Hai, Barbara,
naja, dein vergleich hinkt für mich, weil die briten kein
probem mit ihrer vergangenheitsbewältigung haben. daran kanns
also nicht liegen. sorry, dieses 68er-bashing nervt mich
manchmal sehr. denn ich sehe das nicht so, dass „wir alle“
wurzel- und wertelos aufgewachsen sind - zumindest nicht, wenn
wir aus 68er haushalten kommen:smile:)…im gegenteil. gerade hier
wurden werte vermittelt wie demokratiebewusstsein, ziviler
ungehorsam, menschenrechte - eben eine bestimmte „ideologie“ -
ob man das jetzt gut und richtig findet ist ja ne andere
sache.
werte waren es bestimmt!
ich hatte in meinem Posting x-mal „Werte“ geschrieben - und wieder gelöscht… Denn ich meine ja eben nicht Werte (die durchaus vermittelt wurden, wenn nicht direkt von den Eltern, dann doch von Lehreren - da sind wir uns einig), sondern eben die Wurzeln, auf denen diese Werte beruhen.
Die Wurzeln des zivilien Ungehorsams z.B. reichen ja nunmal nicht wirklich tief in die Geschichte, zumindest hier in Deutschland nicht.
Einer der wesentlichen Impulse der 68er-Bewegung war doch der Gedanke „Wir machen alles neu“ und zwar weltweit, wenn auch in Deutschland mit dem Extra-Impuls, daß die jüngere Vergangenheit wirklich nichts war, worauf man hätte stolz sein können. In der Schweiz z.B. war die Idee zivilen Ungehorsams nichts, was als völlig neue Idee die vorherige Generation hätte ärgern können - die haben ja den Volkshelden Tell.
Und so gab es natürlich von Land zu Land unterschiedlich starke Ausprägungen, wie neu die Werte der 68er-Generation waren; in Deutschland stärker, als in GB und dort stärker als in der Schweiz.
Und es handelt sich nicht um 68er-Bashing - sie sind nicht mehr und auch nicht weniger „schuld“ an der aktuellen Situation, als andere Generationen. Und daß Werte ohne Wurzeln auf Dauer nicht funktionieren, kann man eben erst heute sehen.
In GB z.B. kann sich die aktuelle Generation (der Briten) wieder dem Königshaus zuwenden - eine alte Tradition, sie können ihren Kindern die alten Legenden erzählen, stolz sein auf Trafalgar und was weiß ich noch alles und die 68er-Werte können auf Volkshelden wie Robin Hood oder William Wallace zurückgeführt werden.
Das ist in Deutschland (für Deutsche) nicht so einfach - wer kennt denn noch die Edda? Und selbst wenn - wer würde sich denn trauen, die, oder auch die Variante des Rings der Nibelungen, seinen Kindern zu erzählen? Und wieviele Deutsche können schon wenigstens einen deutschen Helden des Widerstandes nennen, der vor dem 2. Weltkrieg lebte? (Und daran sind die 68er auch nur zum kleinsten Teil schuld)
Und noch viel stärker trifft dieser Effekt die Einwanderer - ganz ohne Vergangenheitsbewältigungsproblemen und ohne 68er: die, die sich integrieren wollten (bei „unseren“ Türken überwiegend die zweite Generation - die erste wollte ja meist wieder nach Hause), haben ihre Wurzeln verdrängt, haben ihre alten Traditionen aufgegeben, um sich anzupassen (an eine Gesellschaft, die zwar Werte, aber eben keine Wurzeln für diese Werte hatte). Sie hatten keinen Atatürk mehr an der Wand zu hängen, der Islam ist für die meisten von denen so lebensbestimmend, wie bei den meisten Deutschen das Christentum - und ihre Kinder suchen, so wie unsere, jetzt wieder Wurzeln.
Während unsere Generation gut auf dem Weg war, die Nationen-Schranken zu überwinden (was der Erziehung durch die 68er zu verdanken ist), fallen unsere Kinder auf die Werte der Ur-Großeltern zurück, versuchen, an die, ihrer Meinung dort noch vorhandenen, Traditionen anzuknüpfen. Und National-Stolz und Religion sind eben die hervorstechensten Merkmale, die von dieser Generation an unsere Kinder überliefert wurden. Die jungen Türken wenden sich dem Islam zu und feiern Atatürk (verstärkt durch den Druck, daß sie hier als fremd angesehen werden), die jungen Deutschen werden so etwas Ähnliches wie Nazis und/oder feiern den Papst, die jungen Briten mischen Deutsche auf (weil sie ja den Krieg gewonnen haben und Deutsche sowieso alles Nazis sind) und sind selbst so etwas Ähnliches wie Nazis und die jungen Pakistani wenden sich eben auch dem Islam und dem Nationalstolz zu. Alles natürlich in unterschiedlichen Ausprägungen.
nicht, dass nicht viele symptome, die du genannt hast, nicht
vorhanden sind in der gesellchaft - ich glaube nur nicht, dass
man das monokausal auf die studentenbewegung „schieben kann“.
Das wollte ich gar nicht monokausal verstanden wissen - es ist ein, meiner Meinung nach wichtiger, Teilaspekt.
meine beobachtung in deutschland ist vielmehr, dass wir ein
altes nationalgefühl, dass auf militärischer stärke und
preußischen tugenden beruhte, jahrzentelang gegen ein stolzes
bewusstsein, *die* wirtschaftsmacht zu sein, eingetauscht
haben. preußen und militär war eben - zurecht - out -
kapitalismus in. wir kauften uns freunde in der welt, wir
hatten das wirtschaftswunder, wir bauten die besten autos, wir
waren fleißig und erfolgreich und die züge kamen pünktlich.
-)
Das genau meinte ich: Werte, die nur aktuellen Bezug haben - ohne Wurzeln und Vertreter in der Vergangenheit. Dabei gäbe es diese Wurzeln - sie werden nur nicht so stark in den Schulen hervorgehoben, wie es eigentlich sinnvoll wäre. Zum Beispiel die Preußen - die stehen nicht nur für Militär, Gehorsam, Pünktlichkeit, sondern eben auch für Religionsfreiheit und Bildung für’s Volk.
ein gemeinschaftsgefühl scheint nur im gemeinsamen jammern
aufzukommen, was niemand so wirklich spaß bringt - und auf
*giggel* das lässt sich aber ebensowenig auf die britischen Verhältnisse übertragen, wie die Vergangenheitsbewältigungsprobleme…
andere, die nicht so recht wissen, ob sie dazugehören, wenig
attraktiv wirkt. als türke in berlin kann ich mir dann
…was wiederum in beiden Ländern zutreffen dürfte…
Und ja, es ist „eigentlich nur“ ein Generationenkonflikt, aber es ging mir darum, einen Aspekt aufzuzeigen, warum „die Jugend“ ausgerechnet in die Radikalismen verfällt (überzogene Religion oder überzogener Nationalstolz), die wir doch, dank der Erziehung durch die 68er, (zumindest beinahe) überwunden glaubten.
Gruß
Sibylle