Eine Deutsch-Amerikanerin, mit der ich seit einiger Zeit in brieflichem Kontakt stehe, bat mich, sie zu duzen. Dabei meinte sie, daß man sich das „Du“ in Deutschland im Gegensatz zu Amerika erst durch Freundschaft verdienen müsse.
Im Englischen gibt es nur ein Wort für die 2.Person Einzahl und Mehrzahl. Folglich könnte man auch sagen, daß sich alle Menschen im englischsprachigen Raum in der Höflichkeitsform ansprechen. Im Französischen verwendet man für die Höflichkeitsform auch die 2.Person Mehrzahl „vous“ und früher war auch im Deutschen die Höflichkeitsform „ihr“. So sprachen Kinder ihre Eltern an, und wir kennen diese Anrede noch als „Euer Gnaden…“
Als ich über all das nachdachte, fiel mir ein, daß Fürsten ihre Diener mit „er“ ansprachen. „Hat er meine Stiefel geputzt?“ Man wollte sich durch ein „du“ nicht gemein machen mit dieser Person.
Ich möchte aber uns Deutsche nicht schlechter machen als wir sind. Ich glaube, ein französischer oder englischer Herrscher hätte sich mit einem einfachen Burschen gar nicht direkt unterhalten.
Kann mir jemand sagen, wann, wie und wo es zu dem „Sie“ (3.Person Mehrzahl) in der Anrede kam?
Ich hätte auch gerne Eure (wirkliche Höflichkeitsform) Meinung dazu gewußt, ob Ihr die Anrede „Sie“ in der Grundbedeutung auch als eine Abwertung einer Person anseht.
Gruß Dascha
Hallo, Dascha,
zu dieser Frage haben wir die [FAQ:170].
Das „Siezen“ ist mit Karl V. (König von Spanien und deutscher Kaiser) und dem spanischen Hofzeremoniell, das den Deutschen anfangs wohl „spanisch vorkam“, nach Deutschland gekommen, also so um 1520. Durchgesetzt hat es sich erst später.
„Sie“ war nie und ist nie unhöflich, es sei denn, man gebraucht es ironisch.
Gruß Fritz
Hallo Dascha!
Das „Sie“ ist im Deutschen nie und nimmer eine Unhöflichkeit. Und zum Thema „Höflichkeitsform“ ist zu sagen, dass das Mannheimer Institut für deutsche Sprache inzwischen hierfür den Terminus „Distanzform“ verwendet. Ich finde dieser Ausdruck trifft den Gebrauch im Deutschen sehr gut: mit Menschen mit denen man/frau ein formelles oder distanziertes Verhältnis hat, ist man/frau per Sie, mit Vertrauten und Freunden hingegen per Du.
Servus
Hermann
Danke für die Antwort auch von Hermann. FAQ 170 beantwortet die Frage sehr ausführlich. „Distanzform“ ist wohl das richtige Wort für das „Siezen“. Mir persönlich würde eine zusätzliche dritte Form „Ihr“ besser gefallen. Es ist höflich und doch weniger distanziert. Schade, daß man davon abgekommen ist. Gruß Dascha
Als ich über all das nachdachte, fiel mir ein, daß Fürsten
ihre Diener mit „er“ ansprachen. „Hat er meine Stiefel
geputzt?“ Man wollte sich durch ein „du“ nicht gemein machen
mit dieser Person.
(…)
Ich hätte auch gerne Eure (wirkliche Höflichkeitsform) Meinung
dazu gewußt, ob Ihr die Anrede „Sie“ in der Grundbedeutung
auch als eine Abwertung einer Person anseht.
Du solltest 3. Person Einzahl und 3. Person Mehrzahl nicht in einen Topf werfen. Das distanzierte „Sie“ ist in keinster Weise abwertend. Viel schlimmer finde ich es, wenn mein Zahnarzt mein Putzkünste lobt: „Sie hat doch wieder eh nichts, nicht wahr, sie putzt sich doch die Zähne so gut.“ Egal ob die Zahnarzthelferin da ist oder nicht. Wobei er vermutlich eher aus Schüchternheit die direkte Anrede vermeidet.
Bis denne!
Schnoof
Also ich habe es noch erlebt, dass ich in Tübingen von Marktfrauen - man ist versucht zu sagen: Marktweibern
- und auch von alterwürdigen Verkäuferinnen in Einzelhandelsgeschäften, die vermutlich die Ehefrauen der Geschäftsgründer waren und ihren Söhnen oder Enkeln noch ein wenig zur Hand gingen, geerzt.
„Hott er sonscht no an Wonsch?“ - „Do hott er aber a guade Wahl troffa!“
(Hat er sonst noch einen Wunsch? Da hat er aber eine gute Wahl getroffen!)
Wobei das „hott er“ klang wie „hotter“.
Das ist jetzt so fünfundzwanzig Jahre her. *inErinnerungschwelg*
Fritz
Also ich finde „Distanzform“ nicht richtig. Das „Sie“ sollte doch eher eine „Respektsform“ sein. Es können doch Leute jahrzehntelang gemeinsam arbeiten, sich in und auswendig kennen, aber immer noch per „Sie“ sein.
Ad Höflichkeit:
In Ö. ist der Ausspruch „Du Trottel“ nicht immer böse bzw. als Beleidigung gemeint, hingegen „Sie Trottel“ ist IMMER eine Beleidigung.
Distanz vs. Respekt
Also ich finde „Distanzform“ nicht richtig. Das „Sie“ sollte
doch eher eine „Respektsform“ sein. Es können doch Leute
jahrzehntelang gemeinsam arbeiten, sich in und auswendig
kennen, aber immer noch per „Sie“ sein.
Tatsächlich hat aber natürlich ein jahrelanges Arbeitsverhältnis (wie von dir oben beschrieben) nicht notwendigerweise etwas mit *Nähe* zu tun. Es könnten eine professionelle Nähe und zugleich eine persönliche Distanz vorliegen, so dass das „Sie“ diese persönliche Distanz ausdrückt, und nicht notwendigerweise den Respekt.
Anders herum ist es in unserer Generation sehr wohl möglich, einen hoch geschätzten Vorgesetzten oder Geschäftsführer mit „Du“ anzureden, ohne deswegen den Respekt zu verlieren oder zu persönlich zu werden. Das hat damit zu tun, wie man es gelernt hat und wie man selbst und seine Umwelt damit umgehen.
Respekt hat man auch nicht automatisch für alle Menschen um einen herum, und dennoch möchte man sie zunächst mit „Sie“ ansprechen.
„Sie“ scheint somit viel eher übergeordnet ein Zeichen für eine bewusst geschaffene Distanz zu sein. Und zwar Distanz aus Höflichkeit oder aus anderen Gründen - wozu auch Respekt zählen kann!
Und der Umkehrschluss: „‚Du‘ bedeutet Distanzlosigkeit“ war für frühere Generationen sicherlich gültig, ist aber in unserer Generation nicht mehr unbedingt haltbar.
Mir passiert es ständig, mit „Ihr“ angesprochen zu werden. Hier im ehemaligen Zonenrandgebiet mischen sich Thüringisch und (Nord)-Hessisch, statt eines fremdelnden „Sie“ oder eines plump vertraulichen „Du“ wählen viele Menschen ein goldiges „Ihr“. Wer’s erleben will: Ich mache gerne eine Touristenführung 
Gruß
Karin
Schade, daß man davon abgekommen
ist. Gruß Dascha
Liebe Dascha, Das gilt nur bedingt! Nicht nur in deutschen Landen, sondern auch in der Schweiz gibt es Gebiete, wo durchwegs ‚geihrzt‘ oder wie wir sagen, ’ ge-ehrt’ wird, so in meinem Wohn-und Heimatkanton Bern, wo in der Mundart ausschliesslich die 2.Person Pl. für die Höflichkeitsform verwendet wird, analog dem Welschen, dem Französischen. Auch ich werde gerne bei Bedarf Fremdenführerin sein!
L.G. Susette
Hallo,
nach allem, was ich nun gelesen habe, ist es mir klar, daß es nicht unhöflich ist, wenn jemand in der 3.Person angesprochen wird, sei es vom Zahnarzt, sei es von der Marktfrau. Eine alte Dame, die ich gelegentlich betreue, habe ich auch schon so angesprochen: „Oh,oh, da hat sie wieder mal ein Loch ins Sofa gebrannt!“ - Das kommt wohl hauptsächlich vor, wenn sich Fremde nahe kommen und sich verpflichtet fühlen, ein paar Worte zu sagen.
Heute sagt die Verkäuferin „Darf es noch etwas sein?“ obwohl sie den Kunden gar nicht auffordern müßte, seine Wünsche zu äußern. Es ist vielleicht eher ein Zeichen von Diskretion und Kultur. Man möchte dem anderen nicht zu nahe treten und trotzdem ein paar Worte sagen.
Ich habe mich eigentlich nur darüber gewundert, daß es dazu kam, daß wir - im Gegensatz zu den Franzosen und Engländern - Fremde nur noch in der Dritten Person (Mehrzahl) anreden.
Es soll ja noch Ausnahmen geben. In Teilen Thüringens und der Schweiz schotten sich die Menschen anscheinend noch nicht so ab. Vielen Dank für die Mitteilung. In meinem nächsten Leben gehe ich vielleicht dort auf Spurensuche, wenn es hier das „Du“ einmal nicht mehr gibt und der Ehemann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, seine Frau fragt: „Hat sie einen guten Tag verbracht?“
Gruß an Alle Dascha
Eindringliche Warnung!!!
Eine alte Dame, die ich gelegentlich betreue, habe ich auch schon so
angesprochen: „Oh,oh, da hat sie wieder mal ein Loch ins Sofa
gebrannt!“
Hallo Dascha!
Ups, da ist Dir ein riesengroßer Fehler passiert. Die höfliche Anrede im Deutschen ist Sie + Plural (in Deinem Beispiel also: „da HABEN Sie wieder …“).
Die Anrede sie/er + Singular (" da HAT sie …) wurde früher gegenüber Lakaien gebraucht, heute jemand so anreden ist eine extreme Beleidigung.
Servus
Hermann
Eine alte Dame, die ich gelegentlich betreue, habe ich auch schon so angesprochen: „Oh,oh, da hat sie wieder mal ein Loch ins Sofa gebrannt!“
Hallo Dascha!
Hermann hat Recht. So kann man nicht oder sollte man nicht mit Erwachsenen reden, nicht einmal mit Kindern. Obwohl ich nachvollziehen kann, wie es dazu kommt.
Man scheut sich, den in der Aussage enthaltenen Vorwurf dem Gegenüber direkt „ins Gesicht“ zu sagen.
Diese unglückliche Art der Anrede wird nur vom „Pluralis hospitalis“ übertroffen, wenn die Krankenschwester und selbst Ärzte einen fragen: „Na, hatten wir heute schon Stuhlgang?“
Die Antwort darauf kann nur lauten: „Bei mir wars dick und dampfig; wie’s bei Ihnen war, weiß ich nicht. Sie wirken aber etwas verdruckt!“ 
Gruß Fritz
Danke, ich will es in Zukunft nicht mehr machen. Gruß Dascha