Hallo Experten und Interessierte,
Ich möchte an dieser Stelle von einem Phänomen berichten, in Gestalt meiner Tochter ( noch 7): Als Vorgeschichte sei erwähnt, das sie schon immer mit allem sehr früh ist, erstes Stehen mit 4 Monaten, alleine gehen mit 10 Monaten. Frühes Sprechen, akurate Aussprache, komplizierte Sätze, großes Vokabular, alles vor dem 3. Lebensjahr, Lesen und Schreiben, aus eigenem Antrieb, mit 5 Jahren.
Keine Hochbegabung (IQ ca.119)!
Schon als Kleinkind hatte sie eine Phase, wo sie ihre Bilderbücher grundsätzlich verkehrt herum angesehen hat.
Sie kann auf dem Kopf stehende Schrift problemlos entziffern.
Jetzt kommt das eigentlich bizarre: Sie sieht fern in dem sie auf dem Sessel Kopfstand macht, fast ausschließlich. Auf meine Frage, ob dann nicht alles verkehrt herum ist, sagte sie, nein, denn ich denke es mir richtig herum.
Ich komme mal wieder darauf, weil es gerade in Stern-TV um das Thema verkappte Linkshänder geht. Vielleicht hat sie einen Teil meiner Linkshändigkeit geerbt. Es steht aber auch Hyperaktivität und autistische Züge (Ich und ihr Bruder sind davon betroffen) im Raum.
Falls jemand sich damit auskennt oder schon mal davon gehört hat: ich bin für jeden Hinweis dankbar
Liebe Grüße
Heike
Hi,
jeder Mensch gewöhnt sich nach kurzer Zeit an ein umgekehrtes Bild und sieht es dann richtig rum. Das Gehirn macht das schon passend zur Erfahrung. Das kannn man z.B. nachweisen, wenn man jemand eine Prismenbrille tragen lässt. Wenn Du auf der Couch liegend fernsiehst, steht das Bild ja auch nicht auf der Seite
liegend.
Warum Deine Tochter diese Marotte hat, kann ich aber auch nicht erklären. Mit rechts- und linkshändgkeit hat es aber wohl nichts zu tun.
A.
Hallo Heike,
da du ja noch nicht viele Antworten auf deine Frage bekommen hast, will ich mal versuchen, das von dir Geschilderte aus der Sicht eines Autismus-Therapeuten zu interpretieren. Natürlich unter Vorbehalt und mit dem Hinweis, dass ich aufgrund deiner Angaben zu deiner Tochter keinesfalls eine autistische Störung „diagnostizieren“ möchte.
Ihre kurz beschriebene Entwicklung zeigt ja schon mal nichts negatives, im Gegenteil, das frühzeitige Beherrschen der Sprache usw. ist ja auch vor dem Hintergrund ihres überdurchschnittlichen IQs eher erfreulich. Frühes Lesen, und vor allem die Fähigkeit, auf dem Kopf stehende Schrift mühelos zu entziffern, ist für sich gesehen auch kein Hinweis auf eine autistische Störung, ihre Angewohnheit, auf dem Kopf stehend fernzusehen, ist jedoch zumindest recht außergewöhnlich und verdient sicherlich Beachtung. Hier könnte man tatsächlich im Sinne autismus-spezifischer Eigenarten interpretieren.
Gehen wir mal von der Annahme aus, deine Tochter hat überdurchschnittlich autistische Züge, dann könnten wir ihr Verhalten wie folgt deuten:
Einerseits wäre mit diesem Verhalten eine gewisse Selbststimulation verbunden, die aus den propriozeptiven Reizen (verdrehte Körperhaltung, Augenstellung usw.) entstünde und dadurch begünstigt würde, dass durch den umgekehrt wirkenden Einfluss der Schwerkraft auf den Blutfluss eine auffallend andersartige Körperwahrnehmung aufträte. Sprich, ihr Körper wird auf eine besonders andersartige Weise spürbar, als im „normalen“ Zustand.
Andererseits könnte diese Art des Fernsehens helfen, Informationen zu kanalisieren, was eben auch einem möglicherweise vorhandenen, wenn auch gering ausgeprägten Autismus entgegenkäme. Schließlich wäre die Aufmerksamkeit durch das innerliche Umdrehen des Bildes ziemlich beansprucht, und würde weniger durch andere Reize gestört.
Wie gesagt, das soll keine Diagnose sein, nur der Ansatz einer Interpretation ihres etwas außergewöhnlichen Verhaltens aus der Sicht der autismus-spezifischen Förderung.
Alles in allem sehe ich von meiner Warte keinen Anlass, sich Sorgen zu machen oder gar Hilfe aufzusuchen. Das wäre imho erst dann angeraten, wenn sich v.a. im sozialen Bereich Auffälligkeiten bemerkbar machten.
Viele Grüße
Krischan
Hallo Krischan,
ich danke Dir für Deine ausführliche Antwort.
Alles in allem sehe ich von meiner Warte keinen Anlass, sich
Sorgen zu machen oder gar Hilfe aufzusuchen. Das wäre imho
erst dann angeraten, wenn sich v.a. im sozialen Bereich
Auffälligkeiten bemerkbar machten.
Leider ist diese Besonderheit nicht das einzig Auffällige. Aber jetzt sehe ich das alles in einer Linie. Ich möchte dich aber nicht weiter damit belästigen. Sobald ich meine eigene Diagnose verdaut habe, werde ich mit meiner Tochter eine Kinderpsychiaterin vor Ort aufsuchen, die sich auch mit autistischen Verhaltensweisen auskennt.
Nochmals vielen Dank, Du hast mir sehr weiter geholfen.
Viele Grüße
Heike
an Heike!
Hoi Heike!!!
Wenn es nicht wirklich gravierendes gibt, das den Gang zum Fachmann rechtfertigt…
ich glaube, ich würde es seinlassen!
Die Macken meiner Kinder sind stets von alleine auch wieder gegangen… (na gut… habe wohl Glück gehabt)
aber allein die indiskreten Fragen der Versicherer, wenn Du eine Versicherung benötigst und dann angibst, dass Du bzw. Dein Kind in psychiatrischer Behandlung war… erschweren meist den Vertragsabschluss.
nachdenkliche Grüsse
Ulli
Auch an Heike
Hallo Heike,
eins will ich noch loswerden.
Erst mal vielen Dank für dein Vertrauen, ich freu mich dir wenigstens ein wenig geholfen zu haben.
Aufgrund der Antwort von Ayla, die dir abrät, fachliche Hilfe aufzusuchen, will ich noch kurz meinen Senf dazutun.
Wenn du das Gefühl hast, die Sache fachlich abklären zu wollen, dann mach das!!!
Ich kann absolut verstehen, dass man sein Kind schützen will, und eine festlegende Diagnose vermeiden möchte, weil man seine Zukunft nicht durch solche Festlegungen einschränken möchte, aber ich bin auch davon überzeugt, dass Hilfe, gerade im autistischen Zusammenhang, nur dann wirkt, wenn sie möglichst früh einsetzt.
Wir haben leider allzu oft die Erfahrung gemacht, dass Kinder in die Ambulanz kommen, bei denen der Zug schon abgefahren ist, will sagen, man hätte in der Kindheit ensetzen müssen, um einen positiven Einfluss auf deren Entwicklung hätte nehmen können.
Auch wenn ich es persönlich nicht besonders erstrebenswert fände, mein Kind diagnostisch „festlegen“ zu wollen (völlig verständlich), ist die Abwägung von Nutzen und Risiko für mich eindeutig:
Lieber die Gefahr eingehen, eine Wahrnehmungsstörung diagnostizieren zu lassen (mit allen Konsequenzen) als meinem Kind nicht alle zur Verfügung stehenden Förderungsmöglichkeiten zuteil kommen zu lassen. Und eine Untersuchung bedeutet ja auch keine endgültige Festlegung; vielleicht wird ja auch keine tiefgreifenden Entwicklungsstörung diagnostiziert. Ich würds drauf ankommen lassen. Das Risiko ist relativ gering.
Viele Grüße
Krischan
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Nochmal an Krischan
Hallo Krischan,
ich möchte dir nur nochmal für deine Bestätigung danken. Habe jetzt bereits eine 8 monatige Odyssee mit meinem Sohn (10) hinter mir und werde hoffentlich Mittwoch endlich eine Diagnose bekommen, mit der wir weitergehend handeln können.
Ich sehe an mir ja überdeutlich, was passiert, wenn einem nicht geholfen wird.
Das möchte ich meinen Kindern auf jeden Fall ersparen. Meine Kinder haben ihre Probleme und Defizite. Ob man das nun als Behinderung beim Namen nennt oder nicht: an den Problemen, auf die sie dadurch in ihrem Leben noch treffen werden, wird das nichts ändern. Ändern kann ich das nur, in dem ich alles unternehme, um ihnen die größtmögliche Hilfe zukommen zu lassen.
Klingt vielleicht schwülstig, ist aber so.
Nochmals vielen Dank
Heike