Hallo Angelika,
klar spielt es eine wichtige Rolle was und wieviel das Kind isst. Aber die meisten Kinder können essen soviel sie mögen (und das ist eben nicht so übermäßig viel) und sind trotzdem schlank. Sie hören eben einfach auf, wenn sie satt sind und essen erst wieder, wenn neuer Hunger da ist.
Wenn das Kind aber von Baby auf nie gelernt hat, die Signale seines Körpers (hier Hunger und Sattsein) richtig zu erkennen und wertzuschätzen, sind solche massiven Essstörungen vorprogrammiert.
Einige Beispiele:
Ein Baby schreit. Aha, denken die wohlmeinenden Eltern, es hat wohl Hunger. Also bekommt es eine Flasche. Das Baby hatte aber vielleicht keinen Hunger, sondern ihm war langweilig. Vielleicht hat es anfangs sogar den Sauger/die Brust abgelehnt. Aber irgendwann hat es aufgegeben und gelernt, dass auch die Flasche schön ablenkt bzw. beschäftigt. Sowas funktioniert dann zuweilen ein ganzes Leben lang so.
Ein Kind hat sich weh getan und weint. Zum Trost bekommt es schnell einen Lolli. Naschen tröstet ja so gut. In den Arm nehmen zwar auch, aber das gab’s halt nicht.
Langweilige Zeiten wie Zugfahren, Wartesituationen etc. werden gern mit Essen überbrückt anstatt die Langeweile unmittelbar zu bekämpfen.
Wer kennt nicht die vielen Naschereien zur Belohnung, Nasch- oder Essensentzug zur Bestrafung? (Ich will damit nicht sagen, dass ich Belohnungen mit Süßem generell ablehne, ich finde es aber wichtig, auch andere Belohnungsformen einzusetzen.)
Kinder müssen oft ihren Teller leer essen, auch wenn sie längst satt sind und das auch deutlich spüren. Dieses Signal wird missachtet und später verlernt.
Und dann noch die ganzen Gründe, warum man dies und jenes essen soll oder muss und anderes nicht. Die eigenen Vorlieben, Gelüste und Abneigungen der Kinder werden oft von Erwachsenen nicht respektiert. (Selbstverständlich alles im Rahmen einer einigermaßen gesundheitsverträglichen Ernährung.)
Wenn so ein Kind dann Zeit seines Lebens nie den richtigen Umgang mit Hunger und Sattsein geübt hat, ihm dieser im Gegenteil sogar regelrecht abgewöhnt wurde, dann hilft auch eine gesündere, maßvollere Ernährung wenig. Menge und Zeitpunkt des Essens muss dann vom Kopf gesteuert werden, was als sehr einschränkend erlebt wird, weil eben Trauer, Frust, Langeweile, Wut, Freude usw. bisher auch mit Essen kompensiert wurden. Das Kind muss also neue Wege finden, mit diesen Gefühlen umzugehen. Dabei hilft aber keine Diät.
Solches Ess-Verhalten trainieren Eltern ihren Kindern aber nicht absichtlich an (meine Vermutung). Wahrscheinlich haben sie es selbst nicht anders gelernt, haben vielleicht ebenfalls Probleme mit dem Essen, wussten sich keinen anderen Rat, haben aber auf jeden Fall nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt (auch das eine Unterstellung von mir).
Um zur Ausgangsfrage/Überschrift zurückzukommen: Wem soll man da die Schuld geben? Ich finde, in dem Fall dieses Jungen steckt ganz, ganz viel Leid und Hilflosigkeit, bei allen Beteiligten. Die Eltern haben mit zunehmendem Alter des Jungen die Kontrolle über sein Essverhalten verloren und müssen hilflos mit ansehen, wie er sich „totfrisst“. Sie geben ihm trotzdem Süßigkeiten mit, weil er danach verlangt und sie nicht anders können. Das hat sich über die Jahre so eingespielt und immer fester verfahren.
Vorwerfen würde ich ihnen vielleicht, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben, sich und dem Kind Hilfe zu holen. Für ihre eigene Unzulänglichkeit im Erkennen und adäquaten Reagieren auf Gefühle des Kindes (anstatt zu füttern) und vielleicht, nein bestimmt, auch auf ihre eigenen Gefühle/Signale können Sie möglicherweise nichts, denn auch sie waren mal Kinder und wurden entsprechend „dressiert“.
Letztlich kommen wir dann zu der Frage, wer ist überhaupt in der Lage Kinder zu erziehen, wer darf, wer sollte und wer darf keine Kinder haben? Und wer kontrolliert das, legt das fest bestimmt das?
Das wäre aber ein anderes Posting.
Ich hoffe, mich einigermaßen verständlich ausgedrückt und ein paar neue Aspekte beigetrageb zu haben.
Viele Grüße
Ulla
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