Atombombe: Rolle Oppenheimers und Fermis, Nagasaki

Hallo!

Ich habe gestern einen dokumentarischen Spielfilm über die Atombombe auf Arte gesehen (Ich muss zugeben, dass ich nicht den ganzen Film gesehen habe, sondern einige Lücken drin waren). Darin wurde gezeigt, wie Oppenheimer dem amerikanischen Generalstab empfahl, die Atombombe ohne Vorwarnung über einem gemischten (militärisch + zivil) Ziel abzuwerfen, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen.

Bisher ging ich davon aus, dass Oppenheimer einem Einsatz der Bombe viel kritischer gegenüber stand.

Kann mir jemand diesen Widerspruch auflösen? War ich falsch informiert oder stellt die Dokumentation Oppenheimers Rolle verzerrt da? Oder änderte sich Oppenheimers Einstellung so drastisch durch die Erfahrungen des Trinity-Tests?

Zweite Frage: Welche Einstellung hatte eigentlich Enrico Fermi zur Bombe? (Er war verglichen mit Oppenheimer der bei weitem begabtere Physiker, aber über seine politische Einstellung liest man recht wenig)

Dritte Frage: Oft wird gesagt, dass das eigentliche Kriegsverbrechen der Atombombenabwurf auf Nagasaki war. Stimmt es, dass es Japan rein technisch unmöglich war, in den drei Tagen zwischen Hiroshima und Nagasaki zu kapitulieren? Ist es tatsächlich möglich, dass die Amerikaner dies wussten und die zweite Bombe schon so früh einsetzten, weil sie nach einer Kapitulation Japans keine Gelegenheit mehr dazu hätten? Wann genau fiel die Entscheidung, die zweite Bombe einzusetzen und wer traf sie?

Michael

Hallo Michael,

Ich habe gestern einen dokumentarischen Spielfilm über die
Atombombe auf Arte gesehen (Ich muss zugeben, dass ich nicht
den ganzen Film gesehen habe, sondern einige Lücken drin
waren). Darin wurde gezeigt, wie Oppenheimer dem
amerikanischen Generalstab empfahl, die Atombombe ohne
Vorwarnung über einem gemischten (militärisch + zivil) Ziel
abzuwerfen, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen.

Bisher ging ich davon aus, dass Oppenheimer einem Einsatz der
Bombe viel kritischer gegenüber stand.

Man muss dazu wahrscheinlich tiefer in den Hintergründen dieser speziellen Zeit bohren ales es einer Filmdokumentation mangels Zeit möglich ist. Der Abwurf war beschlossen. Das logische Ziel nach damaliger militärischer Doktrin wäre ein großen Zivilgebiet gewesen (hier zeigte sich der lange Schatten eines Bomber-Harris, dessen Doktrinen auch für die USAAF gültig waren). Damit wären wir beim Stichwort Tokio, denn das wäre damals nach rein militärischem Verständnis das logische Ziel gewesen.
Die Umschreibung „militärisch/zivil gemischt“ und „ohne Vorwarnung“ deutet meines Erachtens eher eine andere Vorstellung als Hiroshima an. Die größte Basis der japanischen Marine war nach wie vor Kobe. Dazu kamen Werften und ein Haufen Rüstungsindustrie. Es wäre, was die Zivilverluste anging das kleinere Ziel gewesen, aber militärisch sicher das größere, zumal, wenn man davon ausgeht, dass man außer dem Trinity-Test keine echte abschätzungen über die Wirksamkeit liefern konnte. Man hatte bereits geschätzt, dass die Erstürmung Japans mindestens eine Million amerikanischer Soldaten und etwa vier bis fünf Millionen Japaner das Leben kosten würde. Eine Ausschaltung der Reste der Marine hätte dieses Zahlenspiel erheblich billiger gemacht.
Hiroshima erscheint mir aus diesen Gründen immer noch als Kompromiss nachdem der Atombombenabwurf bereits beschlossen war.

Kann mir jemand diesen Widerspruch auflösen? War ich falsch
informiert oder stellt die Dokumentation Oppenheimers Rolle
verzerrt da? Oder änderte sich Oppenheimers Einstellung so
drastisch durch die Erfahrungen des Trinity-Tests?

Ich denke, es geht heirbei weniger um Einstellungen. Die Bombe war gebaut und Oppenheimer hatte keinen Einfluss mehr auf deren Einsatz. Alles, was er in dieser Phase tun konnte war, sein fachliches Gewicht bei der Auswahl des Zieles zum Tragen zu bringen.

Zweite Frage: Welche Einstellung hatte eigentlich Enrico Fermi
zur Bombe? (Er war verglichen mit Oppenheimer der bei weitem
begabtere Physiker, aber über seine politische Einstellung
liest man recht wenig)

Aus dem wenigen, was ich finden konnte, erscheint es mir, als habe er politisch relativ wenig gesagt. Im Gegensatz zu Oppenheimer, der ja durchaus aktiv wurde und während der McCarthy-Zeit den Preis dafür bezahlte, hielt Fermi sich ja politisch immer sauber. Das entspricht sicherlich der damals gängigen Vorstellung vieler Wissenschaftler, die eine Verantwortung für ihre Entwicklungen nicht bei sich sondern in der Politik sahen. Eine Einstellung, die ja auch heute noch weithin verbreitet zu sein scheint.
Bezeichnend für Fermi scheint mir auch zu sein, dass Teller, der vor dem McCarthy-Ausschuß gegen Oppenheimer ausgesagt hatte in weiten Teilen der wissenschaftlichen Gemeinde als Paria behandelt wurde, allerdings nicht Fermi, der Teller bereits währed der H-Bombenentwicklung ermuntert und unterstützt hatte.

Dritte Frage: Oft wird gesagt, dass das eigentliche
Kriegsverbrechen der Atombombenabwurf auf Nagasaki war. Stimmt
es, dass es Japan rein technisch unmöglich war, in den drei
Tagen zwischen Hiroshima und Nagasaki zu kapitulieren? Ist es
tatsächlich möglich, dass die Amerikaner dies wussten und die
zweite Bombe schon so früh einsetzten, weil sie nach einer
Kapitulation Japans keine Gelegenheit mehr dazu hätten? Wann
genau fiel die Entscheidung, die zweite Bombe einzusetzen und
wer traf sie?

Zunächst einmal rein formal: Weder der eine noch der andere Abwurf war ein Kriegsverbrechen. Nicht mehr, als die konventionellen Bombenangriffe auf Städte und die waren akzeptiert.
War es Japan möglich innerhalb von weniger als drei Tagen zu kapitulieren? Theoretisch ja, denn es war ja eine Entscheidung des Tenno. Allerdings gab es hierbei die Machtansprüche insbesondere der japanischen Armee zu beachten. Der Tenno hätte können, aber er hat offensichtlich nicht die Kraft aufgebracht so kurzfristig zu handeln. Aber er war ja auch mangels Rückgrat in den zweiten Weltkrieg reingesegelt, warum sollte er nicht genauso raussegeln?
Was die amerikanische Seite anging, so gab es sicherlich viele, die einen weiteren Abwurf befürworteten. Wir wissen von Teller, dass er diese Ansicht in einem Brief äußerte (obwohl er später natürlich jahrzehntelang das Gegenteil behauptete). Und es gab viele, die dagegen waren, aber keinen Einfluss mehr darauf hatten (Szilard zum Beispiel oder auch Oppenheimer selber). Dabei spielte einerseits natürlich der Schrecken über Hiroshima eine Rolle, aber auch, dass es sich bei der Nagasaki-Bombe um ein anderes Baudesign handelte als bei der Hiroshima-Bombe. Man kann sich also bei den Befürwortern (insbesondere Teller) nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass es als eine Art Feldtest gesehen wurde, zumal in Amerika viele Details aus Hiroshima noch nicht bekannt waren, als der Abwurf von Nagasaki beschlossen wurde.

Gruß
Peter B.

Auch auf die Gefahr hin, Dich wieder zu verägern, aber die Bombardierung von zivilen Zentren begann bereits im spanischen Bürgerkrieg mit den Einsätzen der Legion Condor. Zu Beginn des Krieges wurde das zu einem Standard als die Luftwaffe u.a. London angriff. Sich dann zu beschweren, dass die andere Seite das auch tut, nur effektiver war, und das zu einem Kriegsverbrechen zu erklären, ist messen mit zweierlei Maß. Die bösen Allierten haben unsere Städte bombardiert, nur, weil wir Bomben auf ihre Geschmissen haben. Das hat da nichts mit Herrenmenschen und Gutmenschen zu tun. Krieg ist ein grausiges Geschäft, entweder man macht den Job richtig oder besser man fängt ihn überhaupt nicht erst an. Deutschland und Japan hätten ihn besser nicht erst angefangen.

Gruß
Peter B.

Team: Zitat entfernt