ich zitierte lediglich die Formulierung des Dogmas.
*kreisch* - „Ich zitiere ja nur“ sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken … 
du könntest ja, statt hier arrogant
oh merci.
zu kreischen, dein Wissen
etwas mehr explizieren.
„Zitieren“, ohne gleichtzeitig zu interpretieren, gibt es nicht. Darauf hat sich mein Gekreische bezogen.
Wie auch du leicht nachlesen kannst,
ging es mir um den Begriff „Loskaufopfer“, den Carlos
verwendete. Und ebendieser geht konform mit der sent. de fide:
„…hat uns durch seinen Opfertod am Kreuz losgekauft“.
Carlos’ weitere Erläuterungen dazu kannst ja dann du selbst
differenzierter disputieren, da du diese Details vermutlich
besser kennst als ich. Aber dann mach es auch - ohne mit der
Wimper zu zucken.
Mein nervöses Augenzucken ist seit 12 Jahren Thema der wöchentlichen Treffen mit meinem Psychotherapeuten, gehört aber nicht hierher.
Wenn ich das erste Posting von Carlos noch recht in Erinnerung habe, kommt nach dem Begriff des Loskaufopfers der Satz: „aber dann gibt es noch das Problem der Gerechtigkeit Gottes.“ Genau dieser Satz ist ein Problem. Für das biblische Verständnis ist die göttliche Gerechtigkeit kein Problem, sondern endzeitiche Vision und Hoffnung. Die Idee, dass verschiedene Eigenschaften Gottes (Gott der Retter, Gott der Allmächtige, Gott der Barmherzige, Gott der Gerechte) miteinander auf logischer Ebene in Konkurrenz treten können, kommt erst durch eine philosophische Reinterpretation der biblischen Lehre ins Bewusstsein. Im 11. Jahrhundert hat Anselm von Canterbury eine solche Formulierung des Erlösungsglaubens auf streng logischer Basis vorgenommen: Gott, der unendlich Gute, ist durch die sündhafte Abwendung des Menschen unendlich beleidigt, und um seine unendliche Gerechtigkeit zu versöhnen, bedarf es einer Sühne von unendlichem Wert. Da unendlich aber nur Gott selbst ist, musste (und auf dieses Müssen läuft die Argumentation hinaus) Gottes Sohn als Sühneopfer dem Vater dargebracht werden.
Das kann man, je nach Standpunkt, für unwiderlegbar oder für höchsten psychoanalytisch interessant halten. Jedenfalls wurde dadurch auf längere Zeit das Verständnis des Kreuzesereignisses bestimmt. Dem biblischen Denken aber, sowohl des Alten wie des Neuen Bundes, ist dieser Zugang - hab ich das schon geschrieben? - fremd. Gott „muss“ nicht, sondern wendet sich in Freiheit dem Menschen, dessen Heil er will, zu; diese Zuwendung setzt, zuerst in der Gestalt des Volkes Israel, einen geschichtlichen Prozess der Befreiung in Gang, an dessen Ende (nach christlichen Glauben) die Realisierung des Gottesreiches in der Person Jesu Christi steht.
Die große Errungenschaft der Theologie im 20. Jahrhundert war es, diese Dimension der Geschichtlichkeit neu zu entdecken, vor der die Formeln der Tradition einen lebendigen Sinn gewinnen können. Das ging konform mit einer Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums, die durch die in den ersten Jahrhunderten einsetzende Hellenisierung der Theologie - also ihr Abstellen auf ein philosophisch-logisches Fundament - verschüttet waren. Diese Wiederentdeckung und die Ernstnahme der „Heilsgeschichte“, die noch nicht abgeschlossen ist, reinterpretiert die dogmatische Tradition, ebenso wie seit den lateinischen Kirchenvätern und den Theologen des Mittelalters (wie Anselm) jede neue Aneignung der Tradition auch eine neue Interpretation ist. Nur durch die Kette der Interpretation ist uns überhaupt ein Zugang zur biblischen Überleiferung gegeben.
Gruss
Täubchen