"Asozial" und Umschreibungen

Hallo,

das Wort „asozial“ macht immer häufiger die Runde. Wie denkt Ihr darüber?
Ob es nun um Richterschelte geht (Verkäuferin Emmy) oder um Manager, die in Heuschreckenmentalität abzocken.

Oder sind mit „asozial“ eher die mit „abgehängtem Prekariat“ Umschriebenen gemeint?
Hier wird das Wort „asozial“ wohl im Rückblick mit dem Umgang (oder Vernichtung) vermieden.

Oder ist das Wort „asozial“ so flexibel, dass man es auch als Waffe einsetzen kann?

Was meint Ihr?

Gruß
rentsame

Hallo,
das Wort „asozial“ ist das Antonym (Gegenwort) zu „sozial“.
Dieses ist aus dem Lateinischen entlehnt und bedeutet soviel wie „die Gesellschaft betreffend“.
Auf das Verhalten bezogen wäre also „soziales Verhalten“ ein Verhalten, das der Gesellschaft zuträglich ist, sie festigt und bewahrt. Das Gegenstück „asoziales Verhalten“ ist dann ein Verhalten, das die Gesellschaft schädigt. Diese Schädigung kann besonders durch das übermäßiges Ausnutzen der Schutzfunktionen erfolgen, die die Gesellschaft ihren Mitgliedern gewährt.

Unrechtmäßiger Bezug von Zuwendungen für Mittellose ist genauso schädlich (und damit asozial) wie das Hinterziehen von Steuern oder das Ausnutzen der Notlage anderer.

Gruß
Eckard

In meinen Augen wird „asozial“ oft in falschem Zusammenhang gebraucht, denn es bezeichnet

asozial - außerhalb der Gesellschaft stehend, z. B. jemand, der betrunken in der Fußgängerzone herumlungert.
unsozial - nicht gemäß einer von der Gegenseite als sozial betrachteten Politik handelnd, z. B. ein Manager, der Mitarbeiter entlässt.
**dissozial (auch dyssozial, was ich aber für sprachlich weniger gelungen halte) - Ein Mensch, der das gesellschaftliche Miteinander durch sein individuelles Verhalten aktiv schädigt, z.B. ein Schläger.

MfG
Klaus**

Dazu: Assi vs. Asi

In meinen Augen wird „asozial“ oft in falschem Zusammenhang
gebraucht…

Ich hatte mich auch oft gefragt, ob asozial nun „unsozial“ oder „antisozial“ bedeutet — beim ersteren Wort gliedert man sich nicht in die Gesellschaft ein und ist ein Außenseiter, beim letzteren agiert man konkret gegen die Gesellschaft, schadet ihr also.

Der Duden gibt an: „unfähig zum Leben in der Gemeinschaft; am Rande der Gesellschaft lebend“ — das spricht anscheinend eher für die 1. Erklärung, also die des Außenseiters.

Was mich irritiert, ist das (ostdeutsche?) Schimpfwort Assi , dass sich eher auf gesellschaftsschädigende Individuen bezieht, also z.B. Graffiti-Sprayer, Hooligans, betrunkene Jugendliche oder rechte Schlägertypen…
Das Wort Asi hingegen, was ich eher aus dem westdeutschen Raum her kenne, scheint mir eher Leute zu bezeichnen, die statt zu arbeiten vorm Fernseher herumlungern und Sport schauen, Bier trinken, Leute anpöbeln und nur ab und zu rausgehen, um sich am Kiosk vor ihrem Plattenbau die Zeitung zu kaufen, hömma. Die richten ja keinen Schaden an, sondern liegen höchstens der Gesellschaft auf der Tasche, wie man so schön sagt… von letzterem sind auch die Asiletten (so 'ne Art Sandalen) abgeleitet.

Leitet sich eines dieser Bezeichnungen von asozial ab, wenn ja, welches? Oder haben beide gar den gleichen Ursprung?

Gruß,

  • André

Hallo,

ich habe „Assi“ bisher für eine Falsch-Schreibung von „Asi“ gehalten. Den Ausdruck Asi für arbeitsscheues Volk kenne ich schon sehr lange (Rhein-Erft-Kreis) und dort wurde und wird er von „asozial“ abgeleitet.

Die Asiletten heißen eigentlich „Adiletten“ (von Adidas).

Gruß,

Myriam

‚Falschschreibung‘
Hallo Myriam!

ich habe „Assi“ bisher für eine Falsch-Schreibung von „Asi“
gehalten.

Und ich habe „Asi“ für eine Falschschreibung von „Assi“ gehalten, spricht man es (in Berlin) doch mit kurzem a und stimmlosem s. Allerdings sind für mich die Assis nicht irgendwelche Wirtschaftsheuschrecken, sondern tatsächlich die herumlungernden Alkoholkonsumenten und ungewaschenen Lüstlinge.

Liebe Grüße
Immo

Und ich habe „Asi“ für eine Falschschreibung von „Assi“
gehalten, spricht man es (in Berlin) doch mit kurzem a und
stimmlosem s. Allerdings sind für mich die Assis nicht
irgendwelche Wirtschaftsheuschrecken, sondern tatsächlich die
herumlungernden Alkoholkonsumenten und ungewaschenen
Lüstlinge.

Du verstehst mich. =)
Genau, wir sprechen „Assi“ auch mit kurzem a und stimmlosem s.

Gruß,

  • André

Hallo rentsame,

das Wort „asozial“ macht immer häufiger die Runde. Wie denkt
Ihr darüber?

Das Wort asozial ist nationalsozialistischer Jargon und daher vorbelastet. Es ist tabu, so ähnlich wie das Wort Endlösung, das man auch nicht gedankenlos im Sinne irgendeiner ultimativen Lösung benutzen sollte, weil es immer die Konnation mit der Endlösung der Judenfrage, also dem Holocaust weckt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Asoziale_%28Nationalsoz…

Gruß Gernot

Das Wort asozial ist
nationalsozialistischer Jargon und daher vorbelastet. Es ist
tabu, so ähnlich wie das Wort Endlösung,
das man auch nicht gedankenlos im Sinne
irgendeiner ultimativen Lösung benutzen
sollte, weil es immer die Konnation mit der Endlösung
der Judenfrage
, also dem Holocaust weckt.

Das mag stimmen, aber wissen das viele Deutsche? Ich wusste das mit „asozial“ und seiner Konnotation bisher nicht. Es scheint also nicht für alle (vielleicht sogar für die meisten) nicht vorbelastet zu sein, da nicht alle diese Asozia- entschuldigung, Assoziation damit haben.

Ich denke, heute hat das Wort diese nationalsozialistische Konnotation wieder(?) verloren. Oder aber: die Nazi-Zeit hatte konnotationell gesehen keinen sehr großen Einfluss auf das Wort, das ja schon viel früher existierte.

Grüße,

  • André