Hallo, liebe Forenleser,
ich brauche für eine ziemlich verrückte Geschichte, an der ich schreibe, eine bestimmte Szene: Wie sah es aus, wenn ein Besucher (ein Mann aus dem „Volk“) einen deutschen König im Jahre 1530 besuchen wollte? Er konnte doch sicher nicht einfach so hineinplatzen? Musste er um eine Audienz bitten? War es möglich, einfach vor der Burg zu stehen und zu sagen: Ich muss da dringend rein? Wie sah die übliche Praxis aus?
Noch was: Hat es irgend jemanden damals in Deutschland interessiert, dass Columbus gestorben war, wusste man davon überhaupt, und war den Menschen 1530 klar, dass nicht Indien, sondern ein neuer Kontinent entdeckt worden war? Ich hab darüber im Internet nichts gefunden, was Hinweise darüber gibt, wie weit die Bildungsschichten im nördlichen Europa darüber Bescheid wussten, wann es sich rumgesprochen hatte, dass es Amerika gab!
Danke im Voraus, Susanne
Mir wäre nicht bekannt, dass es im Jahr 1530 einen deutschen König gegeben hat. Damals war Karl V. an der Reihe, allerdings als Kaiser. Andererseits… zuvor war er König…
Karl V. hat sich übrigens kaum je in Deutschland aufgehalten. Also, da mal als „einacher Mann“ vorsprechen zu kommen, dürfte etwas kompliziert gewesen sein. Damals gab es noch keine Billig-Airlines.
Levay
Hallo Levay,
es spielt in meiner Geschichte keine Rolle, obs damals einen deutschen König gegeben hat, es geht mir nur um allgemein um die Rituale an Fürsten-/Königshöfen! Ich schreibe eine Geschichte mit einer Zeitreise, da ist vieles möglich…! Es geht mir halt darum, wie so ein König damals reagiert hat, wenn jemand (neuzeitlicher Mensch) einfach reinkommt, weil er es halt anders gewöhnt war (aber wie eben??).
Dass Karl V. wenig in der Heimat war, habe ich schon eruiert, er musste ja das Abendland verteidigen, wenn ich mich recht erinnere… ist mir pers. nicht so wichtig.
Hallo,
also es gab ja keine deutsche Hauptstadt im eigentlichen Sinne.
Der König war damzufolge entweder ein deutscher Fürst, der einfach in seiner landesresidenz weiterwurstelte, die er voher als herzog oder Fürst schon hatte oder ein Ausländer mit Gebieten in Deutschland, in denen dann ja auch ein paar Schlösser und Burgen standen,m auf die er zurückgreifen konnto (wie der schon erwähnte Karl).
Dem normalen Bürger waren beide scheißegal - der Fürst des Ländchens und noch mehr der König. Die wollten gar nichts von denen und deshalb war eine begegnung der herrschaften mit dem gemeinen Volke gar nicht erst eingeplant. Denn wenn Durchlaucht was wollte, dann meistens Geld - wie heutige Regierungen auch - was Gutes kam von denen nie. Daher ja auch der Spruch „Gehe nie zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen wirst.“
Es ist ja gerde bei den Spanienern (und Karl war ja einer) bekannt, daß die ein sehr sehr ausgeklügektes zeremoniell hatten. Kolumbus und Co mußten zu Beginn, ehe sie berühmt waren, wochen- und monatelang auf eine Audienz warten. Erst mal ne Denschrift aufsetzen, die irgend einem Schreiber oder Hofbediensteten in die Hand drücken (und noch ein reichliches Handgeld dazu, damit der überhaupt das Ding weitergab), mit sehr viel Glück befand dann der nächste Berater oder so, daß das Ding wichtig genug war, es weiterzureichen und mit noch mehr Glück landete es irgendwann ganz oben und man geuhte dann, den Antragsteller zur Audienz vorzuladen (oder auch nicht).
Sicher war das zeremoniell in den kleinen deutschen Ländchen etwas weniger ausgereift - aber es gab auf alle Fälle eins.
Die Masse der kleinen Leute waren ja Bauern, die konnten nicht mal lesen und schreiben. Für die galt, was der Pfarrer auf der Kanzel predigt und der Gutsherr befiehlt - die Entdeckung Amerikas gehörte da nicht dazu. Die hätten eh nicht gewußt, wo das liegen soll - für sie war die Erde ne Scheibe.
Die Bürger in den Städten, besonders die Ratsherren und Fernhändler unter denen, wußten schon etwas mehr. Sie hatten eventuell schon mal was davon gehört - aber Landkarten kannten die auch nicht, für die waren Amerika, China und Indien alles ein Abklatsch und mächtig weit weg.
Gernot Geyer
Hallo Susanne,
bei Karl V. wird es schon das spanische Hofzeremoniell gegeben haben, das äußerst formal und streng war. Bei einem König dieser Klasse also wird eine Audienz für einen Mann aus dem Volk unmöglich gewesen sein.
Nun gab es natürlich auch die anderen Könige - doch auch die waren (im Gegensatz zu den Kleinkönigen im frühen Mittelalter) schon von beträchtlicher Bedeutung: Frankreich, Polen, England, Schweden, Dänemark etc.
Friedrich I. wurde erst 1701 König in Preußen, die Bayern und Württemberger erst unter Napoleon.
Also wirst Du auch bei kleineren Königen, selbst fiktiven, mit einem ausgefeilten Zeremoniell rechnen müssen, denn gerade die Kleinen haben es den Großen ja gern nachgetan.
Entweder also führts Du einen bürgernahen König ein, der sich dem Volk öffnet - der kann dann im Hof seiner Burg oder seines Palastes „Sprechstunden“ abhalten (Dann darf das Königreich aber nicht zu groß sein), oder Du mußt Höflinge und Schranzen einführen, die den Weg zum Herrscher entweder öffnen oder versperren, erleichtern oder erschweren. Und das gibt jede Menge Stoff für die kleinen Nebenbei-Geschichten, die zwar den Fortgang der Handlung nicht unbedingt befördern, aber dennoch Leben, Farbe, Flair in die Erzählung bringen. (Und die Seitenzahl erhöhen!)
Gruß - Rolf
…bei Wikipedia/Christoph Kolumbus heißt es: „Die Kugelgestalt der Erde, Voraussetzung für den Plan des Kolumbus, war seit der Antike und auch im Mittelalter den Gelehrten bekannt gewesen und Ende des 15. Jahrhunderts allgemein akzeptiert, entgegen vieler Klischees auch von der katholischen Kirche, die sich nurmehr gegen das Heliozentrische Weltbild wehrte. Vorstellungen einer scheibenförmigen Erde fanden sich allerhöchstens im einfachen Volk, hatten aber keinen Einfluss auf Akzeptanz der Idee einer Westroute nach Indien.“
Also hast Du wahrscheinlich teilweise Recht mit Deiner These, dass das Volk noch 1530 glaubte, dass die Erde eine Scheibe war - es war wahrscheinlich mit allem so: Neue Erkenntnisse erreichten nicht alle Leute zur gleichen Zeit, sondern sickerten mal hier, mal dort durch. Wohl auch die Tatsache, dass Kolumbus nicht nach Indien gekommen war - obwohl es zumindest die Reichen damals schon interessiert haben muss, woher ihre Güter kamen - wurde doch z.B. aus Prestigegründen das Essen oft so sehr mit Pfeffer, Nelken, Zimt, Kardamom, Ingwer, Gewürznelken „versaut“, dass man es kaum noch essen konnte (je mehr teure Gewürze im Essen waren, desto reicher musste der Chef des Hauses sein!).
Grüße, Susanne
PS: Hab mir fast gedacht, dass es ein striktes Hofprotokoll gab, aber dass man da auf eine Audienz wochenlang warten und auch noch Bestechungsgelder zahlen musste, ist schon hart!
Hallo,
Noch was: Hat es irgend jemanden damals in Deutschland
interessiert, dass Columbus gestorben war,
eher weniger. Kolumbus verbrachte seine letzten Lebensjahre weitgehend unbeachtet in Spanien. Er hatte seinen Ruf als Seefahrer aufgrund verschiedener Fehlschläge auf seinen späteren Amerikafahrten eingebüßt.
wusste man davon
überhaupt, und war den Menschen 1530 klar, dass nicht Indien,
sondern ein neuer Kontinent entdeckt worden war?
Den Gebildeten ja. Der neue Kontinent wurde fast zeitgleich mit dem Tod von Kolumbus (1506) von Martin Waldseemüller 1507 auf seiner Weltkarte als „America“ bezeichnet - zu Ehren des italienischen Seefahrers und Amerikaforschers Amerigo Vespucci. Vespucci gilt als derjenige, dem als erstem klar wurde, daß der neue Kontinent nicht Asien war. Der Namensgebung durch Waldseemüller schlossen sich die meisten Gelehrten in den nächsten Jahren an.
Grüße,
Oliver Walter
Hallo,
na ja, der obere Adel war schon hoffähig, hatte also das Recht, da jederzeit erscheinen zu dürfen. Aber sehr groß war dieser Kreis nicht - da kannte jeder jeden. Noch Anfang des 18. Jahrhunderts fiel ja z.B. ein neues Gesicht wie das der späteren Mätresse von August dem Starken (die berühmte Gräfin Cosel) bei Hofe sofort auf.
Das gespräch mit dem Volk war einfach nicht vorgesehen. Die hatten nichts vom Hof zu wollen - allendfalls durfte da ein Advokat mal ne Bittschrift aufsetzen an seine Hoheit - und die kam selten genug an. Noch um 1870 !!! bat ein General in Österreich seinen kaiser um Schuldenerlaß - das Schreiben wurde Franz Joseph einfach nicht vorgelegt, der Mann beging Selbstmord und der Kaiser bemerkte, als er davon hörte, daß er diese Kleinigkeit bei einem so verdienstvollen Mann doch sofort bereinigt hätte, wenn er davon gewußt hätte.
Ich habe selbst einen Schriftwehcel in einer Grundstücksakte gesehen, der zog sich von 1914 bis 1915 hin. Da ging es um eine Ordnungsstrafe von 35 Reichsmalr, die ein Gastwirt per Gesuch von von seiner königlichem Hoheit dem großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen/Weimar/Eisenach erlassen haben wollte. Herzerweichend!! Das Ministerum forderte erst zweimal eine Stellungnahme vom zuständigen gemeindevorstand an und irgendwann hat dann seine Hoheit gnädigst 20 von den 35 Reichsamark zu erlassen geruht - inzwischen war der Gastwirt längst pleite.
Zudem mußt Du das unterentwickelte Verkehrs- und Nachrichtenwesen bedenken. Im 16. Jahrhundert gab es ja noch nicht einmal Postkutschen. Da hätte sich unser braves Bäuerlein erst mal zu Fuß auf den Weg in die Residenz machen müssen.
Gernot Geyer
woher ihre Güter kamen - wurde doch z.B. aus Prestigegründen
das Essen oft so sehr mit Pfeffer, Nelken, Zimt, Kardamom,
Ingwer, Gewürznelken „versaut“, dass man es kaum noch essen
konnte (je mehr teure Gewürze im Essen waren, desto reicher
musste der Chef des Hauses sein!).
Liebe Susanne,
das gehört zwar nicht mehr zum eigentlichen Thema, aber ich schreibe es dennoch:
Der erste und eigentliche Grund für das starke Würzen des Fleisches war die Tatsache, daß es keine solche Kühlung wie heutzutage gab. Sicher, es gab die Eiskeller, aber die waren doch recht selten, und so kam es denn sehr oft vor, daß Fleisch zu gammeln begann. Um diesen Geschmack und Geruch zu übertönen, mußte sehr heftig gewürzt werden.
Gruß - Rolf
Danke für eure Antworten - hat mir weitergeholfen!
Gruß, Susanne