Hallo Coco,
wir hatten ja schon einmal das Vergnügen, uns hier über bauphysikalische Dinge auszutauschen.
Um Deine Frage(n) ansatzweise zu beantworten:
Grundsätzlich ist es bei jedem Gebäude erforderlich, dass eine Betrachtung des sogenannten „sommerlichen Wärmeschutzes“ durchgeführt wird. Alleine vom juristischen Standpunkt wird nämlich inzwischen davon ausgegangen, dass es „anerkannte Regel der Technik“ ist, eine zu hohe Übertemperaturhäufigkeit in Aufenthaltsräumen (>25°C) durch konstruktive Maßnahmen zu verhindern. Dies können Sonnenschutzmaßnahmen, Kühlunges- oder Lüftungsmaßnahmen etc. sein. Insbesondere wird (ich spreche jetzt mal von der „deutschen“ Vorgehensweise gemäß DIN 4108, die das hierzulande regelt) eine Wärmebilanz aufgestellt, in die allerdings nur bedingt Klimadaten explizit einfließen. Es gibt drei Klimaregionen (sommerkühl, gemäßigt, sommerheiß), in denen das Gebäude stehen kann. Mikroklimate oder regionale Klimate werden nicht berücksichtigt. Das Verfahren setzt nun im Prinzip auf eine Wärmebilanz: Welche Wärmemenge wird tagsüber eingestrahlt und welche Menge kann abgegeben/gespeichert/nachts durch Lüftung ausgebracht werden. Aus Raumvolumen und Raumoberflächen sowie deren thermischen Kennwerten wird dann ein Anforderungswert errechnet und mit dem Ist-Wert verglichen. In die Betrachtung werden Sonnenschutzvorrichtungen (Jalousien, Sonnenschutzverglasungen, Verschattungen durch das betrachtete Gebäude etc.) mit einbezogen. Soviel zur Berechnung nach Bauvorschriften.
Wenn man die ganze Sache etwas differenzierter betrachten möchte, kann man das zum einen dadurch tun, dass man sich einen Wetterdatensatz für den tatsächlichen Standort des Gebäudes besorgt und damit rechnet, das ist aber ein gewisser Aufwand.
Sonnenstandsdiagramme sind üblicherweise leicht zu bekommen bzw. kann man sie für jeden Ort der Welt errechnen und mit einem geeigneten Programm darstellen lassen. Aus diesen Diagrammen kann man auch mit etwas Aufwand eine Verschattung durch umliegende Gebäude errechnen bzw. zeichnerisch erstellen.
Was in den Berechnungen nicht betrachtet wird, sind die Umgebungsbedingungen wie Schattenwurf, Windrichtung und -geschwindigkeit, Verdunstung durch Vegetation und/oder Wasserflächen, Hangneigung, geographische Besonderheiten etc.
Sicherlich wäre es möglich, so etwas mit in Betracht zu ziehen, allerdings sieht man schon an der Zahl der Möglichkeiten und Faktoren, dass es da zu gegenseitigen Beeinflussungen kommen kann/wird/muss. Dafür geeignete Ansätze zu finden ist sicherlich schwierig bis unmöglich. Die drei oben genannten Klimazonen sind sicherlich nicht umsonst so grob gehalten.
Eine Windrichtungsbilanz könnte allerdings bei einzeln betrachteten Gebäuden hilfreich sein, um Windsog und -druck zu nutzen und das Gebäude zu belüften. Hier sei z. B. auf die Messehalle 13 auf dem Messegelände in Hannover verwiesen (http://www.harms-partner.de/deutsch/projekte/index.s…), die „Flügel“ auf dem Dach bewirken eine Entlüftung der Halle durch Winde, die von einem im Westen gelegenen Höhenzug kommen. Allerdings ist auch diese Betrachtung von einer Statistik abhängig, in der die Windrichtungen, -stärken etc. über langjährige Mittelungen festgehalten sind. Es ist nicht zu gewährleisten, dass dann, wenn z. B. Windosg benötigt wird, dieser auch vorhanden ist. Insofern muss man sich praktisch auf kalkulierbare Faktoren beschränken.
Zu beachten sind auch immer die „nicht unmittelbar beeinflussbaren“ Randbedingungen. Wie lange wird das Gelände um das Gebäude noch so aussehen, was passiert, wenn ein Gebäude in der Nähe errichtet wird. Insofern ist die Betrachtung eines Mikroklimas sehr riskant, da es sehr empfindlich reagieren und sich stark verändern kann, was die gesamte energetische Planung „Deines“ Gebäudes ins Wanken bringen kann.
Noch eine Anmerkung zur Frage „Was kann ein Architekt mit der
Strahlungsbilanz anfangen? Und mit der Verdunstung?“: Meistens nichts bzw. nicht viel. Aber ein Bauphysiker kann. Und das gibt mir bzw. meinem Job wenigstens ein kleines Bisschen Daseinsberechtigung
Insofern, sollte es noch weitere Fragen geben, ich stehe gerne zur Verfügung.
Liebe Grüße aus dem Ländle, Guido