Apotrophitis

Hallo liebe Sprach-Experten,

ist eigentlich die Abart, vor jedes Plural-S einen (falschen!) Apostroph zu setzen eine Erscheinung neueren Datums, oder fällt es mir nur mitlerweile immer öfter auf?

Ich habe das Gefühl, dass kaum noch ein Werbetexter in der Lage ist ordentlich zu schreiben, da ja offenbar überall nur noch Handy’s, CD’s und dergleichen angeboten werden.

Sind die Leute in den Abteilungen, die noch anständig schreiben konnten mitlerweile alle im Rentenalter, oder haben sie einfach resigniert und schreiben mitlerweile extra falsch, weil es ja sonst keiner mehr lesen kann? :wink:

Würde mich einfach mal interessieren, seit wann dieser Deppen-Apostroph existiert und ob Hoffnung besteht, dass es sich nur um eine kurzfristige Erscheinung handelt…

Grüße
Tigger

Hallo Tigger!

Ich kann Dir nicht sagen, seit wann der Deppen-Apostroph existiert. Ich würde vermuten, daß es ihn schon vor der Rechtschreibreform gab, daß es aber die letzten 5 - 10 Jahren sind, in denen er den Aufwind bekam, den wir bemerken. Inzwischen scheint er die korrekte Form fast abgelöst zu haben. Möglich, daß seine Verbreitung durch die Verwirrung, die die Rechtschreibreform ausgelöst hat, begünstigt wurde. Dann teilt er sein ihm günstiges Schicksal mit vielen anderen Rechtschreib-Parasiten, die von der unfreiwillig gezüchteten Stimmung des „Alles-geht“ profitieren wie Unkraut von einem falsch gedüngten Rasen :smile: .

Eine sinnvolle Lektüre zu diesem Thema ist übrigens Bastian Sicks sattsam bekanntes Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ (inzwischen zwei Bände). Noch nicht gelesen? Sehr ergiebig! :smile:

Grüße,

Anvan

Hallo Tigger!

Hallo Avan,
danke für deine Antwort.

Ich kann Dir nicht sagen, seit wann der Deppen-Apostroph
existiert. Ich würde vermuten, daß es ihn schon vor der
Rechtschreibreform gab, daß es aber die letzten 5 - 10 Jahren
sind, in denen er den Aufwind bekam, den wir bemerken.

Ist es echt schon so lange her? Ich hatte das Gefühl, dass er sich erst seit ein paar Jahren (2-3?) so extrem eingeschlichen hat. Kann aber auch sein, dass er mir einfach vermehrt auffällt und ich ihm vor 10 Jahren einfach noch keine besondere Beachtung geschenk habe.

Inzwischen scheint er die korrekte Form fast abgelöst zu
haben.

Eben, das Gefühl habe ich auch! Findet man doch im Internet kaum noch eine Seite wo ein korrekter Plural gebracht wird!

Möglich, daß seine Verbreitung durch die Verwirrung,
die die Rechtschreibreform ausgelöst hat, begünstigt wurde.
Dann teilt er sein ihm günstiges Schicksal mit vielen anderen
Rechtschreib-Parasiten, die von der unfreiwillig gezüchteten
Stimmung des „Alles-geht“ profitieren wie Unkraut von einem
falsch gedüngten Rasen :smile: .

Jaja, auf die Rechtschreibreform oder besser noch „die neue Rechtschreibreform“ wird ja leider immer wieder das eigene Unvermögen viele Leute geschoben. Ich meine zwar, dass die Leute, die die neue Rechtschreibung nicht können (wollen) zumeist auch die alte nicht können, aber egal.

Eine sinnvolle Lektüre zu diesem Thema ist übrigens Bastian
Sicks sattsam bekanntes Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein
Tod“ (inzwischen zwei Bände). Noch nicht gelesen? Sehr
ergiebig! :smile:

Na, die Pflicht-Lektüre habe ich natprlich bereits hinter mir! Er beklagt sich ja auch köstlich über dieses Phänomen jedoch ergibt sich daraus leider eben nicht, seit wann sich der „Parasit“ eingeschlichen hat.

Grüße,
Anvan

Gruß
Tigger

wo is´t das´ Problem?
seit ich jüngs´t gelesen habe: Nach Art des Hause´s erschüttert mich nicht´s mehr

viele Grüs´se
ED

stellvertretend für viele andere Seiten:
http://members.aol.com/apostrophs/
http://members.aol.com/apostrophs/buchstaben.htm
http://frank-thomas-hellwig.de/apostrophen/verweise.php

Hallo, Tigger,

Er beklagt sich ja auch köstlich über dieses Phänomen jedoch
ergibt sich daraus leider eben nicht, seit wann sich der
„Parasit“ eingeschlichen hat.

der „Zwiebelfisch“ vom 27. Januar 2004 sieht einen Zusammenhang zur Wiedervereinigung - ob das zutrifft, kann ich nicht sagen:

…„Man sieht sich immer zweimal!“, weissagte der sächsische Genitiv nicht ohne Häme, als er sich anschickte, im Gefolge der Angeln und Sachsen nach Britannien auszuwandern. Er sollte Recht behalten. Er kehrte zurück - und wie! Doch kurioserweise nicht aus dem Westen (wo man allgemein den Ursprung aller Anglizismen vermutet), sondern aus dem Osten. Denn im Zuge der deutsch-deutschen Wiedervereinigung schwappte die im Osten bereits weit verbreitete Apostroph-Euphorie („Erich’s Broiler-Paradies“) auch in den Westen - und schwappt seitdem gesamtdeutsch hin und her, vorzugsweise durch die seichten Niederungen des „Internet’s“…
http://www.fgobrecht.de/forum/messages/550.html

Und noch ein Link zum „Deppenapostroph“: http://www.deppenapostroph.de/ - vielleicht lässt sich dort Genaueres eruieren.

Gruß
Kreszenz

Überflüssige Häklein wären an sich kein Problem
Ein überflüssiges Häklein wäre an sich kein Problem, aber, es
signalisiert, dass hier ein ‚e‘ weggelassen wurde und schafft deshalb
Verwirrung. Im Deutschen sind alle Deklinations- und Plurallendungen
mit dem Wort verbunden. Wieso sollten Genitiv-s und Plural-s eine
Ausnahme bilden?

Das ist zu toppen
Moin, Ed

seit ich jüngs´t gelesen habe: Nach Art des Hause´s
erschüttert mich nicht´s mehr

mich schon: Neue Kartoffel’n

Gruß Ralf

Hallo Tigger
Ein guter Freund von mir, der sich vor fünfeinhalb Jahren suizidiert hat (nicht gerade deshalb), beklagte dieses Deppen-Apostroph-Phänomen schon vor etwa 10 Jahren heftig.
Diese Unsitte ist also keine ganz neue, mag aber zugenommen haben.
Gruß,
Branden

aua
du hast (leider) recht - dies tut wirklich weh

tief deprimiert
ed

Apostrophose
Hall’o.

ist eigentlich die Abart, vor jedes Plural-S einen (falschen!)
Apostroph zu setzen eine Erscheinung neueren Datums, oder
fällt es mir nur mitlerweile immer öfter auf?

Beide’s wohl. Die Verwendung al’s Zischlautankündigung’szeichen i’st dabei nur eine Seite der Medu’se …

Ich habe das Gefühl, dass kaum noch ein Werbetexter in der
Lage ist ordentlich zu schreiben, da ja offenbar überall nur
noch Handy’s, CD’s und dergleichen angeboten
werden.

Bei CD’s hat der Apostroph sogar noch eine begründbare Wurzel, weil ja tatsächlich etwas ausgelassen wird - nur müsste es dann konsequenterweise C’D’s heißen.

Und von Werbung als Sprachinstanz ist nichts zu halten, außer Abstand. „Weißer geht’s (sic!) nicht“, „meiste Kreditkarte“, „unkaputtbar“ usw. sind mehr oder weniger gelungene Wortschöpfungen, aber richtiges Deutsch eher nicht. Viel schlimmer ist, dass sich diese Seuche im allgemeinen Sprachgebrauch so weit verbritten hat.

„Essen wie bei Mutter’n“
„Hausgemachte Gula’schs’uppe“
„Privat’weg“
„Heute frische’n Streuselkuche’n“
„S’ouvenier’s“

sind einige Glanzstücke meiner Privats’ammlung. Das lässt sich teilweise nur im S’uff ertragen. In diesem Sinne : Hick’s ,

Eillicht zu Ven’sre

hallo Kreszenz,

was nichts als eine verleumdnung ist. diese apostrophitis wurde durch firmen wie kaisers oder hütters wohnwelt (ich schreibe die mal ohne) erst im osten richtig bekannt gemacht.
firmen mit inhaberkennzeichnung gabs vor dem mauerfall in der ddr kaum. und wenn, hießen die schon seit urzeiten so.

strubbel
@:open_mouth:)

Ja, Ralf,
die Kartoffel’n passen gut zu der „Scheibe vom Och’s“ auf einer Speisekarte südlich von München.
Man fragt sich, was noch ernst gemeint ist.
Gruß!
H.

Die Holländer sind Schuld
Hallo,

im Niederländischen ist die Pluralbildung mit 's bei bestimmten Worten korrekt. Da auch in England Deppenapostrophen nicht unbekannt sind (das sogenannte „greengrocer’s apostrophe“) tippe ich hier unter anderem auf einen Einfluss der Niederländer auf ihre Nachbarstaaten.

Gruß,

Myriam

im Niederländischen ist die Pluralbildung mit 's bei
bestimmten Worten korrekt.

Hallo Myriam,

dass die Holländer mehr als nur guten Käse und Fahrräder bauen können hatte ich ja schon immer vermutet, aber so was… ?!? Klingt ja nahezu unglaublich, aber warum auch nicht.

Kannst du mir da mal ein Besipiel (möglichst mit Übersetzung) nennen, kriege allmählich Lust das Phänomen genauer zu ergründen. :wink:

Danke
Tigger

Ich kann Dir nicht sagen, seit wann der Deppen-Apostroph
existiert. Ich würde vermuten, daß es ihn schon vor der
Rechtschreibreform gab, daß es aber die letzten 5 - 10 Jahren
sind, in denen er den Aufwind bekam, den wir bemerken.
Inzwischen scheint er die korrekte Form fast abgelöst zu
haben. Möglich, daß seine Verbreitung durch die Verwirrung,
die die Rechtschreibreform ausgelöst hat, begünstigt wurde.
Dann teilt er sein ihm günstiges Schicksal mit vielen anderen
Rechtschreib-Parasiten, die von der unfreiwillig gezüchteten
Stimmung des „Alles-geht“ profitieren wie Unkraut von einem
falsch gedüngten Rasen :smile: .

Ich habe das Gefühl, dass hier einfach mehrere voneinander unabhängige Prozesse zusammentreffen. Einige Menschen neigen dazu, da Kausalzusammenhänge zu vermuten und tragen dadurch zur Verbreitung bei. Das Internet ermöglicht der breiten Masse, irgendetwas zu publizieren, die Rechtschreibreform wird zeitgleich durchgesetzt und gleichzeitig wollte jedermann beweisen, dass er/sie Englisch beherrscht, auch wenn das absolut nicht der Fall ist.

Ich kann mich erinnern, dass ich irgendwann so oft „Standart“ gelesen hatte (wenn es um „Standard“ ging), dass ich doch tatsächlich überlegte, ob die Rechtschreibreform das zu verantworten hätte. Während ich jedoch lieber in einem aktuellen Wörterbuch nachschlage, werden andere es ungeprüft übernehmen. Dadurch verbreitet sich dann die falsche Schreibweise. Da die meisten auch noch davon ausgehen, dass gerade Leute, die für das Entwerfen von Texten und Bedrucken von Schildern verantwortlich sind, es eigentlich wissen müssten, vertraut man vielleicht eher einem Schild als dem eigenen Wissen.

Ich glaube, nur Lehrer und Empfänger von Bewerbungsschreiben können beurteilen, ob die Leute schon immer so schlecht geschrieben haben oder ob das erst heute so schlimm ist. Von den Falschschreibern hat man früher nun mal nie etwas gesehen.

Bis denne
Schnoof

Kannst du mir da mal ein Besipiel (möglichst mit Übersetzung)
nennen, kriege allmählich Lust das Phänomen genauer zu
ergründen. :wink:

Ich zitiere aus einer Niederländisch-Grammatik:

Fremdwörter, die auf a, i, o, u enden, bilden die Pluralform, indem sie ein Apostroph + -s anhängen. Wegen der komplizierten Regelung der offenen und geschlossenen Silben verzichtet der Niederländer bei diesen Wörtern darauf, den Vokal zu verdoppeln. Er übernimmt einfach die Singularform, markiert mit dem Apostrophzeichen, um anzuzeigen, dass da etwas weggefallen ist, und lässt durch das angehängte -s deutlich werden, dass er die Pluralform meint.

Die folgenden Beispiele zeigen Ihnen, wie einfach dies System zu hantieren ist:

de pizza
de pizza’s
(Pizza)

de kassa
de kassa’s
(Kasse)

de taxi
de taxi’s
(Taxi)

de multi
de multi’s
(multinationale Unternehmen)

de auto
de auto’s
(Auto)

de metro
de metro’s
(U-Bahn)

het individu
de individu’s
(Individuum)

de paraplu
de paraplu’s
(Regenschirm)

  • Zitatende

Gruß,

Myriam

2 „Gefällt mir“

Hey Myriam,

danke für die umfangreiche Antwort. In Zukunft werde sich bei mir in Zukunft bei Schildern wie „Sylvie’s Naildream’s“ nicht mehr gleich die Nackenhaare aufstellen, sondern ich denke einfach ganz relaxt daran, was Sylvie wohl in ihrem letzten Urlaub in den Niederlanden alles gemacht hat…

Gruß
Tigger