ich wende mich mit einer seltsamen Frage an euch. Warum ich mir erhoffe, dass ihr diese beantworten könnte, weiß ich selbst nicht.
Ich bin 22, m, und eigentlich für Außenstehende genau das Gegenteil von aggressiv.
Ich hatte mein Leben lang noch keine Schlägerei, hab niemanden jemals bedroht oder sonst etwas.
Aber ich habe einen „Tick“ der sich immer stärker ausprägt.
Meine Mutter sagt mir seit dem ich 16 bin, dass ich nicht immer sofort schreien soll. Ich bin (verbal) von 0 auf 100 in Rekordzeiten. Wegen Kleinigkeiten. Ich hab’s aber nicht unter Kontrolle - überhaupt nicht. Wenn ich mich ärgere, dann muss ich laut werden.
Das ironische dabei ist, dass gerade mir das im Nachhinein sehr sehr peinlich ist. Ich bin eigentlich sonst der ruhige, intellektuelle, soziale Typ. Kein Prolet oder Möchtegern-Silberrücken.
Seit kurzem ist das am Telefon das selbe. Kleinigkeiten bringen mich zur Weissglut, ich fang an zu schreien, der Gegenüber legt natürlich auf. - Würd ich mir auch nicht bieten lassen.
Doch das Hauptproblem ist der Umgang mit meiner Freundin. Da wir ins Ausland verziehen, haben wir etwas mehr Stress. Und ich bin vermutlich eher der führende, dominante Teil unserer Beziehung. Ich fühle mich teilweise etwas als Personaltrainer meiner Liebsten. Sie ist etwas jünger, hat noch nicht viel Erfahrung, und hält meist viel von meiner Meinung.
Natürlich habe ich Angst vor dem Neuen. Doch seit kurzem fahr ich bei Kleinigkeiten aus der Haut. Jetzt sagt sie mir auch nicht mehr alles was rund um geschieht, weil sie Angst hat, dass ich ausrasten könnte - natürlich ausschließlich verbal.
Doch nun mache ich mir schön langsam gedanken wie lange ich da noch zu sehen sollte…
Es tut mir jedesmal furchtbar leid, wenn ich sie zum Weinen bringe, oder sie nur da sitzt wie ein Häufchen Elend und ich Brülle wie ein Irrer bei einem Amoklauf.
Aber ich kanns für diese 5 Minuten nicht unterdrücken. Und es wird eigentlich immer extremer…
Ich bin sowieso oft frustriert und dann müssen leider andere herhalten. Das erkenn ich aber nur im Nachhinein immer. Dann entschuldige ich mich natürlich auch, aber das ist ja hirnrissig irgendwie…
Es gibt Tage, da kann ich im Nachhinein sagen, der Streit basiert auf meiner Frustration - das Thema ist bloß Nebensache. Egal was wir da gesprochen hätten, ich hätte es immer krachen lassen vermutlich…
Leider erwischts immer die Leute die mir am liebsten sind, viele habe ich davon auch nicht. Mit meiner Mutter und meiner Freundin ist mein Kreis ziemlich abgeschlossen - ich bin seltsam geworden die letzten Jahre - viele haben sich distanziert. Ich bin nicht mehr so der Partyfreund, das passte den meisten nicht… Auch meine Alkoholabstinenz seit 16 und mein akribisches Sport-leistungs-verhalten ist nicht gerade gesellschaftstauglich. Ich bin’s vermutlich auch nicht…
Sollte ich ein Anti-Aggressionstraining machen? Werde ich dort nicht ausgelacht unter „gemeingefährlichen“ Straftätern die schon die halbe Stadt verprügelt haben?
Ich habe irgendwie die Angst, dass sich das nun immer weiter steigert…
vielleicht hilft es dir erstmal, zwei Bücher zu lesen, und zwar:
„Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg, ISBN: 3873874547 Buch anschauen
und
„Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation“ von Ingrid Holler, ISBN: 3873875381 Buch anschauen
In einzelnen Städten gibt es auch Übungsgruppen zu Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg, denen du dich anschließen könntest (für Hamburg könnte ich dir was empfehlen).
Und wenn es auch in eine etwas andere Richtung gehen darf, empfehle ich gerne das hier:
Es ist Dein Ärger: Methoden zum Umgang mit starken Gefühlen, Thubten Chodron, ISBN: 3783195330 Buch anschauen
Kampfsport o.ä.
Moin,
Aggressionen sind ein normaler Teil des Lebens. Sie gehören zu dir wie alle anderen Gefühle auch. Leider (?) leben wir in einer Gesellschaft, die Aggressionen weitestgehend ausschließt. Die Folge ist, dass sich da einiges aufstaut und sich dann in vermeintlich sicherer Umgebung entläd.
Es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn du dir eine Umgebung suchst, in dem Aggressionen geduldet werden, z.B. Fußball und dich dort ein bisschen entladen kannst.
Kampfsport kann auch helfen, weil er dich grundsätzlich zu einem ausgewogerenen Menschen macht und dir innere Ruhe gibt.
Würde ich auch empfehlen. Bzw. Sport allgemein führt zu einem Ausgleich. Mache jetzt auch seit 1 Jahr wesentlich mehr Sport (Karate, laufen, usw.), fühle mich auch ausgeglichener.
Sport ist sicher eine gute Möglichkeit um überschüssige Energien und Aggressionen abzubauen.
Nur ist die Frage wo diese Aggressionen herkommen!?
Natürlich ist Aggression so wie andere Emotionen ein Teil des Lebens, nur meiner Meinung nach nicht in dem Ausmaß das man ständig rumschreit.
Wir reden hier auch nicht davon das jemand ab und an mal kurz laut wird sondern davon das jemand sich 5min lang kaum noch einkriegt…
Da ist denke ich Ursachenforschung gefragt besonders weil ich an die Aussage: „ich bin sowieso oft frustriert“ denke.
Danke für den Vorschlag mit Sport, aber wenn ich meine sportlichen Aktivitäten steigere, muss ich aufhören zu studieren, weil zu wenig Zeit bleibt
Ich bin eher der Stand-alone-Player, daher mach ich in der Freizeit viel Sport (Laufen, Kraft, Rad)
Danke für deine Buchempfehlungen, ich werde mir tatsächlich eines bestellen. Bücher kann ich gut leiden
Ahm genau so denke ich selbst auch. Es ist ja nicht so, dass ich glaube Aggressionen kann man allgemein abschalten. Aber bei mir tendiert das bald zu multipler Persönlichkeit.
Ich will nicht schreien, es ist mir peinlich, aber in dem Moment, denk ich an das nicht… Teilweise denk ich mir im Nachhinein oft wie absichtlich bösartig ich jemanden fertig mache, wenn ich den Weg erkenne… Diese „Wut“ nimmt teilweise ein sehr bösartiges Ende, da ich wirklich verletzend sein kann…
Kampfsport beginne ich aber ohenhin im September, da mir der sportliche Aspekt dabei gut gefällt (Verhältniss von Kraft zu Ausdauer zu Koordination)
Emotionen wollen ausgedrückt werden. Sie immer zu unterdrücken (oder es zu versuchen) ist auch nicht Gesund bzw wird dir sowieso auf Dauer nicht gelingen.
Für Emotionen gibt es aber in der Regel einen Grund. Der kann dir deutlich bewusst sein oder er liegt verborgen.
Ich denke ein Gespräch mit einem Therapeuten kann nicht schaden um mal zu sehen was da so alles verborgen liegt bzw warum du „ausrastest“
Hallo,
ich bin kein Psychologe, das mal vorab. Deine Story klingt ein bisschen traurig. Du schreibst, du bist oft frustriert. Warum genau?
Was du sonst noch schreibst (über deinen Sport, deine Alkoholabstinenz, deine „Leitwolf“-Position in der Beziehung) klingt für mich ein bisschen nach Perfektionismus (einfach aus eigener Erfahrung heraus). Wenn man sehr genaue Vorstellungen hat, macht es einen verrückt, wenn was schiefläuft, was man nicht unter Kontrolle hat. Besonders wenn neue, angstauslösende Situationen auftreten. Hier hilft auch kein theoretisches Wissen über dein Problem, wenn’s soweit ist, überkommt es dich, das kann ich absolut nachfühlen.
Aber das sind ja jetzt nur Vermutungen und Denkanstöße. Aber es bleibt dabei: Selbsterkenntnis…
um ehrlich zu sein, wurde mir schon gesagt, dass ich krankhaften Perfektionismus eigentlich neu definiere. Auch mein Unvermögen Dinge nicht total kontrollieren zu können macht mich Wahnsinnig.
Warum ich oft frustriert bin, kann ich ehrlich gesagt schwer sagen. Ich bin einfach mit dem Alter immer nachdenklicher und melancholischer geworden. Ich bin gerne viel alleine, aber doch stört es mich, dass ich eigentlich niemanden kenne, dessen Meinung ich wirklich respektiere und annehme.Teilweise sehe ich bei mir selbst, dass mich ja doch nichts zufrieden stellt.
Hallo,
tja, kam mir gleich so bekannt vor . Leider habe ich bis jetzt auch keine Lösung gefunden, wäre ja auch eigentlich falsch, damit würde ich mich ja selbst „lösen“. Aber anderen gegenüber offen und detailliert aussprechen, was einen bewegt und was manchmal dazu führt, komisch rüberzukommen, hilft schon viel. Leute, die wirklich an dir interessiert sind, werden es verstehen, und auf die anderen kannst du auch verzichten.
Jedenfalls ist geteiltes Leid halbes Leid, daher ganz liebe Grüße