Angst und daraus resultierendes Ausflippen (lang)

Liebe WWW-Freunde,

ich habe ein Problem mit einem Bekannten und hoffe, dass ihr mir mit Tipps weiterhelfen könnt.

Erst einmal eine kurze Schilderung der Vergangenheit meines Bekannten: Er ist 30 und eigentlich körperlich gesund und munter. Vor zwei Jahren begann für ihn eine sehr schwere Zeit. Er hatte sich selbstständig gemacht und die Schulden häuften sich. Er stand also da ohne finanzielle Rücklagen und wohnte noch bei seiner Mutter. Mit dieser gab es mächtigen Stress, da sie psychisch den Tod ihres Mannes, also des Vaters meines Bekannten, nicht wirklich verkraftete.
Viele Nächte verbrachte er auf der Straße, schlief am Bahnhof und wußte nicht wohin er sollte, wenn seine Mutter und er sich gestritten hatten. Er schrieb Mails an seine Freunde und bat, irgendwo für ein paar Tage unterzukommen - doch bekam er entweder negative Antworten oder gar keine, was ihn bis heute noch total entrüstet, weil er glaube, es seien seine guten Freunde. Doch dann lernte er eine Frau kennen, die ihm eine recht gute Freundin wurde und er kam bei ihr für 3 Monate unter. Dann sollte ein Vollzeitjob beginnen. Also packte er seinen Koffer und zog um. Dort jedoch wieder eine Pleite – denn die Firma ging noch bevor sie wachsen konnte in die Insolvenz. Also stand er wieder da – ohne Einkommen und ohne Plan. Er hatte aber mittlerweile eine Partnerschaft begonnen und zog somit erstmal einen Monat zu dieser – dort schrieb er Bewerbungen und suchte sich eine Wohnung in einer anderen Stadt. Nach einem Monat stand der Job und auch die Wohnung. Nach vielen aufreibenden Nächten auf der Straße und bei irgendwelchen Bekannten etc. wurde also alles irgendwie gut.

Nun zu meinem Problem mit der Person:
Bei ihm handelt es sich um eine sehr nervöse Person – alles berührt er zweimal und wenn er etwas nicht auf Anhieb hinbekommt, schlägt er sich selbst mit der Faust an den Kopf. Wenn man zum Beispiel eine CD-Hülle auf eine Fernbedienung legt, ist er der Meinung, man wolle ihn ärgern und ist nicht mehr in der Lage diese Hülle einfach runterzunehmen. Er rastet dann einfach aus, schimpft wild und schlägt auf sich selbst ein. Wenn er etwas hinlegt und dabei ein Geräusch macht passiert das gleiche. Er steht also ständig unter Druck – unter Druck, etwas sehr leise zu machen etc. Und da er so unter Druck steht, gelingt es ihm eben oft erst recht nicht. Manche Tage ist er so fertig, dass er die Wohnung nicht verlassen kann.

Er erzählt ständig, dass er sich total allein und verlassen fühlt – obwohl seine Freundin, mit der er eine Fernbeziehung führt, jederzeit ans Telefon geht und ihm mit Rat und Tat zur Seite steht oder ihn besuchen fährt. Selbst wenn sie da ist, meint er zu ihr, dass keiner ihm hilft und ihn keiner an die Hand nimmt und ihm das Leben erklärt, welches er, nach eigener Aussage, verlernt hat.

Andererseits sehnt er sich ständig nach Freiheit und will sich jemand um ihn kümmern, will er einfach nur ausbrechen, weil er der Meinung ist, er schafft das allein und alle Menschen um ihn herum bauen nur Extra-Druck auf. Ständig sagt er, dass ihn alle nur mögen, wenn er Mr. Sunnyboy ist und wenn er Probleme hat wenden sich alle von ihm ab - was aber nicht stimmt.

Er ist vollkommen überzeugt von der Meinung, dass man ihn nur mag, wenn er „funktioniert“ und setzt sich somit auch ständig dem Erfolgsdruck aus eben einfach zu funktionieren. Wenn er das tut, baut sich eine extreme Wut in ihm auf und am Abend flippt er völlig aus…
Er macht sich laufend Sorgen und kann einfach nicht glücklich sein, obwohl in seinem Leben doch jetzt alles stimmt – Job, Freundin, Wohnung,…

Er verzweifelt momentan an den kleinsten Dingen und weiß auch selbst, dass das so nicht normal ist. Aber einen Termin bei einem Psychologen bekommt er auch nicht – nur mit immensen Wartezeiten.

Er schafft die kleinsten Dinge nicht. Geht es allerdings jemandem schlecht oder eine kritische Situation steht an, ist er voll bei sich und eigentlich ein „Mister-ich-bekomm-alles-hin“. Schnell organisiert er Hilfe etc. Umso schlimmer die Situation, desto „normaler“ verhält er sich.

Nun ist es leider schon soweit, dass er seinen Job aufgeben will, weil er morgens schon überfordert aufwacht und den Tag nur sehr sehr schwer überstehen kann. Ständig hat er schlechte Gedanken und verzweifelt eben an den Kleinigkeiten – dem Weg zur Arbeit zum Beispiel. Er weigert sich allein die U-Bahn zu nehmen und zahlt lieber ein teures Taxi. Er selbst kann nicht richtig erklären, warum das so ist.

Rempelt ihn jemand auf der Strasse ausversehen an z.B. muss er die gleiche Berührung erneut hervorrufen und rempelt irgendjemand anderen an. Läuft ein großer Mann vor ihm, rennt er plötzlich los, weil er unbedingt vor ihm sein will. Gullideckel und Strassenunebenheiten kann er nicht überqueren.

Er hat sein eigenes System von Ordnung im Kopf und läßt sich da nicht reinreden. Wenn ihn jemand zu Fuß überholt, muß er diesen jemand unbedingt rechts überholen.

Außerdem muß man oft Sätze mehrere Male sagen, weil er eine bestimmte Handlung nur dann vollziehen kann, wenn man etwas sagt – und sei es nur am Kopf kratzen. Der Satz muß genau den gleichen Wortlaut haben wie zuvor sonst flippt er voll aus. Außerdem bringt er gewisse Wörter wie „klar“, „ja“, „nein“ etc. nicht über die Lippen. Und rutscht es ihm doch mal so raus, dann verzweifelt er vollkommen.

Oft ruft er mich ganz verzeifelt an, wenn er niemanden anderen erreicht, und erwartet von mir Hilfe. Doch ich weiß mir keinen Rat. Es tut mir sehr weh, wenn ich höre, wie er wieder anfängt, sich selbst zu schlagen und ich würde ihm wirklich gern helfen… Doch wie? Habt ihr vielleicht jemanden mit einem ähnlichen Problem oder einfach eine Idee an wen ich mich wenden kann? Ich habe oft selbst das Gefühl, das mich die Hilfestellung, die er von mir dann verlangt, überfordert, und weiß oft nicht, was ich ihm sagen soll oder wie auch immer ich helfen kann / soll. Oft weine ich über sein Schicksal und würde ihn am liebsten nie mehr hören, obwohl ich ihn eigentlich gern hab und irgendwie auch kein gutes Gefühl dabei hätte, einen Menschen, dem es irgendwie so schlecht geht, allein zu lassen. Oft will ich ihm einfach nur sagen: „sei doch einfach normal…“ – aber genau das kann er wohl nicht sein irgendwie.

Hallo,

das nennt man meiner Meinung nach eine Zwangsstörung. Zumindest ist er ein sehr zwanghafter Typ. Schon ziemlich destruktiv. Tipps kann ich leider nicht geben, außer: Psychotherapie, tiefenpsychologische. Es gibt psychoanalytische Institute in größeren Städten, die auch zur Beratung und für Therapievermittlung „dienen“. Hierdurch könnte er schneller einen Therapieplatz bekommen.

Gruß
A.

Hallo,

also lange Wartezeiten beim Arzt hin oder her: Der Mann gehört schnellstens in Therapie! Mein ich jetzt nicht irgendwie negativ. Da kommt der auch mit dir als Freund nicht raus. Das kann nur ein Fachmann in die Hände nehmen. Wie du schon selbst sagst, packst du das als „Normalo“ nicht. Besser wird das sicher nicht werden eher schlechter. Daumendrück, dass das beim Arzt hinhaut und er sich hoffentlich fragen wird, warum er nicht schon eher einen Termin ausgemacht hat.

LG

hallo dunkle rose,

Er verzweifelt momentan an den kleinsten Dingen und weiß auch
selbst, dass das so nicht normal ist. Aber einen Termin bei
einem Psychologen bekommt er auch nicht – nur mit immensen
Wartezeiten.

dann muss er einen termin erzwingen. in das nächstgelegene krankenhaus mit psycholog. abteilung fahren und sagen, dass er nicht mehr weiter kann. soweit ich weiß dürfen sie ihn in dem fall nicht abweisen.

viel erfolg wünscht
menil

Hallo,

wie meine Vorredner rate auch ich, schleunigst einen Psychologen aufzusuchen.

Außerdem wäre auch der Besuch bei einem Psychiater ratsam, der dann entscheiden kann, ob es dem Patienten mit Medikamenten besser geht.

Grüß, Sven-Paul