Hallo,
ich habe ein paar Anmerkungen.
Angepasste psychische Funktionen verlieren an Wirkung
oder werden dysfunktional bzw. ziehen andere Konsequenzen nach
sich als noch zu der Zeit, als durch die Anpassung ein
Selektionsvorteil entstand.
Ein sehr bekanntes Beispiel ist die „preparedness“-Hypothese von Martin Seligman, die herangezogen wird, um zu erklären, warum eine Konditionierung auf bestimmte Reize (Ratten, Spinnen, Schlangen, schlechte Gerüche [von verdorbener Nahrung z.B.]) viel leichter vonstatten geht und löschungsresistenter ist als auf andere Reize. Diese Hypothese ist klinisch insofern relevant, als daß sie eine Erklärungsmöglichkeit (auch für den Patienten) dafür bietet, warum manche Phobien deutlich häufiger auftreten als andere. Zudem entspricht die Auffassung dysfunktional gewordener Prozesse dem verhaltenstherapeutischenen Erklärungsansatz zur Genese psychischer Störungen im Gegensatz zum medizinischen Krankheitsmodell, das v.a. auf strukturelle Veränderungen abhebt. Dies ist auch mit der Unterscheidung „Störung“ vs. „Krankheit“ im Zusammenhang zu sehen.
Ein Symptom mit diesem Hintegrund
als „positiv“ im Sinne einer angepassten Reaktion zu
bezeichnen, halte ich aus dieser Sicht heraus nicht für
möglich.
Ja, z.B. ist der Prozeß der schnelleren Konditionierbarkeit im Sinne von „preparedness“ durchaus als (ehemals) adaptiv zu bezeichnen, die dysfunktionale Entwicklung im Rahmen einer Phobie dagegen nicht.
Eine psychische Störung wird definiert (hier ganz grob
vereinfacht dargestellt) als eine dysfunktionale Reaktion auf
innere und/oder äußere Reize - natürlich bezogen auf die
heutige Welt.
Z.B. im Rahmen verhaltenswissenschaftlicher Störungsmodelle (im Unterschied zum medizinischen, s.o.).
Dass (manche?) Störungen einen vermutlichen
evolutionären Hintergrund haben, zeigt sich an der Vererbung
z.B. von Schizophrenie (die einen großen Komplex
unterschiedlicher Störungsbilder umfasst - ich möchte aus
Platzgründen hier nicht weiter darauf eingehen), die bei etwa
1% der Weltbevölkerung in allen Kulturkreisen auftritt. Dieser
hohe genetische Anteil lässt die Hypothese aufkommen, dass
schizophrenieforme Symptome zumindest irgendwann einmal einen
Selektionsvorteil boten.
Das bezweifle ich. Wenn die von Dir vorgestellte These richtig wäre, dann könnte man auch für die Bluterkrankheit eine frühere Adaptivität behaupten. Es gibt zwar die These, daß das Syndrom, was heute als Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung bezeichnet wird, in der Frühgeschichte für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe (die Jäger - „Hunter“) adaptiv war und daß eine andere Bevölkerungsgruppe (die Bauern - „Farmer“) in einer Art „Vernichtungskrieg“ die „Hunter“ unterdrückt habe, so daß deren Gene nur noch zu einem kleinen Teil in der heutigen Bevölkerung (nämlich den ADSlern) vertreten sind. Diese These ist aber u.a. aus anthropologischer Sicht unhaltbar.
Nach meinem Wissen werden
evolutionäre Ansätze in den Therapien nicht verwendet, da
selbst, wenn die tatsächlichen evolutionären Hintergründe
bekannt wären, es dem Patienten nicht konkret weiter hilft,
solange keine Interventionen abgeleitet werden können.
Es gibt doch schon Anwendungsbeispiele: Die leichtere Konditionierbarkeit auf bestimmte Reize (z.B. Geschmack) wird bei der Chemotherapie von Krebs genutzt und zwar in dem Sinne, daß die Übelkeit, die aufgrund der Chemotherapie auftritt, mit ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen gekoppelt wird, damit die Patienten später im Alltag keine unangenehmen Aversionen bzgl. im Alltag häufig auftretender Geschmacksrichtungen oder anderer Reize entwickeln. Das konkrete Beispiel sind die Bonbons mit Veilchengeschmack, welche die Patienten erhalten.
Gruß,
Oliver Walter