Antidepressivum sinnvoll?

Hallo Psychologie- bzw. Psychiatrie-Experten,

seit längerer Zeit bin ich in einer Lebenskrise. Liebeskummer durch unerfüllten Beziehungswunsch, finanzielle Durststrecke auf dem Weg zur beruflichen Selbständigkeit, Einsamkeit, aus der ich nicht herauskomme. Aber schon immer hatte ich Probleme, Beziehungen zu finden und Kontakte überhaupt. Deshalb diesbezüglich wenig Selbstvertrauen und Hang zu Traurigkeit.

Seit fast zwei Jahren gehe ich in Therapie. Trotzdem komme ich nicht von der Stelle. Wenn ich unter Menschen gehe, habe ich den Eindruck, mir fehlt die „Ausstrahlung“, um auf Menschen zu wirken und werde nicht wahrgenommen, bin mangels Übung von Smalltalk-Situationen überfordert, mit einer Frau zu flirten, dazu fehlt mir überhaupt jedes Selbstvertrauen, fühle mich nicht akzeptiert, bloß geduldet, bin aufgrund vieler entsprechender Erfahrungen mehr oder weniger soziophobisch.

Eigentlich bin ich in bezug auf Psychopharmaka eher skeptisch, aber vor einigen Wochen kam mir die Idee, ein Antidepressivum könnte mir vielleicht helfen, aufgrund folgender Überlegung:
Depressionssymptome u. a. subjektiv empfundene depressive Verstimmung (Traurigkeit), und Antriebsschwäche (empfinde ich als Zweifel, ob sich in Anbetracht meiner bisherigen Erfahrungen das Handeln lohnt, nicht eigentlich „Schwäche“).
Antidepressivum = stimmungshebend und ev. antriebssteigernd. Davon erwartete ich mir mehr Ausstrahlung nach außen und mehr Handlungsfähigkeit, in der Folge auch wieder Erfolgserlebnisse, dadurch wieder mehr Selbstvertrauen.

Ich fragte einen Freund, der Assistenzarzt für Psychiatrie ist, er sagte mir, meine gedrückte Stimmung sei situationsbedingt verständlich, es sei keine Depression, Medikamente würden eher nichts bringen. Statt dessen empfahl er mir zu laufen und schwimmen (ich laufe auch wieder, mit etwas Überwindung). Der Therapeut sagte ähnliches, beide meinten, ich könne es aber versuchen und mir verschreiben lassen, ich bekam auch diesbezüglich eine Empfehlung (Efectin, in D/CH Efexor).

Ich bin verunsichert: früher unterschied man zwischen endogener sowie reaktiver und neurotischer Depression, denke mir auch, daß Erlebnisse längerfristig vielleicht doch auch auf die mit der Stimmung zusammenhängenden Transmittersysteme im Gehirn rückwirken.

Natürlich möchte ich mir eventuelle Nebenwirkungen nicht antun, wenn es nichts bringt.

Was meint bzw. wißt Ihr dazu?

Liebe Grüße,

I.

Hallo,

wie Du weißt, können wir hier weder Ferndiagnose noch Ferntherapie machen. Aber ein paar Informationen kann ich Dir geben.

Wenn Du immer schon Schwierigkeiten hattest, Beziehungen zu finden und Kontakte aufzubauen und deswegen wenig Selbstvertrauen hast, werden diese Probleme wohl eher nicht auf Deine momentane Situation zurückzuführen sein.

Deine momentane „depressive“ Stimmung machst Du an einer Lebenskrise fest. Ein Arzt und ein Therapeut sagen, daß diese Stimmung wohl nicht durch eine Depression bedingt ist. Du selbst sprichst von mangelnder Übung in sozialen Situationen. Diese mangelnde Übung kann man nicht über Medikamente ausgleichen. Das wäre eine Sache, die auf der Tagesordnung bliebe, gleich, ob Du ein Medikament nehmen würdest oder nicht. Wenn die mangelnde Übung und die mangelnde Selbstsicherheit mit zu den Hauptbedingungen Deiner „depressiven“ Stimmung gehören, wird diese Stimmung auf Dauer allein durch eine Medikation nicht behoben werden.

Allerdings könnte die Medikation es Dir erleichtern, die Hauptbedingungen Deiner Schwierigkeiten anzugehen, d.h. daß sie Dich in eine bessere Verfassung bringt, damit Du Dir die Übung verschaffst und Dir das Selbstvertrauen aufbaust. So könnte die Medikation indirekt vielleicht helfen. Ob es ratsam wäre, ein Medikament zu nehmen oder nicht, hängt auch von dem Grad der Schwierigkeiten und ihrer Art ab. Bei starken Schwierigkeiten ist es eher ratsam als bei schwächeren, eine Medikation zu versuchen. Ich denke, daß Dir Dein Arzt und Dein Therapeut in dieser Hinsicht eine sinnvolle Empfehlung geben können.

Ich bin verunsichert: früher unterschied man zwischen
endogener sowie reaktiver und neurotischer Depression, denke
mir auch, daß Erlebnisse längerfristig vielleicht doch auch
auf die mit der Stimmung zusammenhängenden Transmittersysteme
im Gehirn rückwirken.

Klar kann es eine Rückkopplung zwischen situationalen Bedingungen und Transmitterhaushalt geben. Davon ist im Regelfall auszugehen. Die Frage ist, was primär die Hauptbedingungen für die gedrückte Stimmung sind: ein primär gestörtes Transmittersystem oder die situationalen Faktoren. Das ist nur sehr schwer zu entscheiden, weshalb die ältere Unterscheidung in reaktive und endogene Depressionen heute nicht mehr in der Form aufrechterhalten wird. Zudem können für depressive Stimmungen nicht nur Depressionen, sondern auch andere Störungen verantwortlich sein, wie z.B. eine Soziale Phobie oder eine Anpassungsstörung (-> z.B. aufgrund einer Lebenskrise). Insofern würde ich den Blickwinkel nicht zu stark auf die Depression als Ursache und eine Medikation als Behandlung einengen.

Eine Frage an Dich: Du sprachst von einer 2jährigen Therapie. Was ist das für eine Art von Therapie?

Beste Grüße,

Oliver Walter

Hi,

ich bin kein Fachmann, aber ebenfalls betroffen und meine Symptome sind ähnlich.

Was ich mit Erfolg nehme, ist hoch dosiertes Johanniskraut (750 mg). Das ist sogar noch nicht einmal chemisch, hat allerdings die Nebenwirkung, dass es die Haut lichtempfindlicher macht. Die Wirkung ist aber sehr gut (tritt aber erst nach einiger Zeit ein)

Bei Depressionen gepaart mit Sozialphobie fällt mir Seroxat (mit dem Wirkstoff Paroxetin) ein, was ich genommen hatte, bei mir allerdings sehr starke Nebenwirkungen zeigte (Zittern). Aber das kann ja bei jedem anders sein.

Gruss Hans-Jürgen
***

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Hallo,

als ich deinen Beitrag gelesen habe, habe ich gemeint, ich lese mein Leben :wink:)

Mir geht es haargenauso im Moment.
Es ist schwierig, zu entscheiden, ob man Antidepressiva als „Krücke“ mitnimmt, oder nicht.
Sie sind keinesfalls „Problemlöser“. Wenn man an eine Einnahme denkt mit dem Hintergedanken, dass löse irgendwelche Probleme oder Sorgen, wird man bitter enttäuscht.

Es mag Indikationen geben, für die sie doch angezeigt sind, z.B. Zwänge sind therapeutisch nur schwer zugänglich, angeblich medikamentös besser in den Griff zu bekommen.

Wie gesagt, angeblich. Ich habe wegen diverser Kontrollzwänge SEROXAT genommen. Das ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, kein trizyklisches Antidepressivum.

Erfahrungsgemäß hat jeder ganz eigene, andere Erfahrungen mit diesen Medikamenten.
Ich hatte auf SEROXAT extremes Zittern und Schwindel, Flimmern vor Augen - recht „toll“ bei Bildschirmarbeit übrigens :wink:)
Es hatte gegen Zwänge und Depressionen GAR keine Wirkung gehabt (1 Jahr eingenommen).
Wohl aber gegen meinen damaligen Liebeskummer und meine Soziophobie.
Merkwürdig daran ist allerdings, dass ich diese Wirkung nur indirekt durch das Feedback anderer merkte, nicht direkt selbst. Ich MEINTE, keine andere Wirkung in zwischenmenschlichen Kontakten zu haben,aber die ANDEREN haben mich angesprochen, ich hätte eine Ausstrahlung wie wenn ich frisch verliebt wäre, und was denn mit mir bloß los sei, weil ich so strahle … dass war mir selbst nicht so bewusst - muss aber wohl so gewesen sein, sonst hätten andere, auch Fremde, das nicht so wahrgenommen.

Aufgrund der starken Nebenwirkungen musste ich es aber absetzen.

CITALOPRAM ist auch eines aus dieser Gruppe, bei mir völlig ohne jede Wirkung - aber auch ohne Nebenwirkungen, bis auf ein bisserl Hautausschlag.

ZOLOFT habe ich bis vor kurzem genommen - starke Nebenwirkungen in Hinblick auf starkes allg. Schwächegefühl und Hautausschlag und - ganz übel, wenn es einem eh schon dreckig geht - unbestimmte Angst- und Beklemmungsgefühle. Sowas soll sich zwar angeblich in den ersten 2-3 Wochen zurückbilden, nachlassen, aber weit gefehlt - ich hatte es ständig, da ließ nichts nach. Also abgesetzt.

Derzeit nehme ich gar nichts, denn ich bin mir mittlerweile nicht mal mehr sicher, ob das überhaupt was nutzt. Von Stimmungsaufhellung keine Spur, aufgrund der Nebenwirkungen hat man, finde ich, eher noch mehr Probleme, als man ohnehin schon genug hat.

Also mache ich ganz herkömmlich eine Therapie, hab mir aber einen Therapeuten gesucht, der wirklich ganz pragmatisch an meine Probleme rangeht. Eine Art „Kaffeeklatsch“ in dem Sinn, hingehen, er fragt „wie war die Woche“, ich sage „schlimm“ und erzähle, wie die Woche war, und die Stunde ist rum … das bringts nicht.
Entsprechend der eigenen Probleme muss wirklich in einer Therapie GEARBEITET werden und nicht nur blablabla. Plaudern kann man mit Freunden oder notfalls der Telefonseelsorge auch.

Aber schon immer hatte ich
Probleme, Beziehungen zu finden und Kontakte überhaupt.
Deshalb diesbezüglich wenig Selbstvertrauen und Hang zu
Traurigkeit.

Das kenne ich nur zu gut aus eigener Erfahrung. Aber mit Tabletten hab ich es nicht lösen können.
Ich bin mit der Therapie der Sache auf den Grund gegangen, denn für dieses Übel gibt es Ursachen!
Die eine Ursache ist recht banal: Minderwertigkeitsgefühle, wenig Selbstvertrauen, kein Selbstwertgefühl. Die andere(n) Ursachen liegen meist in Kindheits-/Erziehungsfragen.
Da muss gearbeitet werden, nicht geschluckt werden! Mit jeder Therapiestunde, die ich eine neue Erkenntnis gewonnen habe, bzw. mit jeder Stunde, in der wir konkret was „gearbeitet“ haben, habe ich ein klitzekleines Stückchen Vertrauen mehr in mich gewonnen und die ersten zwei, drei Tage hatte ich die Stärke, auf andere sicherer zuzugehen. Das ließ dann zwar nach 3 Tagen wieder nach, aber ich denke, mit fortschreitender Therapie kann man dieses „konservieren“.

Ich halte auch aus eigener Erfahrung gar nichts vom Rumdoktorn an Symptomen, sei es mit Medikamenten oder z.B. mit verhaltenstherapeutischen Übungen. Sie bekämpfen allenfalls Symptome, die Ursache bleibt weiterhin verschüttet und tritt irgendwann, wenn man mal keine Medikamente mehr nimmt, umso heftiger zutage.

Für alles gibt es eine Ursache; jeder menschlichen Reaktion, jeder Reaktion des Körpers, der Psyche auf etwas, geht eine Ursache voraus. An DIE muss man ran. Oft muss man da mit einer Psychoanalyse tief graben - das aber lohnt sich sehr!

Seit fast zwei Jahren gehe ich in Therapie. Trotzdem komme ich
nicht von der Stelle.

Viel zu lange gewartet! Das ist dann definitiv die falsche Therapie und/oder der falsche Therapeut!
Ich warte maximal ein halbes Jahr in einer Therapie, wenn sich dann nicht wenigstens IRGENDWAS bewegt, gehe ich zu einem anderen Therapeuten. Ich habe 4 ausprobieren müssen, bis ich meinen jetzigen gefunden habe, wo der Draht absolut passt, wo seine Herangehensweise absolut sich mit meinen Vorstellungen vom Fortkommen deckt. Das ist immens wichtig. Man darf sich nicht blind auf einen Therapeuten verlassen, so nach dem Motto, der wirds schon richten - 6 Monate, denke ich, sind adäquat, herauszufinden, ob man mit dem Therapeuten kann oder nicht, ob aber auch ER mit einem kann, sprich, einem ein bisserl wenigstens wieder „auf den Weg“ helfen kann. Vieles braucht Zeit, lange Zeit oft, aber wenn man selbst das Gefühl hat, zu stagnieren, dann sollte man über einen Wechsel nachdenken.

Wenn ich unter Menschen gehe, habe ich
den Eindruck, mir fehlt die „Ausstrahlung“, um auf Menschen zu
wirken und werde nicht wahrgenommen, bin mangels Übung von
Smalltalk-Situationen überfordert, mit einer Frau zu flirten,
dazu fehlt mir überhaupt jedes Selbstvertrauen, fühle mich
nicht akzeptiert, bloß geduldet, bin aufgrund vieler
entsprechender Erfahrungen mehr oder weniger soziophobisch.

Geht mir 1:1 genauso - nur eben mit Männern. Als Frau hab ich es da doppelt schwer. Du kannst an den Symptomen nicht rumdoktorn … das alles, was du da beschreibst, hat eine Ursache. Du kennst offenbar deinen eigenen Selbstwert nicht, kannst ihn nicht leben. Frag dich warum, erarbeite das mit dem Therapeuten. Oft liegt die Ursache in extrem strenger oder in liebloser Erziehung in der Kindheit z.B. Das aufzuarbeiten, ist Aufgabe der Therapie, wenn sie Sinn machen soll.
Zäume das Pferd nicht von hinten auf, du MUSST an die Ursachen ran. Alle „Nebensächlichkeiten“ wie Kontaktaufnahme, neue Liebe, Beziehung KANN sich NUR ergeben, gesund ergeben, wenn der Ursache Herr geworden ist.

Überlege doch mal: wenn man so viele Sorgen mit sich selbst hat, wie will man da einer Partnerschaft gewachsen sein? Eine Partnerschaft darf nie Therapiefeld sein. Und welche Frau mag einen Mann, der ihr nicht eine starke Schulter bieten kann? Ich weiß, ich hab leicht reden, ich hab selbst die gleichen Problem wie du, aber ich als Frau stelle eben auch fest: Männer nehmen alle Beine in die Hand, wenn sie nur annähernd von meinen Probleme Wind bekommen - kann ich übrigens verstehen: jeder möchte ja einen starken Partner und sich nicht noch mehr Probleme aufhalsen.

Wenn du in einer Therapie dein Selbstwertgefühl aufbauen kannst, an dir arbeiten kannst, deine Probleme aufarbeiten kannst, wird sich der Rest mit der Kontaktaufnahme usw. automatisch ergeben.

Ein Tip in Sachen Kontakte wäre: such dir z.B. über den Sozialpsychiatrischen Dienst in deiner Stand (Telefonbuch!) Leute. Dort sind Gleichgesinnte, die alle ihr Päckchen zu tragen haben, mehr und weniger. Dort macht man gemeinsame Unternehmungen z.B. oder nur im Zweiter-Trupp. Der Vorteil an solchen Bekanntschaften dort ist, dass der andere tausendfach mehr Verständnis für einen hat, als ein, ich sage mal, „Normalo“, das hab ich erfahren müssen.

Antidepressivum = stimmungshebend und ev. antriebssteigernd.
Davon erwartete ich mir mehr Ausstrahlung nach außen und mehr
Handlungsfähigkeit, in der Folge auch wieder
Erfolgserlebnisse, dadurch wieder mehr Selbstvertrauen.

Das ist die falsche Reihenfolge! Selbstvertrauen, das echt und beständig ist, kommt aus einem selbst und ist nicht Produkt von Leistung, Lob o.ä. von außen, es kommt von INNEN! Nur dann ist es echt und trägt einen auch durch Krisen.
DAS wiederum zu erlernen, ist Sache des Therapeuten (wie gesagt: notfalls wechseln). Aber wie du das oben beschreibst, zäumst du das Pferd von hinten auf, das kann nicht halten und nicht gut gehen.
ERST kommst DU, arbeite Probleme aus der Kindheit auf, die womöglich URSACHE für dein geringes Selbstwertgefühl sind (Elternrolle?), DANN ergibt sich AUTOMATISCH mit der Zeit eine veränderte Ausstrahlung und daraufhin neue Kontakte. DAS ist die richtige Reihenfolge. Erzwinge nicht verbesserte Auswirkungen, Symptome, sondern geh dem Übel an die Wurzel.

er mir zu laufen und schwimmen (ich laufe auch wieder, mit
etwas Überwindung). Der Therapeut sagte ähnliches

Das höre ich auch immer wieder. Aber ich hab keine Kraft für jedwede körperliche Betätigung. Aber in der Tat, in jeder psychosomatischen Klinik ist Sport ganz oben auf dem Plan - leider :frowning:((
Beim Sport schüttet der Körper Glückshormone aus, Adrenalin, das Stresshormon, baut sich ab - alles ein Gegensteuern für Depressionen jeder Art.
Aber ich weiß, wie schwer es ist, sich aufzuraffen - ich habe es bisher nicht geschafft. Momentan ist es für mich ein Kraftakt, aufzustehen und mir ein Glas Wasser zu holen, so blöd es klingt.

mir auch, daß Erlebnisse längerfristig vielleicht doch auch
auf die mit der Stimmung zusammenhängenden Transmittersysteme
im Gehirn rückwirken.

Alles schon richtig. Aber man kann das alles so schön mit Medikamenten kaschieren, dass es einem vorübergehend VERMEINTLICH besser geht.
Aber hast du eigentlich gewusst, dass unser Unterbewusstsein einen größeren Teil unserer Psyche einnimmt als unser Bewusstsein?
Weißt du, was das bedeutet?
Die Psyche vergisst nichts!
Und wenn du nicht an die Ursachen jedweder seelischen Störung gehst, sondern sie nur schön zudeckst und ruhigstellst mit Medikamenten, dann rächt sich das über kurz oder lang in weitaus schlimmerer Version! Ich kann dich aus eigener Erfahrung nur davor warnen.

Medikamente mögen in schlimmen, z.B. suizidgefährdeten Fällen ihre Berechtigung haben, aber sie führen meiner Ansicht nach und aus meiner Erfahrung NICHT zu einem ERFOLG.

Natürlich möchte ich mir eventuelle Nebenwirkungen nicht
antun, wenn es nichts bringt.

Naja, wie schon geschrieben: man hat doch weiß Gott genug psychische Störungen und Hindernisse, sich dann noch mit körperlichen Nebenwirkungen rumzuschlagen, finde ich schlicht eine Zumutung. Ich hab es nicht weitergemacht und vertraue voll auf meinen Therapeuten UND, was mir sehr wichtig ist, auf WISSEN.

Wie heißt es so schön trivial: Wissen ist Macht.
Auch Macht über die eigene Psyche, die eigene Angst, die eigenen Zwänge. Was ich WEISS, macht mir keine ANGST mehr. Je nach Symptom gibt ja Literatur en masse. Ein guter Tip sind Bücher von Dr. Rolf Merkle oder z.B. bei mir mit einer Borderline-Störung das Buch „Ich hasse dich, verlass mich nicht“.

Auf diese ganzen Medikamente hab ich eine Grundnebenwirkung und das war eine extreme körperliche Schwäche, wie wenn ich 10 Wochen Grippe gehabt hätte. Angeblich sollte sich das nach 2 Wochen geben. Es hat sich nach einem Jahr nicht gegeben.
Jetzt bin ich aber schon depressiv, was einen auch körperlich erschöpft, und dann das noch schön „fördern“ in Form von Nebenwirkungen in Form einer unglaublichen Schwäche, ständig butterweichen Knien? Nein danke.

Ich habe übrigens für dich wie für alle mit Depressions- und Angstproblemen einen Gold werten Tip: http://www.angst-und-panik.de

Das ist ein Forum erster Sahne. Hier ist alles zu gestreut und allgemein, gut für Kurzauskünfte.
Wenn du aber fundiertere Meinungen haben möchtest, auch Hilfe im Ernstfall oder wenn es dir mal richtig schlecht geht, dann geh unter http://www.angst-und-panik.de. Dort schreiben auch Psychologen mit, und viele, viele Betroffene.

Sie haben mir aus mancher Angst herausgeholfen und mir wertvolle Tips, auch zur Medikation (gibt dafür dort eine spezielle Rubrik!).

Hoffe, dir ein wenig weitergeholfen zu haben.

Alexandra

Moin Idomeneo :smile:

eine Expertin bin ich nun nicht grade, aber vielleicht eine „Mitkranke“. Ich kenne einige Deiner Kummeraspekte aus eigener Anschauung, vor allem auch finanzielle Durstrecke (aus der Ich-AG-Perspektive) und die darauffolgenden Existenzängste. Ich habe auch generell wenig Selbstvertrauen und neige zur Traurigkeit. Du bist seit zwei Jahren in einer Therapie und beschreibst hier erst einmal eine allgemeine Schüchternheit, beschreibst Dich als „mehr oder weniger soziophobisch“. Dir ist doch aber sicherlich klar, dass „soziophobisch“ eher als Krankheit einzustufen ist, wohingegen Flirtunfähigkeit, mangelndes Selbstvertrauen etc. wirklich eher in die Kategorie Schüchternheit fällt.

Ich möchte Dir jetzt nichts bagatellisieren. So wie ich es verstanden habe, gibt es nun aber einmal die normale „typbedingte“ Traurigkeit oder Schüchternheit. Dagegen helfen Antidepressiva nix. Dann bist Du nun einmal schüchtern oder es ist eine Situation eingetreten, die Dich traurig macht. Eine Depression, sei es endogen, reaktiv oder manisch, ist eine Stoffwechselerkrankung. Ich kann es für mich so unterscheiden: Wenn ich einfach nur traurig bin, dann kann ich (wenn keine Depressionen da sind) irgendwie einen Weg aus der Traurigkeit finden, weil ich noch funktioniere. Wenn ich aber depressiv bin, dann führen mich negative Gedankengänge ganz leicht und binnen Minuten in eine sehr schreckliche, sehr dunkle Situation, gegen die ich nicht ankann. Du musst also wirklich diese Situationen unterscheiden. Ein Antidepressivum kann und soll Dir nur aus Depressionen heraushelfen. Den Weg aus der Traurigkeit und der Schüchternheit musst du selber schaffen vielleicht auch mit Hilfe der Therapie (und auch Bewegung, hilft sogar gegen Depressionen!). Bitte verwechsle nicht reaktive Depression mit Traurigkeit wegen irgendwelcher Geschehnisse.

Ich glaube, es wäre sehr schlimm, wenn es gegen so etwas Tabletten gäbe.

Ich hoffe, dass ich Deine Anfrage nicht ganz in den falschen Hals bekommen hab.

Gruß

Salat

Hallo Salat,

nein, krank fühle ich mich nicht. Aber Schüchternheit sollte man irgendwie überwinden können und dann trotzdem ein gewisses Maß an Lebensqualität finden, Glück in einer Partnerschaft usw.
Ich kann es aber anscheinend nicht überwinden (obwohl ich „funktioniere“) und ernte mitunter mißbilligendes Erstaunen darüber, daß ich, in mittlerem Alter, immer noch mit Problemen zu tun habe, die sonst - einem Klischee entsprechend - nur Jugendlichen zugestanden werden. Ich verzweifle daran. Insofern vielleicht doch krank, weil ich so keinen Weg heraus finde. Deshalb ist es für mich auch ok., Tabletten zu verwenden, wenn sie eine (zusätzliche) Hilfe sein können. Als Allheilmittel sehe ich sie nicht.

Liebe Grüße,

I.

Hallo Alexandra,

danke für Deine ausführliche Antwort.
Doch, ich weiß, Medikamente lösen keine Probleme, aber vielleicht machen sie es ein wenig leichter. Als Zusatz, nicht mehr.

Mit Deinen Aussagen über die Kindheit liegst Du richtig, ich kann mir meine Probleme ziemlich zwanglos aus meiner Kindheit (streng und teilweise lieblos) erklären. Trotzdem denke ich, das Leben findet jetzt statt und ich muß daher auch an der Gegenwart ansetzen.

Öfters schon habe ich erlebt, daß ich in irgendeinem ganz anderen Bereich mir Fähigkeiten angeeignet hatte und dadurch dort Selbstvertrauen erwarb, daß ich vorher nicht hatte; mitunter bin ich mir sogar dort vorher besonders blöd vorgekommen.

Deshalb glaube ich, es müßte mit sozialen Kontakten und im Beziehungsbereich auch so gehen. Im Prinzip. Denn irgendwie kommt mir soziale Kompetenz viel schwieriger zu üben vor als alles andere. Mißerfolge tun so weh, im Gegensatz zu Fehlern anderswo. Sodaß ich dort immer mutloser geworden bin. Deshalb erhoffe ich mir von einem Medikament eine gewisse Hilfe, nicht mehr. Gelegentlich erlebe ich es, daß ich anscheinend mehr „Ausstrahlung“ habe, und andere Menschen mir auf ganz andere Weise begegnen als ich es sonst gewohnt bin, viel freundlicher und offener. Aber das ist nicht stabil, nur einige Stunden, dann ist es wieder weg. Zuletzt war das vor etwa fünf Monaten.

Deshalb finde ich das sehr interessant, was Du schreibst:

Wohl aber gegen meinen damaligen Liebeskummer und meine
Soziophobie.
Merkwürdig daran ist allerdings, dass ich diese Wirkung nur
indirekt durch das Feedback anderer merkte, nicht direkt
selbst. Ich MEINTE, keine andere Wirkung in
zwischenmenschlichen Kontakten zu haben,aber die ANDEREN haben
mich angesprochen, ich hätte eine Ausstrahlung wie wenn ich
frisch verliebt wäre, und was denn mit mir bloß los sei, weil
ich so strahle … dass war mir selbst nicht so bewusst - muss
aber wohl so gewesen sein, sonst hätten andere, auch Fremde,
das nicht so wahrgenommen.

Da würde ich auch die eine oder andere Nebenwirkung in Kauf nehmen.

Für alles gibt es eine Ursache; jeder menschlichen Reaktion,
jeder Reaktion des Körpers, der Psyche auf etwas, geht eine
Ursache voraus. An DIE muss man ran. Oft muss man da mit einer
Psychoanalyse tief graben - das aber lohnt sich sehr!

Oh je, das ist teuer! Mache statt dessen u. a. katathymes Bilderleben, glaube es ist gut.

Aber hast du eigentlich gewusst, dass unser Unterbewusstsein
einen größeren Teil unserer Psyche einnimmt als unser
Bewusstsein?
Weißt du, was das bedeutet?
Die Psyche vergisst nichts!

Das weiß ich.

Und wenn du nicht an die Ursachen jedweder seelischen Störung
gehst, sondern sie nur schön zudeckst und ruhigstellst mit
Medikamenten, dann rächt sich das über kurz oder lang in
weitaus schlimmerer Version! Ich kann dich aus eigener
Erfahrung nur davor warnen.

Ist mir nicht ganz klar.

Wie heißt es so schön trivial: Wissen ist Macht.
Auch Macht über die eigene Psyche, die eigene Angst, die
eigenen Zwänge. Was ich WEISS, macht mir keine ANGST mehr.

Da hast Du sicher recht.

Hoffe, dir ein wenig weitergeholfen zu haben.

Doch, Du hast mir geholfen.

I.

Hallo Oliver,

Wenn Du immer schon Schwierigkeiten hattest, Beziehungen zu
finden und Kontakte aufzubauen und deswegen wenig
Selbstvertrauen hast, werden diese Probleme wohl eher nicht
auf Deine momentane Situation zurückzuführen sein.

Das ist mir klar.

Allerdings könnte die Medikation es Dir erleichtern, die
Hauptbedingungen Deiner Schwierigkeiten anzugehen, d.h. daß
sie Dich in eine bessere Verfassung bringt, damit Du Dir die
Übung verschaffst und Dir das Selbstvertrauen aufbaust. So
könnte die Medikation indirekt vielleicht helfen.

Genau so stelle ich mir das vor.

Zudem können für
depressive Stimmungen nicht nur Depressionen, sondern auch
andere Störungen verantwortlich sein, wie z.B. eine Soziale
Phobie oder eine Anpassungsstörung (-> z.B. aufgrund einer
Lebenskrise).

Das weiß ich und ich sehe das auch bei mir so.

Eine Frage an Dich: Du sprachst von einer 2jährigen Therapie.
Was ist das für eine Art von Therapie?

Auf Verhaltenstherapie basierend. Aufgrund eines tragischen Ereignisses (Suizid) brauchte ich akut Hilfe und fand in einem Beratungszentrum eine Möglichkeit, Therapie rein gegen Überweisung
zu bekommen, so daß es mich nichts kostet. Aufgrund dessen und da ich zum Therapeuten einen recht guten Draht habe, bin ich jetzt noch dort. Zusätzlich fahre ich seit ungefähr 9 Monaten ca. alle vier Wochen zu einer Therapeutin (katathymes Bilderleben) für jeweils zwei Stunden. Ich sehe es vorerst als einen gewissen Erfolg der Therapie, daß ich einigermaßen stabil und nicht (mehr) suizidal bin.

Grüße,

I.

Hi

angenomen du würdest über Kopfschmerzen klagen und man rät dir Kopfschmerztabletten zu nehmen, fragtest du dann acuh ob es sinnvoll wäre, oder ob du dir nicht die Nebenwirkungen ersparen solltest?

angenommen du würdest über Herzstörungen klagen. würdest du auch fragen, ob es sinnvoll wäre, die Medikamente zu nehmen?

wichtig ist: empfindest du deine situation als „krank“?
Leidest du unter deiner situation? Behindert dich deine situation dein Leben „normal“ zu leben?

Bei einmal Ja wäre eine medikamentöse Unterstützung angezeigt.

gruss

Hallo Idomeneo,

Eine Frage an Dich: Du sprachst von einer 2jährigen Therapie.
Was ist das für eine Art von Therapie?

Auf Verhaltenstherapie basierend.

bist Du jetzt in der Nachsorgephase? Wie viele Sitzungen habt ihr pro Woche oder Monat? Gab es zwischendurch Unterbrechungen?

Ich frage deshalb, weil mir zwei Jahre kontinuierliche VT zu lang erscheinen (exklusive Nachsorgephase). Außerdem: Wenn Du in der Zeit noch keine Gelegenheit gefunden haben solltest, bei Deiner Problematik Übungen in sozialen Fertigkeiten durchzuführen, empfinde ich das als Defizit. Ich kenne Fälle, in denen es um Depression ging, und ich hatte starke Zweifel, daß es sich wirklich um VT handelte. Die Therapeuten haben ihren Patientinnen zwar gesagt, daß sie eine VT machen, aber anscheinend haben sie irgend etwas mit ihnen gemacht. Natürlich muß es bei Dir nicht so sein, aber merkwürdig kommt mir das schon vor.

Ich sehe es vorerst als
einen gewissen Erfolg der Therapie, daß ich einigermaßen
stabil und nicht (mehr) suizidal bin.

Das ist in der Tat ein guter Erfolg. :smile:

Grüße,

Oliver

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Hallo Oliver,

bist Du jetzt in der Nachsorgephase? Wie viele Sitzungen habt
ihr pro Woche oder Monat? Gab es zwischendurch
Unterbrechungen?

Einmal pro Woche, ca. 20 Prozent fallen aus durch Urlaub des Therapeuten oder wenn ich gerade verreist bin.

Ich frage deshalb, weil mir zwei Jahre kontinuierliche VT zu
lang erscheinen (exklusive Nachsorgephase). Außerdem: Wenn Du
in der Zeit noch keine Gelegenheit gefunden haben solltest,
bei Deiner Problematik Übungen in sozialen Fertigkeiten
durchzuführen, empfinde ich das als Defizit. Ich kenne Fälle,
in denen es um Depression ging, und ich hatte starke Zweifel,
daß es sich wirklich um VT handelte. Die Therapeuten haben
ihren Patientinnen zwar gesagt, daß sie eine VT machen, aber
anscheinend haben sie irgend etwas mit ihnen gemacht.

Ja, so kommt es mir auch vor. Einleitende Frage „Wie geht es Ihnen“, darauf erzähle ich die Erlebnisse der letzten Woche, auch was mir an neuen Ideen kommt, auch die Verzweiflungen. Bei gegebenem Anlaß erzähle ich von auftretenden Schwierigkeiten in sozialen Situationen, wir analysieren das dann, mitunter kommen Vorschläge, auch auf Fragen, die ich ihm dazu stelle. Er sagte mir zu Beginn, daß er in VT ausgebildet sei. Ich halte ihn jedenfalls für kompetent. Besonders zielgerichtet ist es allerdings nicht, was wir da machen. Ich bin aber nicht unzufrieden und gehe meistens gerne hin. Übungen sind als Möglichkeit im Raum gestanden, wir haben das aber bisher nicht gemacht. Ich kann mir allerdings auch etwas schwer vorstellen, in der Sitzung mit einem männlichen Therapeuten z. B. Übungen zum Thema „mit Frauen flirten“ durchzuführten, allenfalls zu besprechen.

Grüße,

I.

Hallo Idomeneo,

danke für die Antwort. Ich kann natürlich nicht allzu viel zu dem sagen, was Du beschreibst, weil ich es sehen müßte, um mir ein Urteil erlauben zu können. Nur so viel: Im Rahmen einer VT können Gespräche durchaus den Hauptbestandteil einnehmen. Die Art, wie diese Gespräche stattfinden, sollte aber nicht planlos sein, sondern eine gewisse Logik und Zielgerichtetheit beinhalten. Daneben können und sollten auch Übungen und „Hausaufgaben“ eingesetzt werden, die von Sitzung zu Sitzung vereinbart und gemeinsam besprochen werden. Daß es in einer Einzeltherapie schwierig ist, Übungen im zwischenmenschlichen Bereich während der Sitzung durchzuführen, ist klar, aber im eingeschränkten Maß möglich. Ich stimme Dir zu, was Dein bestimmtes Ziel (Flirten) und die praktischen Schwierigkeiten bei einem männlichen Therapeuten angeht. Man könnte aber durchaus Teil-Verhaltensweisen üben, die beim Flirten nützlich sind.

Gruß,

Oliver Walter

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