Hallo Kirsten,
Es ist nichts neues, dass Privatpatienten vorgezogen werden
MÜSSEN, da sonst keine Kassenpatienten mehr behandelt werden
KÖNNEN!
Das ist ein Märchen. Die Privatpatienten will man auf keinen Fall verlieren, da bei ihnen die Gewinnspanne größer ist. Ja, es gibt mitterlweile nicht mehr nur ganz seltene Praxen die nur knapp überleben. Solange der Durchschnittsverdienst (nach Abzug der Kosten) eines niedergelassenen Arztes bei über 120 000 € im Jahr liegt ist das im Durchschnitt „Jammern auf hohem Niveau“. Ich will überhaupt nicht über die Angemessenheit der Summe urteilen. Gute Arbeit sollte auch gut bezahlt werden. Es zeigt aber, dass es hier überwiegend nicht um Sein oder Nicht-Sein geht.
Um das Niveau zu halten müssen Ärzte oft sehr viel arbeiten - 80 Stunden Wochen sind keine Ausnahme - aber bei vielen wäre eben auch finanziell Luft sich selbst Arbeitsmäßig zu entlasten. Dazu müsste mancher aber die standesgemäßen Ansprüche zurückschrauben.
Ich gebe zu, das ist überspitzt formuliert. Viele Ärzte arbeiten nicht vor allem viel, um mehr Geld zu verdienen, sondern aus beruflicher Leidenschaft.
Im Übrigen gibt es nicht MEHR Geld von
Privatpatienten, es ist nur „sichereres“ Geld, wegen anderer
Abrechnungsmodalitäten (Privatkassen zahlen sofort,
gesetzliche Kassen nur Quartalsweise rückwirkend!).
Das mit dem „Sichereren“ halte ich für falsch. Die Praxen erhalten von den Kassen jedes Quartal zu einem festen Termin eine ziemlich gleichbleibende Summe. Das ist berechenbar und damit decken die Praxen auch ganz überwiegend ihre Fixkosten. Wann ein Privatpatient zahlt, weiß man dagegen nicht, oft muss gemahnt werden und manche zahlen auch gar nicht.
Wegen des „offenen Wettbewerbs“ sind Ärzte GEZWUNGEN,
wirtschaftlich zu denken und handeln, obwohl sie sich viel lieber
um ihr eigentliches Metier, nämlich die medizinische Behandlung von Patienten
kümmern würden! Kaum einer der älteren Ärzte hätte seinen
Beruf gewählt, wenn er vorher gewusst hätte, dass heutzutage
noch ein BWL-Studium zur Ausübung des Berufes notwendig ist!
Ich denke da hält sich vom Prinzip her die Sonderstellung sehr in Grenzen. Auch jeder KFZ-Meister würde wahrscheinlich lieber das machen was er gelernt hat. Keine Rechnungen schreiben und Angebote vergleichen, Werbung schalten, Vorsteueranträge stellen, Kostenvoranschläge erstellen, Rechtsstreitigkeiten abwickeln, Personalprobleme Lösen, Berufsgenossenschaftsvorschriften lesen usw., sondern an Autos schrauben.
Man sollte dies als Patient nicht persönlich nehmen, denn es
hängt nur mit dem (miesen!) System in Deutschland zusammen!
Zeig doch mal ein viel besseres System in der Welt! Aber tatsächlich liegt einiges im Argen, nur liegt die Misere ganz wo anders. Ein Großteil der Verwaltungstätigkeiten von Ärzten hat ja nichts mit wirtschaftlichem Handeln zu tun, sondern dient allein der Abrechungsbürokratie und verschiedenen gesetzlichen Dokumentationspflichten.
… die meist geprügelte Zunft.
Also das ist dann doch eine dramatisch Verzerrung der Wirklichkeit. Ich wage keine Platzierung vorzunehmen, aber unter den Top-Ten der meistgeprügelten Zünfte sind die Ärzte sicher nicht (ich vermute zur Zeit ist die Nr. 1 „Der Bankmanager“). Tatsächlich halten sich die Ärzte seit ewigen Zeiten ganz ober auf der Liste der vertrauenswürdigsten Berufsgruppen.
Ich vermute das subjektive Verfolgungsgefühl resultiert aus einem idealisierten Selbstbild und vielleicht einer gewissen Verwöhntheit aus alten „Halbgott-in-Weiss-Zeiten“, obwohl die doch schon so lange her sind, dass das überwunden sein sollte.
Gruß
Werner