Hallo Jana,
ich muss denjenigen, die hier bereits nach weiteren Infos zu Deiner Story gefragt haben, recht geben: Ohne nähere Angaben zum Hintergrund der Geschichte und ihrer handelnden Personen kann man nur wenig Weiterführendes zu Deiner Geschichte sagen.
Ich habe dennoch einmal ein paar Passagen näher beleuchtet und bin dabei u.a. davon ausgegangen, dass das Ganze im Mittelalter (oder hieran naher Zeitepoche) oder in einem Fantasy-Setting spielt. Falls das nicht zutrifft, sind manche Anmerkungen möglicherweise nicht zutreffend (s.o: fehlende Infos!!)
Sie rannte. Sie wusste noch nicht wohin und es war ihr auch
egal. Einfach weg. Nur weg von hier. Raus aus der Stadt.
Der zweite Satz steht in einem gewissen Widerspruch zu der weiteren Beschreibung: Sie weiß ja doch, dass Sie aus der Stadt will und da es nur ein Stadttor gibt, ist das Ziel ihres Rennens klar. Zumal sie ja gleich auch noch ganz gezielt bestimmte Gassen auswählt. Der Satz soll vermutlich ihr Gehetzt-sein, ihre Furcht (Panik?) ausdrücken. Das ist zwar gut, passt aber wie gesagt in dieser Form nicht ganz.
Bis zum Stadttor war es noch ein gutes Stück und es waren
mindestens zehn Männer, die ihr folgten.
Ich persönlich (subjektive Meinung!!) finde die Verbindung von „Entfernung zum Stadttor“ und „Anzahl der Verfolger“ hier nicht so logisch, als dass das in einem Satz untergebracht werden sollte/müsste. Mit geänderter Formulierung in zwei Sätzen könnte ich mir als besser vorstellen.
Ihr Atem ging keuchend. Sie hörte nur die immer leiser werdenden Rufe
der Verfolger, ihren schnellen Atem und ihre leisen Schritte auf
dem Straßenpflaster. Sie benutzte absichtlich die leisen
verwinkelten Gassen, damit niemand sie packen und herumreißen
konnte, wenn die Stimmen der Verfolger schrien: „Haltet sie!“
3 * „leise“ in diesem Abschnitt: unschöne Wiederholung.
Außerdem erscheint es schwer vorstellbar, dass jemand der schon keuchend rennt, noch in der Lage ist, „leise Schritte“ zu produzieren (die hat man höchstens beim Anschleichen, etc.).
Und mit den leisen Gassen sind vermutlich „leere“, „menschenarme“, „verlassene“, etc., Gassen gemeint, oder?
Ein möglicher zusätzlicher Fehler in der Logik mag darin liegen, dass einerseits die Rufe der Verfolger immer leiser werden, andererseits sie aber immer noch befürchten muss, dass jemand hinter ihr lauthals „Haltet Sie!“ schreien kann.
Immer näher kamen die Stadtmauern heran, das war ihr bewusst,
denn diese Stadt kannte sie wie ihre Westentasche. Doch sie
wusste auch, dass die Verfolger zuallererst das Tor besetzen
und schließen würden, weil dies der einzige Ausgang war, den
sie benutzen konnte.
Achtung: Widerspruch!!! Wenn sie die Stadt wie ihre Westentasche kennt, wieso nutzt sie dann nicht die offensichtliche Abkürzung, die es ihren Verfolgern erlaubt, VOR ihr am Stadttor zu sein. Ist es für die Geschichte denn wichtig, dass sie die Stadt sooo gut kennt?
Sie warf einen schnellen Blick über die
Schulter. Es war niemand zu sehen. Sie sah niemanden und sie
hörte niemanden, doch sie wusste, dass sie noch längst nicht
sicher war.
Unschöne Wiederholung.
Sie verlangsamte ihre Schritte nicht, denn sie
musste das Stadttor vor den anderen erreichen. Doch langsam
schwanden ihre Kräfte, auch wenn sie eine Ausdauer hatte, die
normale Menschen niemals besitzen würden.
Hier ist erneut der Widerspruch von vorhin: Trotz ihrer Ortskenntnis UND ihrer enormen Kondition schafft sie es nicht, ihren Verfolgern zu entkommen? Wenn sie zu zeitaufwendigen Umwegen gezwungen sein sollte, dann wird das hier nicht klar.
Sie rannte weiter.
Noch ein paar Gassen, dann musste sie auf die Hauptstraße. Sie
flitzte um Ecken und sprang über Pfützen. Nichts deutete auf
die Männer hin, die ihr nachjagten, doch sie waren da.
Irgendwo. Und sie lauerten.
Jetzt lauern die Verfolger sogar schon! Sie haben die Heldin also mittlerweile nicht nur überholt, sondern haben sich auch noch irgendwo entlang des Fluchtwegs versteckt.
Immer rasselnder ging ihr Atem. Bald könnte sie keinen Schritt
mehr tun. Doch sie wusste ihre Kräfte einzuschätzen.
Kann sie nun noch oder nicht? Das „doch“ erscheint mir zu gegensätzlich. Ich erlaube mir mal eine Alternative: "Immer rasselnder (keuchender? „rasselnd“ klingt nach Lungenkrankheit) ging ihr Atem. Sie wusste ihre Kräfte einzuschätzen und ihr war klar: Bald würde sie keinen Schritt mehr tun können.
Ihr langes Haar wehte im Wind, als sie um die Ecke zur Hauptstraße
bog.
Das Haare weht nur beim Umbiegen der Ecke im Wind? Ich kann mir vorstellen, was Du sagen willst. Ich finde aber, dass das Info-Dump ist.
„Da ist sie!“, riefen laute tiefe Männerstimmen, und sie hörte
die raschen Schritte, die wieder die Verfolgung aufnahmen.
Nicht böse sein, aber das erscheint mir der nächste logische Fehler zu sein: Die Verfolger, die ja bekanntermassen bereits „irgendwo lauern“, lassen sie erst passieren, um dann hinter ihr (sie sieht sie ja nicht vor sich, sondern hört sie nur: also sind sie hinter ihr) herzulaufen und zu rufen? Und wieso „tiefe“ Männerstimmen? Ich kann nicht genau sagen warum, aber ich bin an der Stelle beim Lesen etwas gestolpert.
Menschen drehten sich bei diesen Rufen erschrocken um. Die
Hauptstraße war stets voller Menschen.
Der letzte Satz ist überflüssig.
„Schließt das Tor!“,
brüllte eine weitere Stimme. Sie hatte es erwartet, doch
trotzdem schlug ihr Herz noch schneller als zuvor. Adrenalin
rauschte durch ihren Körper und mobilisierte ihre letzten
Kraftreserven.
Ist man sich in dem Zeitalter oder in dem Setting, in dem die Szene spielt, bewußt, was „Adrenalin“ ist? Ansonsten muss es raus.
Auch ohne den Befehl des Mannes, das Tor zu schließen, hatten
andere damit längst begonnen.
Warum? Ist man in dieser Stadt so misstrauisch und gleichzeitig so geistesgegenwärtig, dass man aufgrund eines plötzlichen Tumults sofort die Stadttore schließt?
Es war nur noch ein kleiner
Spalt, eine schmale Lücke, die immer enger wurde. Es trennten
sie noch zwanzig Schritte von ihrem Ziel, von der Freiheit,
doch sie spürte, dass es eng werden würde. Sie rannte und
rannte, Schritt für Schritt kam sie näher, doch je näher sie
kam, desto winziger wurde der Spalt, der ihr die Freiheit
versprach. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung und
alles, was sie sah, war das Tor.
Das was du hier so ausführlich beschreibst, dauert in der Szene reale 10 gerannte (!!) Schritte. Ein 100-m-Sprinter macht das in zwei, drei Sekunden (höchstens). Diese Zeitspanne muss nun ausreichen, um den Spalt immer kleiner werden zu lassen, ihr Anstrengung zu vergrößern, etc.
Doch als sie noch zehn Schritte entfernt war, fielen die
beiden Flügel mit einem leisen, dumpfen Geräusch, das für sie
doch so viel lauter in ihren Ohren dröhnte, zu.
Nicht böse sein, aber: Stadttore, die mit einem „leisen“ Geräusch, ob dumpf oder nicht, zufallen, finde ich putzig. In einem Spielfilm würde ich bei so einem Ton über den unfähigen Geräuschemacher schmunzeln.
Sie machte
eine Vollbremsung und blieb etwa fünf Schritte vor den
Wachmännern am Tor zum Stehen.
Auch „Vollbremsung“ ist ein Begriff aus der Neuzeit und passt nicht so recht. Und die wiederholten Entfernungsangaben (20, 10, 5 Schritte) sind doch für die Szene an sich unwichtig, oder? Überflüssig = raus damit.
Gehetzt blickte sie sich um.
Die Männer, die sie verfolgten, waren noch dreißig Schritte
entfernt, doch die Stadtwachen wollten sie zurückdrängen, in
die Arme der Jäger …
Die nächste Entfernungsangabe. Ist es wichtig, dass die Verfolger 30 Schritte entfernt sind?
Ihre Augen suchten hektisch die Umgebung ab, versuchten, einen
Ausweg zu finden, bevor es zu spät war.
Gute Formulierung.
Ihre Augen schweiften
über eine gaffende Menge und über die Häuser, die neben ihr in
den Himmel stiegen.
Wahrscheinlich „ragten“ die Häuser in den Himmel (warum das allerdings wichtig ist, will mir nicht so recht einleuchten), oder? Andernfalls hätten sie etwas von Flugobjekten.
Links von ihr war eine schmale Gasse. Ohne
nachzudenken spurtete sie los. Die Männer hinter ihr schrien
verärgert und liefen ihr nach. Verzweiflung durchströmte sie
wie eine rauschende Welle. Sie würde keine fünfhundert Meter
mehr durchhalten, ihre Beine fühlten sich jetzt schon an wie
Steinklötze.
- Wird in dieser Zeit/Gegend/etc. in Metern gemessen? Falls nein, raus damit.
- Erneut: Warum ist es wichtig, dass sie die Entfernung, die sie nicht mehr durchhalten kann, so genau kennt? Wieder: raus damit
- „Steinklötze“ klingt holprig. Vielleicht schmerzen ihre Beine ja auch einfach oder sie hat das Gefühl, als würden Gewichte an ihnen hängen.
Sie hasste es, wenn ihre Pläne schief liefen. Wenn sie
entdeckt wurde.
Ich verstehe, dass man am Anfang einer Geschichte noch nicht gleich alle Katzen aus den Säcken lassen will. Aber ab hier wird´s doch langsam lästig unübersichtlich: der Leser weiß immer noch nicht, wer „sie“ ist. Er weiß nicht, was sie so besonders macht. Er hat keine Ahnung, warum sie flieht. Und nun weiß er auch nichts über ihre gescheiterten Pläne.
Ihre Schritte wurden langsamer und ihre
Verfolger holten auf.
Obwohl sie eine bessere Kondition als andere Menschen hat? Das müssen beeindruckende Verfolger sein.
Sie bog ein in das verwirrende
Gassensystem der Stadt, in der Hoffnung, die Männer
abzuhängen.
Wieder ein Haken in der Story: warum hat sie das nicht zu Anfang versucht, wenn ihr doch klar war, dass das Stadttor eine Falle sein würde?
Irgendwo über sich sah sie plötzlich eine
Terrasse.
„irgendwo“ klingt, als ob die Terrasse ohne festen Bezug gerade einmal so rumhängt. Einfach weglassen.
Mit letzter Kraft kletterte sie an einem alten
knorrigen Baum hoch. Normale Menschen wären daran niemals
hochgekommen. Doch sie war anders.
Auch hier wieder: Achtung, Logik! Die Verfolger waren am Tor gerade einmal 30 Schritte von ihr entfernt und haben in der Zwischenzeit weiter aufgeholt. Und jetzt hat sie trotz Ermüdung die Möglichkeit, ungesehen (!!) auf den Baum zu klettern?
Einige Sekunden später presste sie sich so flach wie möglich
auf den Boden der Terrasse. Ihr eigener Atem und ihr
Herzschlag kamen ihr so unglaublich laut vor, wie
Donnerschläge in einer stillen Nacht.
Damit ich auch mal was Positives gesagt habe (ist aber auch ehrlich gemeint): die letzte Formulierung gefällt mir richtig gut.
Wenn Dich Schreiben allgemein interessiert, suche Dir doch eine gute (!!) Schreibgruppe oder ein entsprechendes Forum im Internet. „Federfeuer“ wäre da z.B. eine interessante Adresse; leider nehmen die im Moment keine weiteren Mitglieder auf. Viele interessante Tipps gibt´s aber trotzdem da zu lesen (wie an manch anderer Stelle auch).
Viele Grüße
Camelot