Artikel zur Schlacht am Skagerrak

Hallo Historiker,

dieser Artikel von Jürgen Busche dürfte die Marineinteressierten begeistern:

http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=1167

Endlich mal wieder etwas zum Diskutieren!
Gruß,
Andreas

Na ja, das ist mal wieder so ein Artikel :wink:. Mal abgesehen, dass die Skagerrak-Schlacht natürlich nicht die letzte Seeschlacht war, wie eingangs behauptet, muss man bei der Sache natürlich die Ziele der ganzen Sache sehen. Und unter diesem Gesichtspunkt möchte ich das dann für die Deutschen doch eher als einen Achtungserfolg sehen, der letztendlich sein Ziel verfehlte.
Natürlich waren die Verluste der Engländer rund dreimal so hoch. Aber die Engländer hatten auch drei mal so viel aufzubieten. Wenn es nur darum gegangen wäre, wer mehr Schiffe versenkt, dann könnte man die Schlacht also als deutschen Erfolg buchen. Aber in Wirklichkeit bestand für die Deutschen die dringende Notwendigkeit, die Royal Navy in einem Maße zu verkrüppeln, das es unmöglich gemacht hätte, die Seeblockade weiter aufrecht zu erhalten. Davon aber war man weit entfernt. Mehr noch, die Skagerrak-Schlacht hat eigentlich endgültig bewiesen, dass es nicht möglich war.
Das etwas Ungewöhnliche an der Situation ist, dass auch die Engländer ihr strategisches Ziel der Schlacht eigentlich nicht erreichten. Denn das war ja ein Doppelziel: a.) die Aufrechterhaltung der Blockade und b.) die deutsche Hochseeflotte so zu dezimieren, dass Aktionen wie die Beschießung von Yarmouth zukünftig unmöglich sein würden. Aber als sich die Flotten aus den Augen verloren, waren beide Marinen nach wie vor intakt und schlagkräftig. Gerade Admiral Beatty fühlte sich ja nicht ohne Grund regelrecht betrogen.

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Das es natürlich nicht die letzte große Seeschlacht war, sollte klar sein. Das war wohl eher Leyte.

Die Ausgangslage der Schlacht ist falsch dargestellt. Da wird behauptet, eine Entscheidungsschlacht „dürften die grauen Schiffe des Kaisers gar nicht suchen“. Das ist natürlich Murx. Die Hochseeflotte suchte eine Entscheidungsschlacht und zwar von Anfang an. Die provokanten Küstenbeschießungen hatten ja kaum einen anderen Zweck als die Home Fleet herauszulocken. Das war bereits einmal verbockt worden (Doggerbank). Aber das Ziel war klar, schließlich gab es keine andere Möglichkeit, die Blockade zu brechen.

Das Verhältnis der Kräfte ist, je nachdem, wen man liest und welche Schiffklassen man einbezieht, irgendwo mit 1:3 bis zu 4:7 (in diesem Artikel) angegeben. Aber diese Verhältnisse beziehen niemals schiffsbautechnische Unterschiede mit ein, die sich gerade im Skagerrak als relevant erwiesen. Die deutschen Schiffe waren langsamer, kohlegefeuert und hatten im Allgemeinen die kleineren Kaliber. Aber sie waren erheblich schwerer gepanzert. Der Vorteil der größeren Reichweite der britischen Schiffe kam nicht zum Tragen, ebenso der Vorteil der höheren Geschwindigkeit nicht. Weil beide Flotten mehr oder weniger immer in Linie kämpften, also ohnehin kompakte Massen darstellten. Was blieb war die schwerere Panzerung und die machte sich bemerkbar. Aber das war ein Faktor, der im Vorfeld bekannt war, also von deutscher Seite auch planbar war. Das reale Verhältnis war also weniger die reine Tonnage oder die Anzahl der Schiffe sondern auch, was diese Schiffe leisten konnten bzw. an Treffern wegstecken konnten.

„Die Engländer hatten nicht vor eine solche Schlacht zu suchen“. Das stimmt teilweise, aber sicher nicht ganz. Beatty, der im Skagerrak die Schlachtkreuzer befehligte, wollte eine solche Schlacht. Es gab dafür persönliche Motive (er sah sich ja gerne mal als der neue Nelson) aber auch strategische. Denn dadurhc, dass man ständig eine große Flotte in den Heimatgewässern halten musste, wurden Schiffe im Empire knapp. Die Bindung von Einheiten durch die Hochseeflotte war also ein relevanter strategischer Faktor, den es nach Meinung einiger aus der Welt zu schaffen galt.
Jellicoe auf der anderen Seite war ein Verfechter einer reinen Blockade. Er war sich der strategischen Auswirkungen einer deutschen Fleet in Being bewußt, hielt aber das Risiko einer Entscheidungsschlacht eigentlich für zu hoch, es sei denn, diese könne unter hervorragenden Bedingungen geschlagen werden.
Das Beatty später Jellicoes Nachfolger wurde, zeigt uns, welche Seite sich letztendlich nach der Skagerrak-Schlacht durchsetzte. Zur Zeit der Schlacht und davor, gab es in England aber durchaus bereits zwei Meinungen.

Sinnigerweise beschreibt der Artikel dann genau die Auswirkungen einer solchen Fleet in Being. Den Russen konnte man nicht helfen, denn man musste die Schiffe zurückhalten. Bei Entsendung von Teilgeschwadern riskierte man nur deren Vernichtung nach dem Prinzip der lokalen Überlegenheit Dank kurzer Linie (der Artikel mein damit das, was Nimitz als „innere Linie“ definiert). Also hat der Autor die Zeichen erkannt, die Schlußfolgerung rückwärts aber nicht gezogen.

Dann kommt der kleine Seitenhieb auf den Sohn eines Gemischtwarenhändlers, Franz von Hipper. Und natürlich darf die Doggerbank nicht fehlen mit dem Hinweis, die Deutschen hätten dort den „Schlachtkreuzer“ Blücher verloren. Nur war Blücher kein Schlachtkreuzer, es handelte sich um einen technisch überholten „großen Kreuzer“. Die Deutschen lernten aus der Doggerbank auch nicht, ihre Munitionsmagazine besser zu schützen. Das hatten sie bereits früher gelernt und es war, soweit es die Versenkung der Blücher betraf ohnehin kein relevanter Faktor.

Dann endlich geht es an den Ablauf der Schlacht. Das geht dann gleich mit dem alten „Köder“-Märchen wieder los. Hipper sollte als Köder die britischen Schlachtkreuzer und die schnellen Schlachtschiffe auf das Gros der Flotte locken, Beatty sollte die Deutschen auf das Gros seiner Flotte locken. Und natürlich wusste keiner, dass der andere seine Flotte draußen hat.
Ich weiß ja nicht, wer die Story erstmalig schrieb, aber sie sit nicht haltbar. Das ist aber erst seit etwa füfnzig Jahren belegt, insofern konnte der Verfasser dieses Artikels es wohl nicht mehr rechtzeitig erfahren?
Hipper lief aus mit dem Ziel, die Briten herauszulocken. Aber bereits kurz nach fünf Uhr Morgens begann die Hochseflotte selbst seeklar zu machen. Das war insofern ungewöhnlich, als dass a.) Hipper bis dato keinen Feindkontakt hatte und auch nicht haben konnte und b.) bei allen vorangegangenen Versuchen dieser Art die Flotte auch nicht ausgelaufen war.
Das gleiche Bild finden wir auf britischer Seite. Sowohl Beatty, als auch kurze Zeit später Jellicoe laufen aus, bevor es den ersten Kontakt, die erste Sichtmeldung gab. 1916 war ein Jahr mit 366 Tagen, woher wusste der eine vom anderen? An den anderen 365 Tagen war ja die Cahnce was zu treffen gleich Null? Aber es geht noch weiter. Beattys Schlachtkreuzer laufen ja nicht auf direktem Kurs. Die versuchen ja eher, in einem Bogen um die vermuteten deutschen Schlachkreuzer herumzulaufen. Denn Beattys Job war ja nicht, Hippers Schlachtkreuzer aufs Gros zu locken, seine Job war es, ihnen den Rückweg abzuschneiden.
Hipper hingegen, Gemischtwaren händler sind offensichtlich clever, konnte diese Taktik erahnen (ist ja auch nicht wirklich eine Kunst). also wechselt er mehrfach den Kurs um sich selbst genügend Seeraum offen zu halten. Aber wohin zeigt sein Generalkurs, das ist die interessante Frage. Hipper sucht, sein Generalkurs führt nicht direkt zum Skagerrak, obwohl er ja dort die britischen Schlachtkreuzer vermuten darf, die gegen acht Uhr Funkverkehr mit einem schwedischen Schiff hatten.Hipper hält sich von der Küste entfernt. Er sucht hier bereits nach dem Gros der Engländer. Aber er findet natürlich trotzdem zunächst Beattys Schiffe, weil die nämlich hinter ihm her sind.
Das alles entspricht in Taktik und Verhalten genau der Definition von Hippers und Beattys Job. Sie waren Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte. Dabei hatten sie zwei Aufgaben: Den Gegner zu finden und die Aufklärungsstreitkräfte des Gegners auszuschalten, damit dieser blind ist. Weil es ja nicht nur darum ging, die beiden Flotten ins Gefecht zu bringen sondern auch, um die Positionen zueinander, in denen das geschah (Stichwort Crossing the T). Keiner der beiden spielte irgendwie „Köder“.

So geht es also in dem Artikel munter weiter. „Die deutschen Offiziere waren nicht dazu erzogen, alles auf eine Karte zu setzen“. Wer, die gleiche Offiziere, die Yarmouth beschossen hatten? Die Offiziere, die Scheers erste Gefechtswendung durchführten und dabei genau alles auf eine Karte setzten?

Genauso einen Stuss finden wir über die englischen Offiziere. Jellicoe wich aus „aus Angst vor den Torpedobooten“ und dannw ird betont „wie er später sagte“. Na ja, der Reporter zu dem er es sagte, war ja auch vorher nicht an Bord. Aber die Angst vor Torpedobooten war ja durchaus begründet. Jellicoes Ausweichmanöver und der Ansatz seiner eigenen T-Boote gab ihm ja genügend Raum um ein drohendes Desaster zu verhindern. Wahrscheinlich hätten die T-Boote seine Schlachtschiffe nicht versenkt. Aber es hätte auch gereicht, zwei oder drei auf eine niedrigere Fahrtstufe zu reduzieren. Diese Überlegung fehlt im Artikel völlig.

Besonders witzig ist das Zitat „Ich wünschte ich wüsste, wer da auf wen schießt“. Natürlich hätte er es gerne gewußt. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht gewußt hat, dass die Deutschen in voller Stärke draußen waren. Er kannte nur deren Positionen nicht wegen dem erwähnten Trick Scheers mit der Funkstation Jade. Aus dem Zusammenhang gerissen wirkt das Zitat als hätte Jellicoe nicht den geringsten Plan gehabt, was man so wohl kaum stehen lassen kann.

Weiter geht’s. Das Manöver der Gefechtskertwendung war also in der britischen Flotte unbekannt. Herr im Himmel, die haben das Ding erfunden! Hype-Parker „Butterpudding“ benutzte es vor dem Chesapeake, Nelson’s Annäherungsmanöver vor Aboukir war eine Variante dieses Manövers und Howe legte damit die Franzosen am 1.Juni herein. Es handelte sich um ein sehr beliebtes Manöver der Briten um sich aus unterlegenen Positionen zu befreien oder den Gegner zu überrumpeln.

Spätestens bei der Selbstversenkung der Lützow entgleitet der Autor des Artikels dann endgültig in nationalistische Untertöne. „setzten auch dieses Schiff auf die Liste ihrer spärlichen Ruhmestaten“. Das der Schlachtkreuzer so zusammengeschossen war, dass er versenkt werden musste war wahrscheinlich irgendwie im Verlauf der Schlacht für den Autor untergegangen.

So geht es munter weiter und weiter. Ich verzichte, das jetzt im Einzelnen weiter zu analysieren, ich glaube meine Meinung ist klar und hinreichend begründet. Es ist ein Artikel modernsten Zuschnitts. Der Versuch einer Geschichtsrevanche die zufällig einen Teilaspekt trifft, ansonsten aber schlecht recherchiert und noch schlechter analysiert ist. Wenn dann am Ende sogar die Flottenrüstung des Kaisers als „richtig“ gedeutet wird, dann weiß man, wie viel oder wenig dieser Autor sich wirklich mit diesen Schiffen und Besatzungen befasst hat.

Gruß
Peter B.

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Hallo Peter,

ab damit an Cicero!

Gruß,
Andreas

Hallo Andreas,

da interessiert mich Cicero recht wenig. Soweit ich das von hier mitkriege produzieren die ja öfter mal so etwas. Nur im Rahmen einer Diskussion wie hier, sollte man vielleicht einfach die Skagerrak-Schlacht und Cicero als getrennte Themen sehen :wink:.

Gruß
Peter B.

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