spezifische Phobien
Hallo Claudia,
bei spezifischen Phobien (sofern Dein Sohn tatsächlich eine haben sollte - dies ist via Internet nicht zu beurteilen und sollte von einem Psychologen oder Psychiater diagnostiziert werden) erwiesen sich verhaltenstherapeutische Interventionen als sicherste und schnellste Methode, die phobischen Reaktionen zu überwinden.
Als phobische Reaktionen gelten Angstreaktionen bis hin zu Panikattacken (wenigstens 4 der folgenden Symptome treten bei einer Panikattacke auf und erreichen innerhalb von 10 Minuten ihren Intensitätshöhepunkt: 1. Palpitationen, Herzklopfen, beschleunigter Herzschlag; 2. Schwitzen; 3. Zittern oder Beben; 4. Kurzatmigkeit oder Atemnot; 5. Erstickungsgefühle; 6. Schmerzen/Beklemmung in der Brust; 7. Übelkeit oder Magen-Darm-Beschwerden; 8. Schwindel, Unsicherheit, Benommenheit (Ohnmacht nahe); 9. Derealisation (Gefühle der Unwirklichkeit), Depersonalisation; 10. Angst, die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden; 11. Parästhesien (Taubheits- oder Kribbelgefühle); 12. Hitzewallungen oder Kälteschauer [vgl. DSM-IV]).
Unter den Interventionstechniken existieren vor allem die folgenden Methoden (Auswahl der wichtigsten Techniken). Da nur die Effizienz von verhaltenstherapeutischen Verfahren empirisch
abgesichert ist, sollen vor allem diese hier genannt werden. Allgemeine Grundlagen der verhaltenstherapeutischen Interventionen sind eine tatsächliche und/oder vorgestellte Annäherung an die phobischen Situationen und Objekte, damit dem Patienten die Gelegenheit gegeben wird, einerseits den Teufelskreis von Angst und Vermeidung zu durchbrechen und andererseits die Ungefährlichkeit der bis dahin bedrohlich wirkenden Situation zu erfahren. Die verschiedenen Techniken können dabei kombiniert werden, z.B. werden die Situationen zunächst vorgestellt und in einem weiteren Schritt real aufgesucht, etc.
Expositionsbehandlung
Der Betroffene wird einer phobische Situation ausgesetzt. Hier sind mehrere Techniken möglich:
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in sensu (die Situation wird nur vorgestellt) vs. in vivo (die Situation wird aufgesucht)
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systematische Desensibilisierung
von einer harmlosen Situation [z.B. Bild von Hund im anderen Zimmer] wird in Absprache mit dem Patienten einer immer schwierigere Situation aufgesucht - dabei werden Entspannungstechniken eingesetzt, die das Aufsuchen der phobischen Reaktion in entspanntem Zustand ermöglicht. Eine Situation soll solange geübt werden, bis sie in Entspannung aufgesucht und verlassen werden kann, dann erst wird die nächstschwierigere Situation aufgesucht. Dazu ist es notwendig, mit dem Patienten eine „Angsthierarchie“ aufzubauen, in der phobische Situationen von äusserst geringem Angstgehalt (z.B. Bild von kleiner gemalter Spinne im Nebenraum) bis zur Situation mit dem extremsten phobischen Charakter (reale Vogelspinne auf der Hand) vom Patienten genannt werden. Die Therapie arbeitet die Stufen schließlich ab, indem die nächste Stufe dann genommen wird, wenn alle vorigen ohne Angst überwunden sind.
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Reizüberflutung
eine [ggf. übertriebene] phobische Situation wird aufgesucht und so lange in ihr verblieben, bis sich die körperlichen Stressreaktionen (siehe oben) zurückgebildet haben.
Operante Ansätze
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positive Verstärkung
Aufbau und Festigung angemessenen Verhaltens durch Gabe von positiven Verstärkungen [z.B. Lob, Geschenke etc - es ist je nach Patient unterschiedlich, was als Verstärker wirkt]. Die Wahrscheinlichkeit eines Aufsuchens der Situation nimmt zu, wenn in der Vergangeheit dafür Belohnungen [positive Verstärker] erhalten wurden.
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Shaping
positive Verstärkungen erfolgen nach schrittweiser erfolgreicher Annäherung an das gewünschte Verhalten; dabei werden angsthierarchisch bestimmte Stufen gesetzt, ist eine phobische Situation ohne Symptome gemeistert worden, wird ihr Betreten nicht mehr verstärkt, und das Betreten der nächstschwierigeren Situation lässt Verstärkungen folgen bzw. wird eine größere Verstärkung als in der niedrigeren Stufe erlangt
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Löschung
phobisches Verhalten wird nicht mehr positiv oder negativ verstärkt, z.B. indem nicht gemeinsam mit dem Betroffenen die phobische Situation „aus Verständnis“ gemieden wird oder das Kind als Reaktion auf die phobischen Symptome eine Belohnung („zur Beruhigung“, „zum Trost“) erhält
Modelllernen
Modellpersonen machen das gewünschte Verhalten vor, das schließlich imitiert werden soll (stellvertretendes Modelllernen). Möglich ist auch eine Beteiligung an der Exposition zusammen mit dem Modell (teilnehmendes Modellernen). Auch hier wird eine Angsthierarchie abgearbeitet, die stufenweise den phobischen Gehalt der Situation / des Objektes erhöht.
Nach empirischen Studien erwiesen sich die verhaltenstherapeutischen Interventionen als so ziemlich gleich günstig hinsichtlich der Behandlungserfolge und der Langzeiteffekte. Wichtig scheint aber der direkte Kontakt mit dem phobischen Objekt bzw. der phobischen Situation zu sein.
Zusammenfassend empfehle ich Dir das Aufsuchen eines Kinder- und Jugendpsychologen bzw. Psychiaters, der Deinen Sohn diagnostiziert und eine Intervention vorschlägt. Meine persönliche Empfehlung hierfür sind im Falle einer tatsächlichen spezifischen phobischen Störung verhaltenstherapeutische Interventionen.
Viele Grüße,
Der Captain
Anhang:
Als Spezifische Phobie
werden konsistent auftretende, klinisch bedeutsame Angstreaktionen beschrieben, die durch die tatsächliche oder befürchtete Konfrontation
mit einem bestimmten gefürchteten Objekt oder einer bestimmten Situation ausgelöst werden und häufig zu Vermeidungsverhalten
führen. Die Person erkennt dabei die Unangemessenheit ihrer Reaktionen, allerdings ist letzteres bei Kindern nicht als notwendiges Kriterium zu erachten.
Das DSM-IV listet die folgenden Kriterien auf (vgl. DSM-4):
A.
Andauernde und deutliche Angst, die unrealistisch oder übertrieben ist und von der Gegenwart eines spezifischen Reizes ausgelöst wird
B.
In der gefürchteten Situation tritt fast unvermeidlich Angst auf, die einer Panikattacke ähneln kann
C.
Die Betroffenen erkennen die Angst als übertrieben oder unbegründet (muss bei Kindern nicht der Fall sein)
D.
Die gefürchtete Situation wird vermieden oder nur mit starker Angst
durchstanden
E.
Die Angst oder Vermeidung beeinträchtigt die normal Routine, Fähigkeiten, Beziehungen oder soziale Aktivitäten
F.
Bei Betroffenen unter 18 Jahren besteht die Angst seit mindestens 6 Monaten
G.
Keine organischen Ursachen für die Ängste
H.
Die Ängste beziehen sich nicht auf Symptome anderer psychische oder
körperlicher Störungen, z.B. Essanfälle, Zittern bei Parkinson
Zusammenfassung: Erklärungen zu spezifischen Phobien und ihrer Interventionen. Verhaltenstherapeutisch.