Kognitive Verhaltenstherapie: wie funktioniert’s?
Hallo Tobias
Den untenstehenden Text habe ich aus meiner virtuellen Schublade
gezogen, deshalb passt er vom Einstieg und von den Beispielen her
nicht so ganz zu deinem Problem. Du findest in ihm die Prinzipien der
Kognitiven Verhaltenstherapie erklaert, so wie ich sie verstehe.
Diese Behandlungsmethode eignet sich besonders gut bei
Angststoerungen. Vielleicht denkst du ja beim Lesen, dass diese
Methode auch dir helfen koennte. Wenn ja, dann wende dich an einen
Psychotherapeuten, der diese Methode anwendet. Wie du das konkret
anstellst, kannst du hier im Forum fragen.
Alles Gute, Tychi
Der Text ist in besserer Schrift auch unter
http://www.fasala.com/kvt.htm zu finden.
Nimm an, du hättest du drei Wünsche frei. Was würdest du dir
wünschen?
Beantworte die Frage, bevor du weiterliest.
War es viel Geld, dauernde Gesundheit, höhere sexuelle Attraktivität,
mehr Wissen, Ruhm und Ehre, Friede auf Erden, dass dein heimlicher
Schwarm dich liebe oder etwas ähnliches?
Ist es nicht erstaunlich, dass kaum jemand auf die Idee kommt, sich
zu wünschen, dass er glücklich und zufrieden sei mit dem was er hat
und dem, was ihm das Leben noch bringt?
Stattdessen fällt jedem nur ein, wie seine Umwelt sich ändern müsste,
damit er sich glücklich und zufrieden fühlt. Zu deiner Umwelt gehören
dein Kontostand, die Reaktionen anderer Menschen auf deinen Körper
und deine Ausstrahlung, die Meinung, die die Menschen von dir haben
usw.
Warum wünschst du dir Glück und Zufriedenheit nicht direkt, sondern
gehst den Umweg über eine Änderung der Umwelt, in der du lebst?
Wie kommt es, dass wir nicht auf den Gedanken kommen, uns selbst zu
ändern, sondern immer nur denken, die Welt müsse anders sein?
Wenn jemand unglücklich ist, dann kann er zwei Dinge tun:
- Seine Umwelt ändern, also z.B. woanders hinziehen, sich vom
Partner trennen, neue Freunde suchen, den Nachbarn anzeigen.
- Seine Einstellungen ändern, d.h. sich an die Umwelt anpassen.
Beides ist oft schwierig und manchmal ist das eine besser und
manchmal das andere. Manche werden mit einem neuen Partner
glücklicher, andere sind froh, schwierige Zeiten durchgehalten und an
sich gearbeitet zu haben.
**WIR LEIDEN NICHT AN DEN DINGEN, SONDERN AN UNSERER EINSTELLUNG ZU
IHNEN.**
Diese alte Weisheit (z.B. formuliert von Epiktet) ist die Grundlage
der KVT.
Kognitive Verhaltenstherapie.
Psychische Probleme sind immer emotionale Probleme. Zu den
unangenehmen Emotionen zählen Angst, Niedergeschlagenheit, Neid, Ekel
oder Scham.
Wie entstehen Emotionen?
Verschiedene Menschen reagieren verschieden auf dieselben
Situationen. Wenn man sie fragt, warum sie dieses oder jenes Gefühl
gehabt hätten, werden sie antworten, dass die Situation schön oder
scheußlich gewesen sei, dass etwas stattgefunden habe, was sie gut
oder schlecht fänden usw. Manchmal wissen sie aber auch nicht, warum
sie das jeweilige Gefühl hatten.
In der KVT sieht man Emotionen als das Ergebnis unserer Bewertung
einer Situation. Genauer: Etwas geschieht. Dieses kann man objektiv
beschreiben.
Daran schließt sich eine individuelle Bewertung, und auf die
Bewertung folgt die Emotion.
Beispiel:
- Situation: Frau K. erfährt, dass ihr Mann in einem Autounfall
umgekommen sei.
- Bewertung: Oh, wie schrecklich! Wie soll ich jetzt
weiterleben?
- Emotionen: Schreck, Angst, Trauer.
oder
- Situation: Frau M. erfährt, dass ihr Mann in einem Autounfall
umgekommen sei.
- Bewertung: Endlich ist er tot. Jetzt kann ich ein neues Leben
beginnen.
- Emotionen: Erleichterung, Freude.
Oft folgen Emotionen prompt auf Situationen, d.h. der Schritt
„Bewertung“ scheint nicht stattzufinden. Das ist aber eine Täuschung,
denn in Wahrheit findet er sehr wohl statt, nur blitzschnell und
unbewusst. Dies ist immer dann der Fall, wenn wir die Situationen so
oder so ähnlich schon gut kennen und der lange Weg über das
Bewusstsein nicht mehr genommen werden muss. Es handelt sich um
verinnerlichte Bewertungen.
Nehmen wir mal das Beispiel eines schüchternen Menschen Herrn K., der
nicht in der Lage ist, vor Publikum zu sprechen.
- Situation: Herr K soll auf einer Hochzeitsfeier spontan eine
kleine Rede halten. Die Gäste wissen nichts von seiner Angst.
- Bewertung: Großer Gott, das kann ich doch gar nicht. Ist das
peinlich!
- Emotion: Scham.
- Verhalten: Herr K. bleibt sitzen und schüttelt den Kopf.
Hier ist noch ein weiteres Element hinzugekommen, nämlich das
Verhalten.
Herr K. bekam schon oft den Ratschlag zu hören, er solle sich nicht
so anstellen, sich zusammenreißen und auch, dass das doch gar nicht
so schlimm sei usw.
Irgendwie sieht er das ja auch alles ein, aber es nützt ihm nichts.
Er ist einfach nicht in der Lage, den Ratschlägen und Vorsätzen zu
folgen.
Das hat folgende Ursache:
Unsere psychischen Vorgänge sind größtenteils unbewusst. Das
Bewusstsein, d.h. unser Ich, ist nur ein kleiner Teil der Psyche.
Dieser kleine Teil ist sehr langsam im Verarbeiten von Daten und
überhaupt nur schlecht informiert über die Dinge, die um uns herum
oder in uns stattfinden. Deshalb hat das Ich auch nur wenig zu sagen,
wenn Entscheidungen und Handlungen anstehen. Das Unbewusste bestimmt,
was wir tun, was wir fühlen und wie wir uns entscheiden. Die
Entscheidungen, die Gefühle und die Handlungsanweisungen werden dem
Ich und dem Körper mitgeteilt. Der Körper verhält sich entsprechend,
und im Ich entsteht die Illusion es selbst hätte den Körper
veranlasst so und nicht anders zu handeln oder die Entscheidung
gefällt zu haben.
Manchmal kommt es auch zu Diskrepanzen zwischen dem Wollen
(Bewusstseinsinhalt, Ich) und dem Handeln. Dann wird offensichtlich,
was meistens verborgen bleibt, nämlich dass das Ich nur wenig
Einfluss hat.
Ratschläge, Aufforderungen usw. sind Bewusstseinsinhalte, d.h. sie
erreichen meistens nur das Ich. Dieses hat aber auf das Unbewusste
kaum Einfluss. Das Ich ist bildlich gesprochen mit einer fast
semipermeablen Membran vom Unbewussten abgetrennt. Während es vom
Unbewussten immerzu Anweisungen erhält, nimmt dieses vom Ich nur
wenig entgegen.
Das Unbewusste ist das Ergebnis der Vergangenheit, sowohl der
Vergangenheit der Spezies Mensch, die sich in den Genen niederschlägt
als auch der individuellen Vergangenheit, d.h. der Erziehung und
aller anderen Erfahrungen.
Dieser gewaltige Informationsvorrat bestimmt uns. Freilich ist es
möglich und auch recht häufig, dass Erfahrungen widersprüchlich sind
(z.B. wird ein bestimmtes Verhalten von den Eltern getadelt und von
den Freunden gelobt). Der Informationsvorrat ist also nicht
konsistent. Deshalb verspüren wir widersprüchliche Bestrebungen und
geraten oft in emotionale Turbulenzen.
Unbewusste Muster umzustrukturieren und durch neue zu ersetzen, ist
eine harte Arbeit und erfordert viel Geduld. Wir können nicht per
Beschluss anders sein als wir sind. Psychische Veränderungen sind
Prozesse, die sich über Wochen, Monate und Jahre hinziehen. Ausnahmen
davon bilden Schlüsselerlebnisse. Sie können einen Menschen
schlagartig verändern. Aber sie lassen sich nur sehr schlecht planen
und sind daher als systematische Therapie nur in manchen Fällen zu
gebrauchen.
**ERFAHRUNGEN PRÄGEN UNS STÄRKER ALS VORSTELLUNGEN.**
Vieles müssen wir am eigenen Leib erfahren, um ein Gefühl dafür zu
bekommen und um es zu glauben. Ich kann mir zwar vorstellen, wie es
ist, ein gebrochenes Bein zu haben, aber wenn es wirklich gebrochen
ist, habe ich andere Gefühle und andere Gedanken als bei der
Vorstellung. Ich glaube dann auch mehr über diese Situation zu
wissen, in der jemand mit gebrochenem Bein ist, obwohl meine
Erfahrung überhaupt nicht allgemeingültig ist.
Wegen dieser Tatsache hilft es oft auch wenig, einem Menschen vor
einer Gefahr zu warnen oder ihm etwas bildhaft zu beschreiben, so
dass ihm die Lust vergehe oder dass seine Neugier befriedigt werde.
Er muss es selbst erleben, um zufrieden zu sein oder um die Gefahr zu
glauben.
Auch kann ich ihm nicht meine Weisheit schenken. Ich kann ihm in
einem Entscheidungskonflikt sagen: „Entscheide dich für A, denn damit
habe ich gute Erfahrungen gemacht.“ Das nützt dem anderen aber nur
dann etwas, wenn diese Entscheidung mit seinen eigenen Erfahrungen,
d.h. mit seinem Unbewussten in Einklang steht.
Herr K. begibt sich in eine Psychotherapie, um seine Schüchternheit
zu überwinden. Das heißt, er möchte andere Gefühle haben und sich
anders verhalten.
Der erste Schritt besteht in einer genauen Selbstbeobachtung. Herr K.
muss herausfinden, was genau er befürchtet, wenn er eine Rede halten
soll. Er muss sich also bemühen, seine unbewussten Bewertungen
bewusst zu machen und auch die bewussten Bewertungen genau zu
formulieren. Eine Hilfe zur Bewusstmachung ist der Gedankenstop.
Immer, wenn Herr K. seine von der Schüchternheit herrührende Angst
kommen spürt, hält er inne und versucht seine gegenwärtigen Gedanken
zu entdecken. Am Ende dieser Analyse wird vielleicht so etwas stehen:
„Es ist mir wichtig, was andere von mir denken. Sie werden nur dann
gut von mir denken, wenn ich gut bin. Ich glaube aber, dass ich nicht
gut bin. Die anderen werden insgeheim über mich lachen.“
Erziehungseinflüsse sind hier deutlich: Herrn K.s Selbstwert und
seine Selbstachtung sind von anderen Menschen und von seiner Leistung
abhängig. Möglichweise führte zu wenig Lob dazu, dass Herr K. sich
außerdem keine guten Leistungen zutraut. Auch Beschämung als
Erziehungsmaßnahme oder ein negatives Schlüsselerlebnis
(Ausgelachtwerden in der Schule) kommen als Ursachen in Frage.
Nachdem das Bewertungssystem entdeckt und formuliert ist, beginnt
Herr K. es zu hinterfragen:
„Kann ich wissen, was andere von mir denken oder sind meine Ansichten
nur Mutmaßungen? Ist es tatsächlich so, dass die Selbstachtung eines
Menschen von den Meinungen anderer abhängt? Sind Meinungen nicht
kulturabhängig, d.h. ist es nicht denkbar, dass dieselbe Leistung,
von anderen Menschen gelobt würde? Ist dann die Meinung anderer
überhaupt ein Maßstab, wenn es die Meinung als solche gar nicht gibt?
Warum glaube ich, dass ich nicht gut bin? Wer kann das objektiv
beurteilen?“
Als Ergebnis der Hinterfragung steht ein alternatives
Bewertungssystem:
„Da die Geschmäcker verschieden sind, ist die Meinung anderer
Menschen kein Maßstab für meine Leistung. Außerdem kenne ich die
Meinungen der anderen Menschen ja gar nicht, sondern ich kann sie nur
vermuten. Es genügt, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin, um ein
gutes Selbstwertgefühl zu haben. Wenn andere Menschen ein Problem mit
mir haben, dann liegt das nicht an mir, sondern an ihren
Einstellungen.“
Herr K. lernt diese Alternative, die seine bisherigen Bewertungen
ersetzen soll, auswendig.
Anschließend formuliert er eine Zielemotion, die Angst und Scham
ersetzen soll: Gleichgültigkeit. Freude wäre ein zu hoch gestecktes
Ziel. Es ist wichtig, realistisch zu bleiben.
Als Zielverhalten wählt Herr K., dass er in Zukunft Reden vor
Publikum hält.
Der letzte Teil der Therapie besteht darin, Situationen zu suchen, in
denen Herr K. trainieren kann. Es wäre Unsinn, sich gleich um eine
Stelle als Motivationstrainer in Massenveranstaltungen zu bewerben.
Herr K. stellt sich 10 Übungen, die zunehmend schwieriger werden. Als
einfachste Übung wäre vielleicht das Ansprechen eines Fremden
günstig, um ihn nach dem Weg zu fragen. Die freie Rede vor großem
Publikum wäre dann die 10. Übung.
Jede Übung muss Herr K. so konkret wie möglich in Gedanken
durchspielen und sich genau überlegen, was er tun und sagen wird.
Immer wenn er Angst bekommt oder wenn andere seiner alten Gefühle
durchdringen, sagt er sich sein auswendig gelerntes neues
Bewertungssystem auf, bis er sich beruhigt hat.
Die praktischen Übungen sind wichtig, damit Herr K. die Erfahrung
macht, dass es tatsächlich keinen Grund gibt, Angst zu haben oder
sich schämen zu müssen.
Denn wie gesagt: Erfahrungen prägen uns weit stärker als
Vorstellungen.
Einwände gegen die KVT:
- Es ist zweifelhaft, ob Gefühlen immer (evtl. unbewusste)
Bewertungen vorausgehen. Babys und Tiere haben auch intensive
Emotionen und treffen eigentlich keine Bewertungen.
- Bei dauerhaft negativen Gefühlen, die an keine besonderen
Situationen gebunden sind, kann die Therapie nur wenig helfen, da sie
von situationsgebundenen Bewertungen und Gefühlen ausgeht.
- Da Erfahrung in der Situation therapeutisch eingesetzt wird,
greift die Therapie nicht so gut in Fällen, in denen jemand etwas
unterlassen will.
Nehmen wir an, Herr P. sei vom Gedanken besessen, eine Bank
ausrauben zu müssen, weil er glaubt, anders nicht glücklich sein zu
können. Er hat aber gleichzeitig große Angst davor, erwischt zu
werden. Weil er sich selbst vor seinem Impuls schützen will, beginnt
er eine KVT. Da er die Situation „Banküberfall“ aber nicht üben kann,
kann er auch nicht durch Erfahrung lernen. Seine Erfahrung wird
weiterhin im Verzichtenmüssen bestehen. Die KVT kann ihm nur helfen,
ohne Banküberfall glücklich zu werden, aber die Erfahrung
„Banküberfall ist schlecht“ kann sie ihm nicht bieten, obwohl diese
das Einzige wäre, was ihn heilen könnte.
- Man muss zu Beginn der Therapie schon wissen, was man will
(nicht mehr schüchtern sein, keine Angst vor Spinnen mehr haben,
wagen, ein Geschäft zu gründen, die Ehe retten). Was aber, wenn einer
nicht weiß, was er will? Was wenn er Angst hat, eine Entscheidung zu
treffen, weil diese ihn anderer Optionen beraubt? Zu wissen, was man
will, ist das Ergebnis von Lebenserfahrung, d.h. dieses Wissen
entwickelt sich mit der Zeit. Die KVT kann keine Lebensziele
vorgeben. Sie kann höchstens in Entscheidungskonflikten bei der
Analyse der Alternativen helfen.