Hallo,
ich habe mich jetzt durch den ganzen Thread gewühlt und es war ein ziemlicher Mix. Und weil ich zu faul bin nun sechs mal das Gleiche zu schreiben, docke ich einfach mal hier oben an.
Es gibt eine Kontinuität, aber die liegt tiefer. Das politische Selbstverständnis der USA beruht immer noch auf der Unabhängigkeitserklärung. Die besagt ganz klar …
When in the Course of human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature’s God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation.
(Zitat Ende, ich habs einfach reinkopiert)
Das bedeutet bis heute aber auch, dass jeder Mensch das Recht auf Freiheit und die Pflicht für Freiheit zu kämpfen hat. Es geht ja noch weiter …
We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes; and accordingly all experience hath shewn, that mankind are more disposed to suffer, while evils are sufferable, than to right themselves by abolishing the forms to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.
Also nicht leichtfertig, aber wenn eine Regierung lange genug Despotismus ist, dann ist es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht etwas zu tun. Und genau diesen Balanceakt finden wir von damals bis heute immer wieder in der amerikanischen Politik. Ob das der provozierte Krieg gegen Spanien war, der erste Weltkrieg in den die USA hinein wollten und einen Grund suchten (und zwar schon vor der Mexiko-Affäre) oder der zweite Weltkrieg, in dem die Bevölkerung nicht richtig wollte, weil man auch die Engländer nicht gerade als wirklich „frei“ ansah, aber ein Krieg gegen Japan vermittelbar war wegen dem, was in China stattfand. Natürlich hat Japan dann angegriffen. Man hatte diesen Angriff auch lange genug provoziert. Korea, Vietnam, die gleiche Geisteshaltung.
Wir sehen hier zwei Mißverständnisse: Es ist nicht so, dass man die Amerikaner jemals wirklich in einen Krieg gegen ein Regime zwingen muste, das seine Bevölkerung unterdrückt. Es gibt lediglich Sachzwänge, die einen solchen Schritt verzögern oder ganz unterbinden können. Der Aspekt, der dabei aber gerade die Europäer immer wieder überrascht (vor allem nach Ende des 2.WK) ist, dass die USA immer wieder bereit waren, den ganzen Salat auch noch zu bezahlen.
Nach dem 1.WK waren es amerikanische Kredite, die in D die goldenen Zwanziger schufen. Aber das ging schief, weil 1929 auch die amerikanische Wirtschaft getroffen wurde. Aber nach dem 2.WK hat es geklappt mit Care und so weiter. Südkorea wurde aufgefüttert, nach Nordkorea kam man ja nicht rein (amerikanische Hilfsorganisationen versuchen es ja trotzdem ständig). Vietname, gleiches Spiel. Nun haben wir Afghanistan und den Irak. Daktator weg, Millionen und Abermillionen US-Steuerdollars fließen in den Aufbau. Alles schön und gut, aber …
Die Europäer, die von den USA schon dreimal wieder mitaufgebaut wurden (denn das Wiederaufbauspiel begann in Grenzen bereits nach den napoleonischen Kriegen), waren nun wieder wer. Und damit hat das Verständnis dafür, dass es anderswo Stellen auf der Erde gibt, an denen ein Handeln notwendig wäre, sich gegen Null bewegt. Das mag Realpolitik sein. Nur, hier liegt ein Mißverständnis vor, die USA machen da gar keine Realpolitik. Die glauben an Freiheit und Demokratie. Und damit meine ich jetzt nicht nur die Politiker, das geht hier viel tiefer.
Auch die Vorstellung der Zeit des Kalten Krieges „unpolitisch bis auf Antikommunismus“, die ich in einem Posting gelsen habe, ist eine deutsche bzw. europäische Einschätzung. Für die USA ist gerade die McCarthy-Ära eine Art Schock, der immer noch genauso aufgearbeitet wird, wie z.B. der Vietnam-Krieg. Denn da passierte den USA genau das was eigentlich im gesellschaftlichen Kontext als genau das Feindbild gesehen wird. Und je mehr eine aus den Fugen geratene Obrigkeit dieses Bild durchzusetzen versuchte, desto mehr wurde die Bevölkerung politisch. Nicht umsonst trifft der Brutalantikommunismus mit dem Auftreten schwarzer wie auch weißer Bürgerrechtler zusammen.
Halten wir also fest, dass Politik und Demokratie, basierend auf Vorstellungen von Freiheit, in der US-Bevölkerung weit mehr gegenwärtig sind als in D. Das führt dazu, dass eine Regierung in derartigen Konfrontationen anders handeln wird, ja handeln muss. Was glaubt Ihr denn, was hier gerade wegen dem Kongo los ist? Und man soll auch nicht glauben, dass Georgien bereits aus der Diskussion ist.
Für Europa sieht das alles nach „kriegslüstern“ aus. Eine weitere Trendaussage eines gepflegten Antimaerikanismus. Die Cowboys rasseln schon wieder mit dem Säbel. Nun hofft man auf Obama, der alles richten wird. Aber da würde ich mich nicht wirklich drauf verlassen. Er wird vielleicht die Grenzen bis zu einem Eingreifen weiter stecken, aber es wird diese Grenzen geben. Und was den Irak angeht, so könnte Obama sich sehr bald in der gleichen Situation wiederfinden, in der sich Kennedy damals wiederfand. Dann aber werden die Sympathien, die er derzeit in Europa geniest (er, aber nicht die USA) auch abnehmen. Weil die USA nämlich einfach nicht begreifen, dass genau die, die vor sechzig Jahren mit dem Löffel gefüttert wurden, jetzt strikt dagegen sind, dass andere mit dem Löffel gefüttert werden. Die verstehen es einfach nicht. Das Ding dem gewöhnlichen Amerikaner auf der Straße zu erklären, geht einfach nicht. Umgekehrt kann man keinem Europäer erklären, dass man irgendwo für die Freiheit und den Schutz irgendwelcher Neger in Afrika einen Krieg riskieren soll. Oder irgendwelcher Muftis, die doch so offensichtlich gar nicht wollen. Da wird dann eher geglaubt, es geht um Öl oder Coca Cola. Selbst wenn das schon tausend Mal widerlegt wurde. Das Problem des Antimaerikanismus ist nicht, dass man wirklich gegen die USA ist. Man versteht sie nur einfach nicht und was man nicht versteht ist böse und bedrohlich. So hat europäische Politik über Jahrhunderte funktioniert.
Kann man das lösen? Ja, aber man kann es nicht auf den normalen diplomatischen Kanälen tun. Jeglicher …ismus erfordert zur Lösung, dass die Gesellschaften einander besser kennen lernen, statt immer nur vereinfacht nach Klischees zu urteilen.
Gruß
Peter B.
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