nochmal anders. (sehr, sehr lang)
hi sibylle,
naja, dein vergleich hinkt für mich, weil die briten kein probem mit ihrer vergangenheitsbewältigung haben. daran kanns also nicht liegen. sorry, dieses 68er-bashing nervt mich manchmal sehr. denn ich sehe das nicht so, dass „wir alle“ wurzel- und wertelos aufgewachsen sind - zumindest nicht, wenn wir aus 68er haushalten kommen:smile:)…im gegenteil. gerade hier wurden werte vermittelt wie demokratiebewusstsein, ziviler ungehorsam, menschenrechte - eben eine bestimmte „ideologie“ - ob man das jetzt gut und richtig findet ist ja ne andere sache.
werte waren es bestimmt!
nicht, dass nicht viele symptome, die du genannt hast, nicht vorhanden sind in der gesellchaft - ich glaube nur nicht, dass man das monokausal auf die studentenbewegung „schieben kann“.
meine beobachtung in deutschland ist vielmehr, dass wir ein altes nationalgefühl, dass auf militärischer stärke und preußischen tugenden beruhte, jahrzentelang gegen ein stolzes bewusstsein, *die* wirtschaftsmacht zu sein, eingetauscht haben. preußen und militär war eben - zurecht - out - kapitalismus in. wir kauften uns freunde in der welt, wir hatten das wirtschaftswunder, wir bauten die besten autos, wir waren fleißig und erfolgreich und die züge kamen pünktlich. 
…und irgendwie sind wir das gerade gar nicht mehr, stolz auf unsere wirtschaft ist zur zeit keiner, der kapitalismus hatte auch schonmal mehr spaß gemacht, man kann froh sein, wenn überhaupt ein zug im bahnhof ankommt, die toiletten waren auch schonmal sauberer, die dmark gibt es nicht mehr, fußball spielen konnten wir das letzte mal 1956 (oder so) - und jetzt haben wir gar nix substantielles mehr (scheinbar), auf das wir stolz sein können. schuld daran sind - aus wessi-sicht die ossis (die im ostblock ja auch eher zu den besser gestellten gehörten und grund zum jammern haben), aus ossi-sicht die wessis, aus wessiossi-sicht die ausländer (wenn die wessiossis lafontaine heißen, nennen sie es fremdarbeiter) - und irgendwie sind egentlich alle schuld: die böse globalisierung, der böse euro, die böse eu, der böse bush, die bösen polen, nur wir nicht. und wenn, dann höchstens der nachbar oder der chef oder der verkäufer, der nicht weiß, dass der kunde könig ist.
ein gemeinschaftsgefühl scheint nur im gemeinsamen jammern aufzukommen, was niemand so wirklich spaß bringt - und auf andere, die nicht so recht wissen, ob sie dazugehören, wenig attraktiv wirkt. als türke in berlin kann ich mir dann überlegen, ob ich ne dönerbude aufmache oder drogen verkaufe - oder in moscheen einen auf streng gläubig mache, da habe ich eine sphäre, in der ich wenigstens wer bin, nicht nur ein looser, wenn ich keinen abschluss habe. ohne abschluss sind zur zeit gut 70 prozent aller jungen türken hier. und da scheint mir doch der hase im pfeffer zu liegen, warum so extremistische geschichten mit abenteuer, feinden, ehre und so’n kram bei jungen kerlen gut ankommt. nicht, dass ich das gut heißen würde - keineswegs! wenn’s was helfen würde, kauf ich jeden tag nen döner in der müllerstraße, damit die guten jungs ihren schnitt machen:wink:. aber banalerweise ist es ja oft genau das: auflehnung gegen die konformistischen eltern (insofern ist das nix neues, auch die 68er wollten anders als die eltern sein - deine these unterstütze ich also, halte sie aber für ein normales generationenproblem, das nur wenn’s extrem wird, schädlich ist…) & perspektivlosigkeit.
grüßli,
barbara