Antipathie gegenüber Todgeweihten

Hallo Fachleute,

Seit vielen Jahren habe ich in mir gefühlsmässig ein Verlangen mich von Todgeweihten jeweils zu trennen.
Ein beschämendes Gefühl,…besonders wenn der Betroffene ahnungslos ist.

Ist das naturbedingt ?

Wie soll man sich verhalten ? unpersönlich etwa wie eine Krankenschwester ?

Einem kranken Menschen kann man zureden und Ratschläge geben,…wenn aber nur noch ein Würgen im Hals zu spüren ist …

Vielen Dank für hilfreiche Antworten.

Gruss

Fritz
a.d.Uw.

Hallo Fritz !

Das Erste, was mir dazu einfiel in Kombination mit deiner ViKa, es erinnert Dich an deine eigene, hoffentlich noch nicht so bald bevorstehenden Sterblichkeit. Wahrscheinlich musst Du Dich seit ein paar Jahren häufiger damit auseinander setzen, daß Freunde und Bekannnte „gehen“, man selber aber noch gerne ein Weilchen hier bleiben möchte. Und mir selber wird bei den Gedanken an den eigenen Tod irgendwie auch ganz schwummerig. Irgendwie mag ich es doch, dieses Leben. Entschuldige meine Feld-Wald-und Wiesenpsycholgie, ich wollte Dir nur mein ersten Eindruck schildern. Aber wir haben ja genug kluge Menschen hier, die Dir bessere Tips für den Umgang damit geben können.

Das Leben ist zu kurz, um einen schlechten Rotwein zu trinken
Mit dieser Devise
Servus
Sabine

Lieber Fritz,
dann wärst Du berufsmässig in der STERBEHILFE falsch. Aber wie ich aus Deiner Visitenkarte ersehen zu können glaubte, bist Du weder in der Notfallmedizin noch in der Psychotherapie, Abteilung Sterbehilfe, tätig. Grundsätzlich verstehe ich Dein Problem, auch emotional, im Ansatz kommt es mir sogar bekannt vor. Nun, wenn man etwas über sich weiß, kann man oft besser damit umgehen. Wichtig ist: Du brauchst und sollst Dir deshalb keine Vorwürfe machen, denn es ist ja nichts Unmoralisches dabei, Dir wird halt übel bzw. Sterbende sind „nicht Deine Sache“. Ansonsten teile ich die Ansicht meiner Vor-Rednerin: Die erinnern uns (zu) sehr an unsere eigene Sterblichkeit.
Es grüßt Dich Branden, der viel und gern in Deinem schönen Lande weilt.

Hallo,
in gewisser Weise kann ich das nachvollziehen. Eine Beziehung zu einer Person, die in einer ernsthaften Misere steckt ist hochgradig einseitig man gibt, sie nimmt. Irgendwann schlägt die anfängliche Sympathie und Mitleid um und dann in Abneigung - die Person wird nur noch als lästig empfunden. Ich habe dies im Bekanntenkreis in Form von Drogenabhängigkeit und damit einhergehenden Stimmungstiefs erlebt und halte diese Reaktion einfach für eine Form des Selbstschutzes.

Gruss
Enno

Angst+Abwehr gegenüber Todgeweihten
Lieber Fritz,
ich musste und durfte das Sterben von Eltern und Freunden leider schon zu oft begleiten.
Ich musste will sagen: weil sie alle eigentlich viel zu früh gehen mussten. Weil die Ohnmacht, einem Menschen, den man liebt oder dem man zumindest sehr nahe ist, nicht helfen zu können, oft Wut in mir auslösten. Und im Erschrecken über das Gefühl auch noch Schuldgefühle entwickelt. Ein ambivalenter Zustand: lieben und wüten, halten- und manchmal lossein-wollen.
Ich durfte will sagen: Nie war ich den Menschen näher als in dieser Zeit, nie war ich so dicht am Leben wie angesichts des Todes. Mein Vater z.B. war ein gefühlsmäßig eher unzugänglicher Mensch. Die Nähe zu ihm, die ich seiner letzten Nacht erlebte, als ich ihm die Hand halten konnte und alles gesagt schien, war ein Moment, der mich auch im Erinnern noch immer sehr stark berührt. Ein Moment des Verzeihens, der Versöhnung.
Zum Tode meiner habe ich mal einen kleinen Text geschrieben (kann sein, dass ich ihn in diesem Brett schon mal geschrieben habe, man möge mir vergeben):
„Irgend jemand, wer immer es auch ist, ob er nun Gott heißt oder ein im Stillen wirkender Namenloser, irgend jemand hat es wohl eingerichtet, daß, wenn die Krankheit den Körper vollends sich zu Eigen gemacht hat, die Welt um den Kranken (oder genauer: in dem Kranken) immer kleiner, immer enger wird, so dass immer weniger Platz ist für das, was man sonst Zukunft nennt; für die Gedanken daran, die Pläne, Visionen, dass nur noch gedämmert wird im immer schwächer werdenden Kontrast von Hell und Dunkel, Tag und Nacht, die Wahrnehmung erst verwirrt und dann nach und nach schwindet. Und wenn es dann so weit ist, verstummen auch die Geräusche, die eben noch beunruhigten Hände lösen sich von dem Halten-wollen, legen sich ergeben auf die Decke und nur noch ein paar Male geht der Atem, zögerlich erst und dann nicht mehr und dann doch noch einmal und dann gar nicht mehr.“

Für mich hat das Sterben seither seinen Schrecken verloren.

Ich würde mich freuen, wenn ich Dir mit meiner ganz persönlichen Ansicht helfen konnte.
LG,
Anja

Wenn die aufgeben und sich in den Tod fallen lassen kann ich es verstehen. Sonst würde ich mir mal überlegen ob ich da nicht etwas wegdrücke was unweigerlich auch auf mich zukommen wird. Man kann den Tod auch nichtfatalistisch entgegen sehen, ihn einfach akzeptieren ohne aufzugeben, klingt vielleicht wiedersprüchlich, aber das Leben sollte wirklioch bis zum letzten Atemzug ausgekostet und der Tod nicht als Leid stilisiert werden, dies geht auch ohne Himmelsverheißung…
T.

Hallo Fritz,
hier unten einen link zu einer, wie ich finde, erstens sehr interessanten und zweitens auch wunderschönen, einfühlsamen Arbeit.
Mir hat der Text persönlich sehr geholfen, mit dem großen Thema Tod und Sterben, vor allem im Hinblick darauf, dass über kurz oder lang meine Eltern, Schwiegereltern, Freunde usw. Abschied werden nehmen müssen.

http://medwell24.at/CDA_Master/1,3008,3087_5715_0,00…

Grüße
Irene

Hallo Fritz,

Tod kann anstecken. Krankheiten zum Tod ebenso. Das ist alte Magie, Tabu. Menschen verhalten sich zu Sterbenden so. Auch zu nahen Menschen. Sträuben. Widerwillen. Den Tod ausblenden wollen. Flucht. Begegnet mir oft.
Verabschiede Dich vom ihm oder ihr. Lüge, Flucht haben im Tod nichts zu suchen. Und lauf nicht weg. Nicht vor dem Sterbenden. Laß den Menschen nicht im Stich. Dem Sterbenden kannst Du ausweichen. Dem Tod nicht.

Gruß,
M.

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Zum Tode meiner

meiner Mutter meinte ich hier
zur Korrektur…

Also nochmals vielen Dank an alle. !
Das mit den Sternen verteilen hat mit mir nichts zu tun,…
Ich hätte gerne allein für Eueren Zeitaufwand, jedem Autor
Mindestens 5 * vergeben.
Leid tut es mir, dass genau diejenigen drei, die der Sache am
nächsten kamen, leer ausgingen.
An Tino, Enno und Branden nochmals zusätzlich 3* „grins“

Jetzt zum Thema:
Vermutlich habe ich mich in der Anfrage nicht richtig ausgedrückt.
Selbst vor dem eigenen Sterben „no Prob“ ,… bin wie man bei uns so sagt:
„dem Teufel schon einige male ab dem Karren gefallen“
und lebte mit „gottvertrauen“ fröhlich weiter.

Aus dem Tierreich ist bekannt, Todgeweihte trennen sich aus der gewohnten Gruppe.
Ist das deren Wunsch , oder werden sie „ausgemobt“?

Ich bin ein Sonderling, urtümlich, gefühlsbetont veranlagt, daher eben naturverbunden und hilfsbereit
in allen Lagen.

Was ich jetzt genau wissen will:

Wollen die sich, mit ihrem mir ungewohnten Verhalten, bewusst von mir trennen ?
oder mobe ich sie, wenn ich in Gedanken die Trennung gefühlsmässig herbei wünsche, in die „ewigen Jagdgründe“ ?.. ev. auch eine Sterbehilfe.

Ist das verwerflich oder normal ?
Bin ich abartig ?

In meinem Alter ist man halt je länger je mehr mit dieser Sache belastet, der Freundeskreis wird immer enger.
Noch schlimmer ist , wenn man noch gesund und arbeitsfähig ist,…
Neid und Jammern ist menschlich.

Gruss
Fritz
a.d.Uw.
(gegenwärtig auf den Obstbäumen herumkletternd)

hier auch noch was :smile:
Hallo,

also ich denke, dass die Distanz ein natürliches Phänomen ist. Wir müssen bei uns Menschen immer zwischen der biologischen und der sozialisierten Komponente unterscheiden, wenn wir unser Verhalten analysieren (Dualität des Menschen - C.G. Jung).

Ein Bsp. für die biologische Komponente: Todgeweihten oder behinderten Menschen verhält man sich auf die eine oder andere Art hin „anders“. Manche überkommt ein Gefühl des Ekels, andere empfinden Aggression. Im Tierreich werden Andersartige ausgegrenzt. Das heutige Lachen der Menschen hat sich aus dem Aggressionstrieb entwickelt (Zähne zeigen). Ich finde, dass bei Verhaltensanalysen der Trieb bzw. das biologische Verhalten nicht genügend berpcksichtigt wird. Es gibt genügend andere Beispiele für unser Alltagsleben.

Die sozialisierte Seite verhält sich anders: Mitleid, Trauer, Nachempfinden, usw. kann sich ausbreiten.

Welche Seite stärker ist, liegt an uns selbst. An unserer Persönlichkeit. Wichtig ist nur, dass man diese Komponente nicht verurteil, sondern sie akzeptiert. Denn sie ist nun mal natürlich. Wenn man sich darüber bewußt ist, kann man auch besser damit umgehen.

Dass sich Menschen dann zurückziehen, bzw. von Dir distanzieren kann mit unter daran liegen, dass Du nunmal nicht in ihrer Situation bist. Anschlussmotiv: Aus Experimenten von Schachter geht hervor, dass der soziale Vergleich in einer ungewissen, beängstigenden Situation der zentrale Grund für das Affiliationsmotiv ist. Es herrscht in solchen Situationen ein Wunsch nach Validierung der eigenen Aktivierung vor. Das bedeutet übertragen, dass man sich nur bei Gleichgesinnten verstanden und gut aufgehoben fühlt. Je weiter die Person im Vergleich von einem selbst weg ist, desto weniger möchten wir sie um uns haben. Das hängt auch von der Stärke des eigenen Involvements zur jeweiligen Situation ab. Also der Tod ist dann so zentral bzw. eine so starke Auslese-Variabel, dass man mit anderen, die nicht ähnlich sind, nicht mehr viel anfangen kann. Es kann sogar sein, dass es in absolute Distanz und Widerwilligkeit umschlägt. Das hängt auch wieder von der Persönlichkeitsstruktur desjenigen ab.

Eine weitere Theorie, die das Phänomen analog beschreibt, ist Theorie der Selbstwerterhaltung. Hier werden zwei Vergleichsprozesse unterschieden. Der (1) selbstwertmindernde Vergleichsprozess und der (2) selbstwertsteigernde Reflektions- bzw. Ausstrahlungsprozess. Welcher der beiden Prozesse bei einem sozialen Vergleich aktiviert wird hängt von den drei Dimensionen der (1) psychologischen Nähe und (2) Leistung der Vergleichsperson sowie (3) der Relevanz des Attributs für den Selbstwert von ego. Da Du gesund bist, der andere todgeweiht, mindert es seinen Selbstwert und eine mögliche Reaktion ist Distanz bzw. den anderen meiden.

Hoffe, das war auch ein wenig konstruktiv :smile:

Der_Sisko