'Anna Karenina

Hallo Ihr,

je öfter ich den Tolstoi-Roman lese, desto mehr komm ich zur Überzeugung, daß er weiter nix ist, als ein billiger Groschenroman …
zumindest heute gesehen. Was macht diesen Roman zur Weltliteratur?
Ist es eine Form der damals sich entwickelnden Emanzipation der Frau, die am Ende doch verliert oder versteht sich diese Liebes-
geschichte als immer noch vorstellbar.
Ich hab früher darüber mal einen Aufsatz geschrieben, kein Wort davon
könnte ich noch unterstreichen. Hat jemand einen Gedanken dazu. Nicht,
daß ich nix zu tun hätte, aber es kommt mir so „albern“ (mir fehlt grad ein besserer Ausdruck) vor.
Was ist das „Besondere“ an diesem Roman…

ratlos oder dumm fragt
d.?

hallo Dilarah,
(Zeitlos ist die Geschichte des Romans eher nicht und warum sollte sie auch? So gesehen könntest du z.b. auch den ganzen Fontane und was nicht noch alles in den Mülleimer werfen :wink:
Man könnte auch fragen : was macht einen Roman zu einem „Groschenroman“. Oder was macht für Dich einen guten Roman aus und inwiefern erfüllt ‚Anna Karenina‘ dieses Kriterium nicht ?
Soweit ich mich an den Roman erinnern kann (ist bestimmt 4 Jahre her, daß ich ihn las und ich war ebenfalls nicht extrem angetan) hatte ich den Eindruck, daß Tolstoi seine Hauptfigur nicht sonderlich mochte. (ich müßte nocheinmal lesen, um diesen Eindruck heute noch aufrechterhalten oder gar belegen zu können - jedenfalls war es das, was mir im Nachhinein den Roman als moralinsauer erscheinen läßt) Tolstois Intention in diesem Gesellschaftsroman war aber wohl eine sozialkritische.
Obwohl er als psychologischer Roman gilt, kann ich mich nicht an sehr _genaue_ Schilderungen des Seelenzustands der Figuren
(wie man sie z.b. bei Stendhal findet, dessen Romane ich persönlich zudem schon wegen ihrer Komposition und großen sprachlichen Schönheit mag und der -nebenbei- seine figuren _liebte_) erinnern. Aber wie gesagt…:wink:

gruß
mozart

hallo Mozart,

ja so ähnlich:

(hatte ich den Eindruck, daß Tolstoi seine Hauptfigur

nicht sonderlich mochte. (ich müßte nocheinmal lesen, um
diesen Eindruck heute noch aufrechterhalten oder gar belegen
zu können - jedenfalls war es das, was mir im Nachhinein den
Roman als moralinsauer erscheinen läßt)

empfinde ich dies auch, nur…

Tolstois Intention in
diesem Gesellschaftsroman war aber wohl eine sozialkritische.

dies hab ich so für mich nicht besonders erkennen können.
Eigentlich ist es „verklemmte Kritik“. Aber wie gesagt, ich komm
nicht dahinter.
Es gibt so gute Sachen von Tolstoi, daß ich einfach nicht verstehe,
was es mit grad diesem Roman aufsich hat…?

Obwohl er als psychologischer Roman gilt, kann ich mich nicht
an sehr _genaue_ Schilderungen des Seelenzustands der Figuren
(wie man sie z.b. bei Stendhal findet, dessen Romane ich
persönlich zudem schon wegen ihrer Komposition und großen
sprachlichen Schönheit mag und der -nebenbei- seine figuren
_liebte_) erinnern.

Doch, aber diese s.g. Seelenzustände sind so oberflächlich und
nachgerade schwülstig zu lesen, daß es einem fast das Buch aus den
Händen reisst…

Vielen Dank für Deine Meinung, steh ich doch nicht so allein da mit
meiner Empfindung für dieses Werk.

Herzl. Grüße
d.

Hallo, Dilarah,

ich meine, Lewin ist der eigentliche Held der Geschichte. Mit ihm endet das Buch auch.
Und da, im letzten Kapitel, hat Lewin sich aus der „städtisch verderbeten, westlich philosophisch verseuchten, moralisch runter gekommenen Zivilisation“, in der auch Anna Karenina, beim Versuch, sich „zu verwirklichen“ - wie man heute sagen würde -, vor die Hunde bzw. die Lokomotive gegangen ist, zurück gezogen und auf dem Land, in bäuerlicher Umgebung und bei bäuerlicher Arbeit, im Kreise seiner Familie und in einer - für Tolstoj typischen - diffusen Religiösität, seinen „Seelenfrieden“ gefunden.

Hinterläßt in der Tat einen faden Geschmack.

So wie bei Tolstoj selbst der Rückzug aus der Zivilisation - so mit Schuhe selber machen - ja auch nicht überzeugt, da er seine Einkünfte und seinen Besitz ja im Hintergrund hatte.

Nichtsdestotrotz finde ich seine Erzählweise - also diesen allwissenden und omnipotenten Erzähler, der in jede seiner Figuren reinschlüpft, in jeder genau Bescheid weiß und ihre Gedanken wieder geben kann, als denke er sie selbst (was er ja letztlich auch tut) - immer wieder faszinierend.

Man muss sich manchmal nach dem Lesen erst aus diesem Gespinst befreien, um wieder seine eigenen Gedanken denken zu können.

Gruß Fritz

Hallo Fritz,

Danke für Deine Erläuterungen. Ich bin bloß froh, daß ich nicht ganz
so daneben liege; nenn es Unsicherheit, aber ich war nicht so sicher,
daß ich vielleicht was überlesen hätte.

Herzliche Grüße
d.
PS:

Man muss sich manchmal nach dem Lesen erst aus diesem Gespinst
befreien, um wieder seine eigenen Gedanken denken zu können.

-), genau!

Danke Dilara,
dass Du aussprichst, was ich mir niemals getraut hätte.
Ich habe gerade die Hörspielfassung in den letzen Wochen auf WDR5 über mich ergehen lassen. Und in der Tat, ich dachte mehr als einmal an das Wort „Kolportage“ - und das lag gewiß nicht an der gut gemachten Hörspielfassung. Bereits bei der ersten Lektüre hatte ich eine ähnliche Empfindung.
Aber das darf man wohl dem guten Tolstoi nicht nachsagen? Oder sind es doch des Kaisers Kleider?
Grüße
Eckard.

Hallo Eckard,

Aber das darf man wohl dem guten Tolstoi nicht nachsagen? Oder
sind es doch des Kaisers Kleider?

Ja, genau die sind es…:smile:
Danke Dir.

Grüße
dilara

Hallo !

Du kannst doch diese Romane von Tolstoi usw nicht mit der heutigen Brille sehen!!
Sie wurden im 19. Jahrhundert geschrieben und waren damals die Sensation! Das Ereignis.
Sie beschrieben zum erstenmal den tatsächlichen Verlauf einer geschichtlichen Handlung. Das war damals neu.

Wenn man sie mit den heutigen Romanen auf den Bestsellerlisten vergleicht, kommen die von Tolstoi immer noch gut weg.

Gruß max

Hallo !

Weltliteratur drunter, wenn man so Hera Lind - Verschnitt meint…

Das war damals neu.

Liebesgeschichten sind nicht heute noch damals neu gewesen und ich
vereehre Tolstoi bei weitem, nur nicht diesen Roman…
Eben diesen nicht.

Danke Dir auch für Deine Sicht.

Herzl. Gruß
d.

Hallo !

Aber eines ist schon der Hammer : Wir „Experten“ von www zeigen jetzt endlich mal, was der Tolstoi doch für eine Pfeife war. Jerry Cotton ähnlich!
Wie gut, dass wir unseren Karl May haben.
Gruß Max

hallo dilarah,

„Doch, aber diese s.g. Seelenzustände sind so oberflächlich und
nachgerade schwülstig zu lesen, daß es einem fast das Buch aus den
Händen reisst…“

ja…schwülstig, weil nicht so kalt, sezierend und dem leser das urteil überlassend (wie flaubert z.b. in ‚madame bovary‘)
man bekommt eben den eindruck, daß tolstoi eine bestimmte moralische meinung aufdrängen will. (müßte mir nochmal angucken, wie er das genau macht, um es besser festmachen zu können…)
vielleicht ist es das, was schwülstigkeit ausmacht… jedenfalls dann, wenn kein besonderer wortwitz oder eine absichtliche verzerrung verwendet wird (wie bei der satire, etc., die ja auch keine neutrale schilderung sein will).

gruß
mozart

Hallo Dilarah!

je öfter ich den Tolstoi-Roman lese, desto mehr komm ich zur
Überzeugung, daß er weiter nix ist, als ein billiger
Groschenroman …

Also nein, aber Tolstois „Anna Karenina“ ist beileibe kein Groschenroman, sondern einer der besten Romane, den ich je gelesen habe.

Was ist das „Besondere“ an diesem Roman…

Du bist häufig im Psycho-Board zu finden. Da sollte Dir aufgefallen sein, daß die genaue psychologische Beobachtung und die Beschreibung des Beobachteten das ist, was bei „Anna Karenina“ besonders hervorsticht. Es geht schon auf den ersten Seiten los: Die Beschreibung von Stepan Arkadjewitsch Oblonskij ist einfach klasse. Da ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Auf wenigen Seiten erfährt man quasi alles über den „Seelenzustand“ dieser Figur und zwar „nur“ dadurch, daß Tolstoi genau beschreibt, was mit ihr los ist. Die Benennung dessen, was mit der Figur los ist, überläßt Tolstoi aber der Leserin / dem Leser. Die Diagnose muß also selbst gestellt werden.

Herzliche Grüße,

Oliver

Woran liegt es?
Hallo Dilarah,

bei Anna Karenina ist das zwar nicht der Fall, aber es ist mir bereits mehrfach passiert, dass manche Klassiker, die - in jungen Jahren gelesen - mich restlos begeistert haben, mich später irgendwie enttäuscht haben.

Woran liegt das?

Wundert sich
Camilla

Hallo Oliver,
Also nein, aber Tolstois „Anna Karenina“ ist beileibe kein
Groschenroman, sondern einer der besten Romane, den ich je
gelesen habe.

Ich kann dies nicht nachempfinden.

Was ist das „Besondere“ an diesem Roman…

Du bist häufig im Psycho-Board zu finden. Da sollte Dir
aufgefallen sein, daß die genaue psychologische Beobachtung
und die Beschreibung des Beobachteten das ist, was bei „Anna
Karenina“ besonders hervorsticht.

Ja aber auf so banale Art und Weise…, jedenfalls empfinde ich
es beim hören und lesen so…:frowning:

Es geht schon auf den ersten
Seiten los: Die Beschreibung von Stepan Arkadjewitsch
Oblonskij ist einfach klasse. Da ist kein Wort zu viel oder zu
wenig.

Ich find es zu viel, viel zu viel.

Auf wenigen Seiten erfährt man quasi alles über den

„Seelenzustand“ dieser Figur und zwar „nur“ dadurch, daß
Tolstoi genau beschreibt, was mit ihr los ist. Die Benennung
dessen, was mit der Figur los ist, überläßt Tolstoi aber der
Leserin / dem Leser. Die Diagnose muß also selbst gestellt
werden.

Ja, deshalb dachte ich ja, ich hätte etwas überlesen, aber nein!
Ich schätze Tolstoi, nur nicht diesen Roman…vielleicht erleuchtet
er mich noch mal…ich glaub aber eher nicht.

Vielen Dank für Deine Meinung.

Mit herzl. Gruß
d.

Herzliche Grüße,

Oliver

…wirkl. nicht.
Grüße
d.

hallo :

ja…schwülstig, weil nicht so kalt, sezierend und dem leser
das urteil überlassend (wie flaubert z.b. in ‚madame bovary‘)

Na das ist kein Vergleich Madame bovary.

man bekommt eben den eindruck, daß tolstoi eine bestimmte
moralische meinung aufdrängen will. (müßte mir nochmal
angucken, wie er das genau macht, um es besser festmachen zu
können…)

-))) na ja, ist ja auch noch lange nicht überholt,gilt mitunter heute noch…

vielleicht ist es das, was schwülstigkeit ausmacht…
jedenfalls dann, wenn kein besonderer wortwitz oder eine
absichtliche verzerrung verwendet wird (wie bei der satire,
etc., die ja auch keine neutrale schilderung sein will).

Ne, leider kein Wortwitz, das macht es ja so laaaangweilig.

LG
d.

Hallo Camilla,

ich glaube es liegt im Pragmatismus unserer Empfindungen, die
wir im Laufe der Zeit durchmachen.

bei Anna Karenina ist das zwar nicht der Fall,

Grade…:smile:

aber es ist mir

bereits mehrfach passiert, dass manche Klassiker, die - in
jungen Jahren gelesen - mich restlos begeistert haben, mich
später irgendwie enttäuscht haben.

Ach weißt Du Camilla, kennst Du Schriftsteller, die nie enttäuschen?
Ich schon, und das macht mich regelrecht an…:smile:))

Klassiker haben immer so etwas von Kult, das mag ich nicht. Aber es gibt auch Kulturisten,die Klasse haben, daß weiß ich schon zu unterscheiden. Suche grad nach einem italienischen Reisetagebuch, find es leider nicht…dieser relativ unbekannte Schriftsteller hat es vermocht, mich diesem Land so nah zu bringen, daß wir jetzt wieder
in unser Traumdomizil Umbrien reisen werden. Ganz ohne Schmuss, aber
erlebnisgeschwängert vom letzten Jahr.

LG
d.

Woran liegt das?

Wundert sich
Camilla

Klassik und Groschenliteratur
Hallo Dilarah,

es ist aus meiner Sicht sehr schön, daß du dich in einem ständigen Dialog mit Tolstoj befindest. Mein Opa las seine Romane jedes dritte Jahr wieder. So mit der Klassik umzugehen heißt von den großen Geistern lernen, auch im Alltäglichen. Es kann sein, daß dabei einiges auch nicht gefällt, es kann passieren, daß die Meinung des großen Moralisten geradezu zu unbequem ankommt und stört, mehr als ein klärendes Gespräch mit einem Freund oder mit einem Therapeut stören kann.

Außerdem kommt es vor, daß wenn man eine lange Zeit die Groschenliteratur liest, die Bereitschaft vergeht, die große Literatur zu empfangen. Die große Literatur ist nämlich nicht unbedingt leicht.

Und wenn du schon Tolstoj kennst, weißt du auch, wie er auf die Frage antwortete, ob er doch den Inhalt seiner Romane erklären könne…

Zu guter Letzt eine Geschichte aus seinem Umfeld: Ein Mann erzählt von seiner Reise nach Paris. Er habe sich da auch Mona Lisa angeschaut und habe nichts an ihr finden können. „Wissen Sie, mein Herr, nach fünfhundert Jahren kann Gioconda selbst wählen, wem sie gefällt!“

Gruß

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Peet berühert,

: es ist aus meiner Sicht sehr schön, daß du dich in einem
: ständigen Dialog mit Tolstoj befindest. Mein Opa las seine
: Romane jedes dritte Jahr wieder. So mit der Klassik umzugehen
: heißt von den großen Geistern lernen, auch im Alltäglichen. Es
: kann sein, daß dabei einiges auch nicht gefällt, es kann
: passieren, daß die Meinung des großen Moralisten geradezu zu
: unbequem ankommt und stört, mehr als ein klärendes Gespräch
: mit einem Freund oder mit einem Therapeut stören kann.

Vielen Dank. Dahinter steckt eine Wahrheit, der ich von Kindesbeinen
an fröhne.

Die große Literatur ist nämlich nicht unbedingt leicht.

Aber sie reizt. Und bildet auch mal gegenteilige Meinungen.
Früher, viel früher hab ich immer gedacht, nur wer die große Literatur liest, darf sich als gebildet betrachten, bin zum Glück
dahinter gekommen, daß dies nun gar nicht unbedingt der Fall sein muß. Habe auf meinem Weg viele sehr bekannte und gänzlich nicht beachtete Schriftsteller kennenlernen dürfen, frag nicht, was es
für Kämpfe gab, die Erwartungen betreffend…

Dein Opa ist wie meine Familie. Nur wurde ich als künstlich und nicht künstlerich bezeichnet, womit sie zu Zeiten auch Recht hatten.
Erst seit dem ich mir gestatte Kritik zu üben, seh ich manchsmal klarer. Außerdem (hat jetzt mit dem bisher gesagten wenig zu tun) liebe ich russische Literatur. Es ist eine besonders humorvolle, tiefgründige und machmal eben auch unverständliche Art zu Schreiben.
Dostrojewski z.B. ist mein absoluter Favorit.

Oh ich glaub ich flieg hier gleich raus (Richtung Plauderbrett) aber
es war mir ein riesen Bedürfnis auf Dein Posting zu antworten.

Man sehe es mir nach.

Herzl. Grüße
d.