und Repression legitimiert worden; die Frage ist m.E. eine klassische Form innerweltlicher Theodizee.

Angenommen, aufgrund eines Ereignisses (Krieg, Katastrophe
o.ä.) bricht die Gesetzeslosigkeit aus und alle tun was sie
wollen.

Es gibt niemals völlige Gesetzlosigkeit, sondern immer nur Phasen der Suspendierung einer Gesetzesgewalt;
z.B. die bekannten Plünderungen bei Naturkatastrophen oder Bürgerkriegen können stattfinden erstens, weil zeitweilig die Einhaltung des herrschenden Gesetzes nicht erzwungen werden kann, und zweitens aber, weil das Gesetz in den handlungsleitenden Strukturen der Menschen weiterbesteht und deshalb zu erwarten ist, dass seine Einhaltung künftig auch wieder erzwungen werden wird, weshalb die Plünderungen eben gerade jetzt stattfinden müssen, und auch ihren Sinn nur dann haben können, wenn davon ausgegangen werden kann, dass küftig das per Plünderung „erworbene“ Einkommen von der Gesetzesgewalt geschützt werden wird.

Also tun eben auch in solchen Fällen nicht alle „was sie wollen“, sondern eben das, was das Gesetz ermöglicht; sicher ein interessantes Phänomen, hat aber wenig mit „Anarchie“ und „Gesetzlosigkeit“ zu tun.

Viele Grüße
Franz