Angst vor Heilung

Hallo Experten,

bin auf ein Phänomen gestoßen, welches ich immer häufiger antreffe, habe es sogar schon bei mir selbst beobachtet. Die Angst vor der Heilung/Gesundung.
Ich kenne jemand, die extrem unter Migräne (ca. 3x pro Woche)leidet, jeder Hilfeversuch wird abgelehnt. Akkupunktur kommt wegen „ich möchte doch nicht, dass es noch schlimmer wird“ oder „die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht“ … absolut nicht in Frage. Sie ist kein Hypochonder, da man ihr die Schmerzen wirklich ansehen kann.
Ich vermute schon länger, dass sie einfach Angst vor der Heilung hat (Patientin steht gerne im Mittelpunkt). Gibt es dafür einen Fachbegriff. Wie sollen wir damit umgehen. Es belastet auf Dauer die Familie, da sie unsere Hilfeversuche (auch finanzieller Natur) immer abgelehnt hat. Wir mögen sie sehr, möchten sie aber nicht „bemitleiden“.
Was tun??

LG
K.

Hallo
das ist meiner Meinung nach eher eine Frage fürs Psychobrett, aber ich will gerne mal ein bisschen Brainstorming so aus dem Bauch heraus betreiben.
Ich kenne eine ganze Menge Menschen, die sich mit Macht an Dingen und Verhaltensmustern festkrallen, von denen sie genau wissen, dass sie nicht gut für sie sind:
Zigarette, Gruselfilme, Partner, schlechte Gewohnheiten, Krankheiten, sogar schlechte Denkmuster…

Vielleicht hat das was damit zu tun, dass man den Teufel den man kennt lieber mag, als den unbekannten.
Vielleicht ist es gut geübte Strategie, also z.B. wenn ich Migräne habe kriege ich endlich die Ruhe, die nicht mal ich mir sonst zugestehe.
Oder vielleicht liegt die Krankheit einfach in der Familie: jeder sucht sich ein Leiden, um eine genügend große Wichtigkeit in der Familie zu haben.
Vielleicht hat ihr schon vor langem jemand damit „gedroht“, dass sie endlich frei und eigenverantwortlich leben kann, wenn sie erst mal die Migräne los ist und sie hat Angst vor nie gekannter Freiheit und Eigenverantwortlichkeit.

Die Frage, die ich ihr stellen würde wäre, wie sie es sich vorstellt, wenn sie keine Migräne mehr hat, wo die Vorteile liegen, wo die Nachteile (und es gibt immer auch Nachteile, weil da ein Vakuum entsteht und sie ein Vorstellung davon braucht, was dann da sein soll)

Wie gesagt, das war nur ein bischen Brainstorming, einem Fachmann fällt dazu bestimmt noch mehr ein
lieben Gruß
Susanne

Hallo Katharina
Susanne hat ja schon auf das eine, wichtige Moment hingewiesen, dieses „nur keine Experimente, wir haben so gut überlebt, also warum es anders machen“, was möglicherweise ein hilfreicher Aspekt in der Funktion der Evolution war.
Ein zweites Moment scheint mir bei vielen Leuten dann noch der „sekundäre Krankheitsgewinn“ zu sein.
Wenn mich z.B. die erwähnte Migräne vor allzu häufigem Kontakt bewahrt, würde sie ja einen Sinn erfüllen und der/die Migräne-Kranke hätte nicht nur den Nachteil des Kopfschmerzes, sondern auch einen kleinen (sekundären) Krankheits"gewinn".
Gruß, Branden

Hallo Katharina,

so was kenn ich. Die Mutter einer Freundin war ähnlich drauf und hat so (versucht) die Verwandschaft zu erpressen bzw. Aufmerksamkeit/Mitleid zu erheischen.
Sie hatte auch Mirgäne und ich unterstelle mal, daß sie wirklich Schmerzen hatte.
Allerdings wollte sie keine Heilung. Andererseits hat sie sich mit dieser Krankheit aus allen möglichen Situationen ‚gerettet‘. Wurde sie kritisiert hieß es ‚ich hab Migräne‘ wurde etwas von ihr gefordert was sie nicht wollte dito.
Irgendwann hat ihre Tochter sie auflaufen lassen, was anfangs zu erheblichen Spannungen führte. Schließlich hat die Mutter aber eingesehen, daß sie so nicht mehr durchkommt, auch weil die anderen Verwandten und Freunde konsequent waren. Da waren auch plötzlich die Mirgäneattacken verschwunden.

Gandalf

Hallo!

Mir fallen da die Begriffe „sekundärer Krankheitsgewinn“ und „Illness Behavior“ ein.
Ist sehr weit verbreitet und wird durch die Angehörigen und das Gesundheitswesen meist noch verstärkt.
So stellt man immer wieder fest dass die Heilungsraten bei Unfällen bei denen ein Prozess läuft enorm verlängert sind oder dass in Ländern in denen Lohnfortzahlungen eingeführt werden sich die Krankheitsdauer, etc. verlängert (und mit Absenkung der Fortzahlung genauso schnell wieder verschwindet).

Tschüss

Matthias

Hallo Katharina,

Hallo Experten,

fühl mich absolut nicht als Experte, was das Thema Medizin betrifft,
kann dir nur von meine eigenen Erfahrungen erzählen.

bin auf ein Phänomen gestoßen, welches ich immer häufiger
antreffe, habe es sogar schon bei mir selbst beobachtet. Die
Angst vor der Heilung/Gesundung.

Ja, dieses Pänomen ist mir auch aufgefallen, als ich zur Behandlung
in einer Schmerzklinik war, als Patient.
Es gab 2 Sorten Patienten; die einen, die von den Therapeuten gebremst
werden mußten, weil sie zu schnell wieder fit werden wollten;
die andern, bei denen die Therapeuten sich auf den Kopf stellen
konnten, aber die Patienten nicht mitmachten.

Ich kenne jemand, die extrem unter Migräne (ca. 3x pro
Woche)leidet, jeder Hilfeversuch wird abgelehnt. Akkupunktur
kommt wegen „ich möchte doch nicht, dass es noch schlimmer
wird“ oder „die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht“ …
absolut nicht in Frage. Sie ist kein Hypochonder, da man ihr
die Schmerzen wirklich ansehen kann.

Mir wurde, bevor ich in der Klinik landete, auch Akkupunktur
angeboten, aber ich hatte panische Angst vor Nadeln/pieksen.
Schmerzmittel hab ich immer abgelehnt.
Allerdings hab ich mich aber auch nie bei jemand beschwert,
wegen der Schmerzen (Unfallfolgen). Hab mich nur zurückgezogen,
wenn mir was weh tat. Da ich selbst nicht akzeptierte, dass es mir
nicht gut ging, haben sich die (unbehandelten!) Unfallfolgen
verschlimmert. Ende vom Lied: Fachklinik für Orthopädie, ich konnt
mich nimmer bewegen. Bin damals, gegen meinen Willen, aber auf Druck
meines Arztes in die Klinik. Im Nachhinein bin ich ihm dankbar.

Ich vermute schon länger, dass sie einfach Angst vor der
Heilung hat (Patientin steht gerne im Mittelpunkt).

In eben jener Klinik (interdisziplinäres Schmerzzentrum) wurden
solche Typen, wie ich es bin, behandelt.
Und wie beschrieben, sah ich dort, dass es zwei Typen von Patienten
gab.
Komischerweise wollten jene, die alles taten, damit sie fit werden,
keine Aufmerksamkeit bzw ließen sich nix anmerken, wie mies es ihnen
wirklich ging (manche hatten echt Galgenhumor).
Andere Patienten waren den ganzen Tag am „rumflennen“
Typ 1 war meist nach 3 - 6 Wochen wieder auf den Beinen und glücklich.
Typ 2 wurde mit Psychopharmaka vollgepumpt (über Monate).
Typ 1 bekam das Leben in den Griff, Typ 2 landet wieder dort.

Gibt es dafür einen Fachbegriff.

Wenn, dann kenn ich ihn nicht.

Wie sollen wir damit umgehen. Es
belastet auf Dauer die Familie, da sie unsere Hilfeversuche
(auch finanzieller Natur) immer abgelehnt hat.

Das ist es, was ich vermitteln wollte:
Was nützt es der Dame, wenn sie fit ist?
Bekommt sie dann die gleiche (ungeteilte) Aufmerksamkeit von euch,
wie jetzt? Wohl eher net.
Selbst wenn ihr euch abwenden würdet, von wegen: guck, dass du in
Therapie kommst, so geh ich davon aus, dass sie dann andere damit
nervt, bis die sich dann auch wieder abwenden.
Ich hab die Erfahrung gemacht, dass Leute, wie du sie beschrieben
hast, nicht wissen, was sie mit sich allein anfangen sollen bzw
sie sind versessen darauf, ihren Dickschädel immer durchzusetzen.
Ich geh davon aus, dass, in dem Moment, wo die Dame einen neuen Sinn
in ihrem Leben sieht/findet, ihre Schmerzattacken nachlassen/
verschwinden.

Wir mögen sie
sehr, möchten sie aber nicht „bemitleiden“.
Was tun??

ehrlich? Ich würde dich an die Klinik verweisen, von der ich sprach.
Du solltest dem Ärzte-/Therapeuten-Team deine Geschichte erzählen.
Du wärst erstaunt, wie bekannt das von dir beschriebene Pänomen ist.
Und du würdest die Dame nicht länger bemitleiden.

LG

retour

K.

D.

@Weinberger:
Biste jetzt eigentlich als Therapeut dort in der Klinik?
Wenn nein, dann brauch ich wohl auch, vorerst, nicht wieder dorthin.
D. h. ein w-w-w-Treffen dort wirds wohl in den nächsten Jahren dort
nicht geben, auch wenn ich es sehr genossen hätte *sfg*
(erinnerst du dich? vor ca. 1,5 Jahren? Gruß *wink* D.)

bissi ot - Lohnfortzahlungen

oder dass in Ländern in denen Lohnfortzahlungen eingeführt
werden sich die Krankheitsdauer, etc. verlängert (und mit
Absenkung der Fortzahlung genauso schnell wieder
verschwindet).

Vorsicht!! Das klingt nach Sozialschmarotzer-Debatte.

Tatsache ist, dass ohne Lohnfortzahlung die Leute, die nicht gerade reich sind, dann halt krank weiter schuften müssen. Ich denke, das ist nicht, was ein normaldenkender Mensch will.

Der Krankenstand wird - zumindest hier in Ö - vom Arzt überprüft. Also entweder sind alle Ärzte Schwindler und unterstützen Betrüger, oder es wird eben doch nur verhindert, dass Leute nicht zum Arbeiten gezwungen werden, obwohl sie krank sind.

Livia

Vielen Dank für eure Antworten.

Hallo Katharina,
aus 30 Jahren Migränegeschichte kann ich Dir vielleicht ein paar Tips geben.
Migräne ist in der Vollschmerzphase so unerträglich, dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Oft haben diese Patienten schon eine Odyssee von Arztbesuchen hinter sich, ohne dass etwas geholfen hätte.Es gibt hunderte verschiedene Migränearten und Ursachen.
Es gilt herauszufinden, wann sie zum ersten mal auftrat, wie die Schmerzen verlaufen. Wichtig ist ein Schmerztagebuch zu führen. Ich war 30 Jahre geplagt und hoffnungslos, bis ich von einer Schmerztherapeutin in Wiesloch bei Heidelberg erfuhr. Sie ist Ärztin für Anästhesie und hat sich auf die Behandlung chronischer Schmerzpatienten spezialisiert. Unter Ihrer Behandlung bin ich heute die Migräne los. Migräne birgt die Gefahr in sich, dass man allmählich eine chronische Schmerzkrankheit entwickelt, gegen die man machtlos ist. Sie ist inzwischen zu einem selbständigen Krankheitsbild geworden. Es gilt, durch Medikamente, Infusionen, Akupunktur etc. diese Schmerzerfahrung aus dem Gehirn allmählich zu löschen. Wenn Ihr die Adresse dieser großartigen Therapeutin haben möchtet, schreibt mir. Ich habe endlich lange Phasen von stark abgeschwächten Schmerzzuständen. Die Migräneattacken können einen arbeitslos und einsam machen, da man wirklich (fälschlicherweise) für einen Hypochonder gehalten wird. Wenn Deine Freundin sich helfen lassen will, hilf Ihr, wenn nicht, dann ist der Leidensdruck noch nicht stark genug, dann muss man sie als völlig normalen Menschen behandeln.
Vielleicht konnte ich ein bißschen helfen
Liebe Grüße
Luiserl.

Vielen Dank für eure Antworten.