'Antideutschismus'

Moin Iris,

Was auch eine Rolle spielt ist Alltagserfahrung.

Solche Erfahrungen sind natürlich nicht schön. Für mich sind Leute, die ähnliche Sprüche ablassen erstmal in erster Linie Idioten. Ich denke auch, dass dies kein speziell jüdisches Problem ist. Menschen anderer Hautfarbe, Moslems, Homosexuelle etc. düften unter diesen Typen gleichermaßen zu leiden haben.

Diese Leute entwickeln eine Art hoch-
(oder über-)sensibilisiertes Frühwarnsystem in der Hoffnung,
dieses könne sie vor erneutem Schaden bewahren, grad so, als
wäre eine Ermangelung an diesem Frühwarnsystem mit ein Grund
für den vorherigen Schaden gewesen.

Hier stellt sich auch die Frage: Hätte man den Massenmord der
Nazis verhindern können, wenn man es gewusst hätte, Anzeichen
richtig zu deuten ? Hätte sich manch ein Opfer noch
rechtzeitig in Sicherheit bringen können ?

sehr schwierige Frage - es war eben unvorstellbar

schon, aber eigentlich die wichtigste Frage überhaupt, wenn man dererlei in Zukunft verhindern will. Nur wenn man begreift, wie es damals dazu kommen konnte, kann man die Gefahr einer Wiederholung verringern und ist auch erst in der Lage zu begreifen, ob eine Gefahr derzeit besteht und wie hoch sie anzusiedeln ist. Da kann nur die Vernunft helfen, die Angst ist da ein schlechter Ratgeber.

Ich weiss es nicht. Aber ich kennen den Spruch „Wehret den
Anfängen“. Nur…sind hier schon Anfänge erkennbar ? Ist es
tatsächlich so, wie peet sagte, dass mit den Aussagen
Möllemanns der Antisemitismus in D Einzug in die „hohe
Politik“ gehalten hat ?

Das werden wir vermutlich erst im Nachhinein schlüssig sagen
können. Es bleibt abzuwarten, was jetzt weiterhin passiert
oder auch nicht passiert.

Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Hier wird ein Politiker und seine Partei u.U. grundlos „fertiggemacht“. Solche Fragen muss man klären, bevor man zum Angriff auf einen Politiker und seine Partei bläst. Man kann nicht auf jeden einschlagen, der irgendwie verdänchtig riecht, in der Hoffnung, auch mal einen „echten“ Antisemiten dabei zu erwischen. Das kommt nicht gut an, schonmal gar nicht, wenn es um einen recht bekannten Politiker geht.

Oder werden diese Aussagen aufgrund
von Traumatisierungserfahrungen von einigen Leuten völlig
überbewertet ?

Die Zuschreibung, die Angehörige von Minderheiten gelegentlich
erfahren, sie seien „übersensibel“ finde ich schwierig, weil
damit das Definitionsmonopol, was ist „richtige“ Sensibilität
und was ist zu viel oder zu wenig davon bei denen liegt, die
solchen Erfahrungen nicht ausgesetzt sind.
Man könnte ja auch anders herum fragen, ob diejenigen, die von
„Übersensibilität“ sprechen nicht einen Mangel an Wahrnehmung
in diesem Bereich haben, einfach aus diesem Grund, weil sie
nicht auf diese Wahrnehmungsqualitäten angewiesen sind.

Ich habe nicht davon geredet, irgenwer sei „übersensibel“. Weiter oben schrieb ich, dass traumatisierte Menschen u.U. ein hoch-(bzw. über-)sensibles Frühwarnsystem entwickeln, hier unten schrieb ich, dass Aussagen überwertet werden können. Nirgends schrieb ich, dass irgendeine Minderheit übersensibel wäre.

DAs ist genau der Eiertanz, den ich so hasse und warum ich solche Diskussionen eigentlich am liebsten gar nicht führen will.
Der nächste behauptet dann, ich hätte Juden als übersensibel bezeichen und schwupp knallt die Antisemiten-Schublade zu.

Anstatt sich jetzt mal hinzusetzen und nüchtern und gemeinsam zu betrachten, was Möllemann denn eigentlich genau gesagt hat und wie es zu werten sei, gehst du gleich in eine Verteidigungshaltung und wehrst dich gegen Inhalte, die kein Mensch vertreten hat. Das eigentliche Thema, nämlich die Aussagen Möllemanns, werden gar nicht mehr erwähnt. Wie soll denn so ein Dialog zustande kommen ???

Oder sind sie gar ein Zeichnen von endlich
einsetzender Normalität, weil man über das, was laut
ausgesprochen wird (und werden darf) reden kann, und über das
was nicht ausgesprochen wird, viel besorgter sein muss ?

Ich finde es immer besser, wenn die Dinge direkt benannt
werden können. Nur: Wer redet hier mit wem.
Möllemann hat sich doch als Tabubrecher inszeniert und meint,
wenn er nur oft genug wiederholt, daß er ein Tabu bricht, dann
wird es mit der Zeit auch geglaubt.

Was glaubst du denn, was er mit Tabu gemeint hat ?
Siehst du irgend einen führenden Politiker, irgend eine etablierte Partei in D in den letzten sagen wir mal 20 Jahren, der/die offen und mit deutlichen Worten die Politik Israels kritisiert hat ? Die ersten zögerlichen Schritte in die Richtung werden doch erst seit kurzem unternommen. Bislang herrschte diesbezüglich doch das Schweigen im Walde in der „hohen“ deutschen Politik.

Solche Formen der Solidarität gibt es sehr wenig.
Als in der Schweiz vor 2 Jahren ein orthodoxer Jude
schwerverletzt wurde, bekam er tausende von Postkarten auf
denen Schweizer ihre Anteilnahme ausdrückten und zugleich, daß
sie sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung wehren.

In Deutschland habe ich von vergleichbaren Reaktionen noch
nicht gehört.

Hätte nicht jedes Opfer von Gewalttaten solche Postkarten verdient ? Aber nur mal so interessehalber, wann ist denn das letzte Mal ein Jude in Deutschland aufgrund antisemitischer Umtriebe körperlich zu schaden gekommen ? Wie häufig kommt sowas vor ?

So wie es jahrelang die Autofahrer-Ratgeberserie „der siebte
Sinn“ gab, im gleichen Stil könnte man auch zeigen, welche
Verhaltensweisen hilfreich sind bei Übergriffen. Manche Leute
würden eingreifen, wenn sie wüßten wie

Ja, da hast du sicher recht. Nur, wie gesagt, das scheint mir ein allgemeines Problem von Intoleranz und Aggressivität auf der einen Seite und mangelnder Zivilcourage oder Unsicherheit auf der anderen Seite zu sein. Unser Thema lautete allerdings Antisemitismus.

Gruss
M.

hallo,

schon, aber eigentlich die wichtigste Frage überhaupt, wenn
man dererlei in Zukunft verhindern will.

wie ist dann die antwort?

Nur wenn man
begreift, wie es damals dazu kommen konnte, kann man die
Gefahr einer Wiederholung verringern und ist auch erst in der
Lage zu begreifen, ob eine Gefahr derzeit besteht und wie hoch
sie anzusiedeln ist. Da kann nur die Vernunft helfen, die
Angst ist da ein schlechter Ratgeber.

eben, man muss wissen, was man sagt und wie man was verwendet.
vernunft abzuschalten hilft nicht. angst ist ein schlechter ratgeber. und zuletzt kann man dann weiter auf angst auch ruecksicht nehmen.

Das werden wir vermutlich erst im Nachhinein schlüssig sagen
können. Es bleibt abzuwarten, was jetzt weiterhin passiert
oder auch nicht passiert.

Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Hier wird ein
Politiker und seine Partei u.U. grundlos „fertiggemacht“.

grundlos ist das ihmo nicht, wie hilfreich und sinnig beider seiten hier sind, schrieb ich unzaehlig.

Solche Fragen muss man klären, bevor man zum Angriff
auf einen Politiker und seine Partei bläst. Man kann nicht auf

die frage der wortwahl hat zuerst moellemann nicht geklaert. von karsli rede ich erst gar nicht mehr.

DAs ist genau der Eiertanz, den ich so hasse und warum ich
solche Diskussionen eigentlich am liebsten gar nicht führen
will.

ja wie denn nun? am liebsten gar nicht fuehren oder mit vernunft und wissen/beschaeftigung an die sache gehen?

Mensch vertreten hat. Das eigentliche Thema, nämlich die
Aussagen Möllemanns, werden gar nicht mehr erwähnt. Wie soll
denn so ein Dialog zustande kommen ???

haette moellemann seine kritik an IL anders und wohl bedacht, aber eben auch hart formuliert, wuerden die worte von moellemann kontrovers sachlich und hilfreich diskutiert. wuerde jemand dann moellemann „keulen“ um die ohren hauen, taete derjenige sich dann disqualifizieren.

Richtung werden doch erst seit kurzem unternommen. Bislang
herrschte diesbezüglich doch das Schweigen im Walde in der
„hohen“ deutschen Politik.

das ist auch richtig.

Solche Formen der Solidarität gibt es sehr wenig.
Als in der Schweiz vor 2 Jahren ein orthodoxer Jude
schwerverletzt wurde, bekam er tausende von Postkarten auf
denen Schweizer ihre Anteilnahme ausdrückten und zugleich, daß
sie sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung wehren.

In Deutschland habe ich von vergleichbaren Reaktionen noch
nicht gehört.

Hätte nicht jedes Opfer von Gewalttaten solche Postkarten
verdient ? Aber nur mal so interessehalber, wann ist denn das
letzte Mal ein Jude in Deutschland aufgrund antisemitischer
Umtriebe körperlich zu schaden gekommen ? Wie häufig kommt
sowas vor ?

in berlin kamen koerperlich versehrende uebergriffe in letzten monaten, wenn ich jetzt richtig zaehle, 3 mal vor. dabei sind die wenigsten juden als juedisch zu erkennen.

beste gruesse, lego