Angstgesellschaft (?)

hallo!!

wieder mal eine beobachtung zu der ich eure meinung hören möchte:

kann es sein dass die menschen dieses landes mehr und mehr ängstlicher werden??

ist es möglich dass durch das tägliche medien-bombardement mit flugzeugabstürzen, amokläufen, arbeitslosenzahlen, cholesterin (oder ist das schon wieder ausser mode?), ozon (schon lange nix mehr davon gehört), unwetter, überschwemmungen, etc…die leute auch für andere sachen empfindlicher werden??

soll heissen: ihr „weltbild“, d.h. ihre grundeinstellung verändert sich von „normal“ zu „ich muss jede sekunde aufpassen nicht gleich von irgendwas erschlagen zu werden“.
habe viele patienten die sich nicht mehr trauen sich zu bewegen wenn ihnen der gips abgenommen wurde!! die fragen ausdrücklich um erlaubnis!!
andere dagegen schmeissen die krücken am tag nach der op weg und laufen wieder mit voller belastung rum (erholen sich i.r. schneller und besser).

sieht man auch in grösseren städten: keiner traut sich im bus, u-bahn, etc. den/die anderen anzuschauen, keiner lächelt, alle haben „grimmige“ gesichter, …-und wenn man dann eine humorvolle bemerkung macht dann sieht man sie ganz erleichtert ihre „maske“ fallenlassen. sie atmen dann auf und sehen wieder „lebendig“ aus.

was sagt ihr (als laien) dazu??
hat die psychologie das schon mal untersucht?

danke

tschüss

matthias

Hallo Matthias,

ich glaube schon, dass wir in einer Angstgesellschaft leben.

Verglichen zu vor 10 Jahren haben wir weniger Verbrechen, weniger Verkehrstote und so weiter.

Trotzdem hat der Mensch mehr Angst im Lande. Sogar so sehr, daß er nach dem Überwachungsstaat ruft.

Das läßt sich sicher beweisen.

Gruß Ivo

hallo!!

wieder mal eine beobachtung zu der ich eure meinung hören
möchte:

kann es sein dass die menschen dieses landes mehr und mehr
ängstlicher werden??

Hallo Matthias,

gerade haben wir uns gestern abend im Freundeskreis übber eben dieses Thema unterhalten. Na klar, die Leute werden ängstlich. Man muss ja nur mal kurz zu Focus Online surfen - beispielsweise (also nix gegen Focus, nur als Beispiel): „El Kaida plante Blutbad in Rom“, „Angriff mit Pockenviren - Isreal bereitet sich vor“, „Terrorangst bei der Loveparade“, „Verseuchter Gluskosesirup ausgetrunken“ und und und. Kaum jemand, den das alles kalt lässt. Ich denke, es hängt halt viel mit dem 11. September zusammen - das hat uns wohl alle enorm geschockt.

Grüsse
Anna

hallo matthias,
interessante frage, über die ich mir auch schon seit einiger zeit den kopf zerbreche.
ich persönlich betrachte vor allem die schreckensmeldungen in anderen ländern recht kritisch. auf der einen seite ist es superinteressant z.b. per tv zu erfahren, was auf der welt abgeht. auf der anderen seite sitzt man in seinem fernsehsessel und kann nicht anders als ohnmächtig zusehen. klar ich könnte mich als helferin in ein krisengebiet aufmachen, aber wer tut das schon. natürlich denkt man oberflächlich, daß man abstumpft aber ich denke, diese distanz und die gleichzeitige machtlosigkeit helfen zu können, bewirkt meines erachtens eher unsicherheit und angst.
zum thema lächeln oder eine freundliche bemerkung machen:
ich mach das unheimlich gern. und stelle (fast) jedes mal fest, das es funktioniert: ich lächle meine mitmenschen bei jeder sich bietenden gelegenheit (bei der es sinn macht - nicht auf teufel komm raus) an. oder „verliere“ ein paar nette worte.
die reaktion ist unglaublich und es geht einem selbst so viel besser, weil man so viel zurück bekommt. am meisten merkt man das bei personen, die anfang sehr unfreundlich sind. wenn man sich z.b. trotzdem freundlich bei ihnen bedankt, dann fällt auf der anderen seite das versteinerte gesicht und ein lächeln läßt die menschen wieder lebendig werden (wie du schreibst).

gruß yvi

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Hallo Matthias!

hat die psychologie das schon mal untersucht?

Eine Frage, auf die ich mit „nackten Fakten“ :wink: antworten kann (wie man mich kennt):

Vergleiche von epidemiologischen Studien ergaben, daß die Häufigkeiten von Phobien und Generalisierter Angststörung sich seit 1975 von 1,4% bzw. 2,5% auf 11,0% bzw. 3,8% erhöht haben(Weissman et al., 1978; Regier et al., 1993; Eaton et al., 1991; Blazer et al., 1991; DSM-IV, 1996). Befragungen zeigten auch, daß die Häufigkeiten von Angststörungen gerade in den Ländern mit einem höheren Urbanisierungsgrad größer sind als in Ländern mit geringerem Urbanisierungsgrad.

Gesellschaftliche Korrelate von Angst sind:

  • Armut
  • schlechte Wohnungen
  • höhere Kriminalitätsraten
  • weniger Bildungs- und Berufschancen
  • unsichere Arbeitsplätze.

Unter Menschen, die unter diesen Bedingungen leben, sind die Häufigkeiten der Angststörungen erhöht. In den USA ist die Häufigkeit z.B. der Generalisierten Angststörung bei Menschen mit einem Jahreseinkommen von unter 10.000 US-Dollar doppelt so hoch wie bei Menschen mit höherem Einkommen. Parallel zum Sinken des US-amerikanischen Durchschnittseinkommens in den 80er Jahren ließ sich eine konstante Steigerung der Häufigkeit der Generalisierten Angststörung feststellen (Blazer et al., 1991).

Gruß,

Oliver

nicht alle leben in Angst
Hallo Matthias,

zu diesem Thema gibt es einige Bücher zu lesen, ich habe gerade ein wenig hier im Internet nachgeschaut. Aber ich möchte an dieser Stelle nichts empfehlen, weil ich keines davon gelesen habe.
Hoimar von Ditfurth hat sich mit dem Thema auch schon befasst. Soweit ich ihn verstanden habe, sind wir alle durch unsere erweiterten Möglichkeiten in jeder Hinsicht überfordert. Es mag also niemand wundern, wenn sich Synthome wie Angstgefühle immer mehr verbreiten.
Bei dem jüngsten Ereignis mit dem Unglück am Bodensee stellte ich verwundert fest, dass ich keine Interesse daran hatte, mich darüber zu informieren, das kenne ich gar nicht bei mir. Ein wenig schämte ich mich, dass sich bei mir keine Betroffenheit einstellen wollte, der Unfall mit all den toten Kindern ist wirklich schlimm. Im nachhinein weiss ich, dass in diesem Zeitraum ich mit einer Flut von Entscheidungen, Auseinandersetzungen und Anstrengungen zu tun hatte, ich mich deshalb wahrscheinlich unbewußt abgeschottet habe gegen ein noch mehr an Infos und Emotionen.

Du sprichst von der Angst der Menschen, die wie gelähmt lebensunfähig oder kontaktscheu werden.
Ich glaube, dass normalerweise Menschen ein Regulativ haben, mit ihren Emotionen aufgrund eines Ereignisses fertig zu werden.
Ängstlichkeit und Kontaktarmut hat noch tieferer Ursachen. Ich tippe zum Beispiel auf ein entsprechende Umfeld (Alkoholismus, hohe Verbrechensrate, Armut, Arbeitslosigkeit, zu wenig Platz…), so dass solche Hiobsbotschaften das Fäßchen mit dem schlechten Lebensgefühl zum Überlaufen bringen.

Ich persönlich bin ganz froh, wenn ich schon automatisch unterscheiden kann, was mir wichtig und was mir unwichtig ist, dass also mein Selbstschutz noch einigermaße funktioniert.

viele Grüße
claudia

kleine Bedenken
Hallo Oliver,

ich hab mal wieder was zu mäkeln … :smile: , nicht an dir und auch nicht an der Antwort, die du gegeben hast, wohl aber an solcher Art Studien (Da du die „nackten Fakten“ selbst in Anführungsstriche gesetzt hast, wirst du vielleicht schon wissen, worauf ich hinaus will).

Vergleiche von epidemiologischen Studien ergaben, daß die
Häufigkeiten von Phobien und Generalisierter Angststörung sich
seit 1975 von 1,4% bzw. 2,5% auf 11,0% bzw. 3,8% erhöht
haben(Weissman et al., 1978; Regier et al., 1993; Eaton et
al., 1991; Blazer et al., 1991; DSM-IV, 1996).

Das glaube ich erst, wenn ich die Studien auf ihre Methode geprüft habe. Solche Begriffe sind IMHO sehr verschieden deutbar, so dass diese Vergleiche - so jedenfalls - fraglich sind und möglicherweise nur das angeben, was man vorher schon „wusste“.

Befragungen
zeigten auch, daß die Häufigkeiten von Angststörungen gerade
in den Ländern mit einem höheren Urbanisierungsgrad größer
sind als in Ländern mit geringerem Urbanisierungsgrad.

Auch das ist nicht zwingend richtig, meine ich (sorry). Wenn sich die von dir genannten „gesellschaftl. Korrelate“ ergeben, muss dass nicht unbedingt mit dem Urbanisierunggrad zusammenhängen, sondern kann auch an der Methode bzw. an den (möglicherweise) verwendeten verschiedenen Methoden liegen.

Nimm es mir nicht übel, aber ich habe meine Zweifel, ob man so etwas wirklich statistisch erfassen kann. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du im Zusammenhang mit solchen Studien keine Bauchschmerzen hast, aber vielleicht irre ich mich und wir haben hier wieder eine Meinungsverschiedenheit. Dann bitte ich dich, meinen Einwand nur als Hinweis darauf zu sehen, dass statistische Methoden ziemlich fehleranfällig sein können.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Thomas!

ich hab mal wieder was zu mäkeln … :smile: , nicht an dir und
auch nicht an der Antwort, die du gegeben hast, wohl aber an
solcher Art Studien (Da du die „nackten Fakten“ selbst in
Anführungsstriche gesetzt hast, wirst du vielleicht schon
wissen, worauf ich hinaus will).

„Mäkeln“ brauchst Du es nicht so nennen, sondern Du kannst es als berechtigte Skepsis bezeichnen.

Das glaube ich erst, wenn ich die Studien auf ihre Methode
geprüft habe. Solche Begriffe sind IMHO sehr verschieden
deutbar, so dass diese Vergleiche - so jedenfalls - fraglich
sind und möglicherweise nur das angeben, was man vorher schon
„wusste“.

Sicherlich sollten solche Vergleiche auf ihre Methode überprüft werden. Das ist eine Grundforderung an alle statistischen Vergleiche, um sicherzustellen, daß die Interpretationen zu den reinen Zahlen zutreffend sind (Stichwort: Validität).

Was meinst Du mit „solche Begriffe“? Die der einzelnen Angststörungen? Bei epidemiologischen Studien sollte natürlich darauf geachtet werden, was z.B. unter „Sozialer Phobie“ verstanden wird. Wenn 2 Studien unterschiedliche Operationalisierungen dieses Begriffes benutzen, dann ist ein Vergleich problembehaftet, schwierig bis unmöglich.

Allerdings - und jedenfalls weiß ich, daß Du die Klassifikationssysteme psychischer Störungen kennst - gibt es Möglichkeiten, sich auf eine gemeinsame Operationalisierung zu einigen. Die Interrater-Reliabilitäten für DSM-Diagnosen sind auch gar nicht schlecht. Das schon sehr alte, nicht mehr verwendete DSM-III wies bei einigen Störungsgruppen zufriedenstellende Interrater-Reliabilitäten (Maß: Cohens Kappa) auf. DSM-IV dürfte DSM-III in dieser Hinsicht deutlich überlegen sein. Mein Prof. für Klinische Psychologie, Herr Prof. Ferstl, sprach von Interrater-Reliabilitäten von 0,75 bis 0,9 bei DSM-IV-Diagnosen (ohne Gewähr!). Dies, so meine ich, ist zumindest ein starkes Argument dafür, daß die Fehlerquelle einer mangelnden Übereinstimmung in der Klassifikation des vorliegenden Syndroms inzwischen erheblich verringert wurde. Natürlich ist es nur eine Fehlerquelle, wenn auch eine bedeutende. Übrige Fehlerquellen sollten nach bewährten Verfahren der Versuchsplanung behandelt werden.

Wenn
sich die von dir genannten „gesellschaftl. Korrelate“ ergeben,
muss dass nicht unbedingt mit dem Urbanisierunggrad
zusammenhängen, sondern kann auch an der Methode bzw. an den
(möglicherweise) verwendeten verschiedenen Methoden liegen.

Dies ist richtig, weil die gleiche Kritik. Dennoch: Es kann so sein, es muß aber nicht. Außerdem gebe ich zu bedenken, daß die Befunde nicht nur bei einer Studie, sondern mehreren gefunden wurden, d.h. über mehrere Methoden stabil sind. Dies ist ein Hinweis gegen ein Methodenartefakt.

Nimm es mir nicht übel, aber ich habe meine Zweifel, ob man so
etwas wirklich statistisch erfassen kann. Ich kann mir auch
nicht vorstellen, dass du im Zusammenhang mit solchen Studien
keine Bauchschmerzen hast, aber vielleicht irre ich mich und
wir haben hier wieder eine Meinungsverschiedenheit. Dann bitte
ich dich, meinen Einwand nur als Hinweis darauf zu sehen, dass
statistische Methoden ziemlich fehleranfällig sein können.

Ich weiß nicht genau, was Du mit „so etwas“ meinst. Jedoch kann ich Dir versichern, daß gerade die Methodenausbildung an dem Institut, an dem ich z.Z. noch studiere, einen guten Ruf besitzt und daß ich daher die Möglichkeiten statistischer Methoden recht gut einzuschätzen gelernt habe. Bauchschmerzen habe ich hinsichtlich der Verwendung statistischer Methoden in der Psychologie keine. Diese Methoden sind unersetzbares Handwerkszeug wissenschaftlich betriebener Psychologie. Natürlich haben diese Methoden ihre Grenzen - wie alle Methoden. Diese Grenzen muß man kennen und beachten, sonst geht die Anwendung natürlich schief. Daß das nicht in jedem Fall passiert, ist bedauerlich.

Freundliche Grüße,

Oliver

PS: Du brauchst nicht ständig „sorry“, „nimm es mir nicht übel“ usw. zu schreiben. Nur weil andere es nicht schaffen, eine Frage bzw. Kritik ohne Beleidigungen und Polemisierungen zu formulieren, und ich mir diese inkompetente und ignorante Art und Weise nicht gefallen lasse, heißt es nicht, daß ich kompetente und inkompetente Kritik nicht voneinander unterscheiden kann.

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Hai, matthias,

ich mache auch die Beobachtung, daß immer mehr Menschen immer (zum Teil immer irrealere) Ängste entwickeln. Das hängt, meiner Meinung nach, wesentlich mit der Bombardierung durch die Medien zusammen. Früher tauchte ein Massaker im nahen Osten in hiesigen Zeitungen irgendwo als Randbemerkung auf - heute sind es 3cm hohe Schlagzeilen. Liest man nun täglich Schlagzeilen über Tote, entsteht irgendwann der Eindruck, daß es einen ja auch jeden Augenblick erwischen kann…
Dazu kommt mit Sicherheit noch der ansteigende (Halb-)Wissenstand, Beispiel aus dem Leben: ich hab mich schon als Schülerin vor Atomkraftwerken gegruselt, schließlich hab ich in der Schule gelernt, was Radioaktivität anrichten kann; meine Tante hielt die Dinger für völlig harmlos und Strahlung kannte sie nur vom Röntgen und da merkte sie ja schließlich auch nix. Ebenso hielt sie Atom-Bomben nur für Bomben mit größerer Sprengkraft - von Hiroschima kannte sie nur das Lied - und das war doch auch nett. Andererseits fürchtete sie kurz nach der Grenzöffnung, daß in ihr Häuschen „die Polen“ mit einem LKW rasen könnten, um sie zu überfallen - man lese doch soviel davon.
Genauso merkwürdig fand ich den Effekt, als im Spiegel mal ein Bericht über das „gefährliche“ Neukölln stand (mein Wohnbezirk in Berlin), plötzlich war es bei unseren Nachbarn DAS Gesprächsthema und es sind mehrere Leute im folgenden Halbjahr hier weggezogen (all diese vielen Jugendlichen hier, die einen dauernd überfallen wollen). Die Leute haben sich gefürchtet, obwohl sie selbst vorher die Gegend nicht als sonderlich gefährlich erlebt haben.
Fazit: ich denke, daß Dauerberieselung mit Horror-Nachrichten zu Ängsten führt.

Gruß
Sibylle