Aufreger gefällig?

Ich weiß ja nicht, ob dieser Link hier schon aufgetaucht ist (könnte gut sein), aber dennoch will ich ihn loswerden. Habe ihn auf meiner nun hier schon bekannten Suche nach Religionskritikern soeben gefunden…

http://homes.rhein-zeitung.de/~ahipler/kritik/

Heidi

Hallo Heidi,

also abgesehen davon, dass die „Aktion Humanismus“ per Link nicht erreichbar ist, könnte man kritisieren, dass Schopenhauer und Nietzsche, ja sogar Luther als „Humanist“ bezeichnet werden.
Im Grunde ist aber auch der Humanismus nur eine pragmatische Annahme und eigentlich auf nur eine Art Glaubensbekenntnis.

Diese Gegenüberstellung von Humanismus und Religion ist nur scheinbar eine Alternative. Zwar hat die Religion große Probleme, die ja in diesem Link auch teilweise angesprochen werden, aber der Humanismus hat sie genauso, er verkauft sie nur anders.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

‚Humanismus‘
Hi Heidi

wußte gar nicht, daß es diese verquaste „Humanistische Aktion“ noch gibt…

Basiert übrigens alles auf dem immer wieder zu findenden Fehler, daß „Humanismus“ mit „Humanität“ verwechselt wird. Dazu vielleicht ein Hinweis auf ein Posting von mir (war übrigens mein erstes hier im w-w-w *gg*):

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Gruß
Metapher

Hallo

Gebe auch noch mal meinen Senf dazu.

Der Begriff „Humanismus“ ist polysem:

a) Bildungsbewegung innerhalb einer Epoche,
in diesem Sinne erstmals von Karl Hagen verwendet (1842)

b) im modernen Sprachgebrauch ist der Begriff unscharf i.S. von Menschlichkeit, bedeutendend für diesen Gebrauch ist Herders Humanitätsbegriff

Meint man a) sollte man lieber von Renaissancehumanismus oder Neuhumanismus usw. sprechen, damit klar ist, dass der historische Begriff und nicht der systematische Begriff gemeint ist.
Allerdings ist die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache (Wittgenstein), und da Humanismus auch b) meint (und in dieser Bedeutung auch in Wörterbüchern erscheint) kann und darf man ihn auch in diesem Sinne verwenden.
Steffen

Hallo

Im Grunde ist aber auch der Humanismus nur eine pragmatische
Annahme und eigentlich auf nur eine Art Glaubensbekenntnis.

Verstehe ich nicht. Die Art, auf der die Annahmen beruhen, ist doch grundverschieden. Einerseits göttliche Gebote, göttliche Schriften usw., anderseits die bewusste Entscheidung der menschlichen Vernuft (z.B. im Sinne des kategorischen Imperativs zu handeln).
Also hier heterogene Moralentscheidung, dort die autonome Entscheidung, sich das Sittengesetz selbst zu geben.

Gespannt auf deine Erwiderung
Steffen

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Hallo,

Im Grunde ist aber auch der Humanismus nur eine pragmatische
Annahme und eigentlich auf nur eine Art Glaubensbekenntnis.

Verstehe ich nicht. Die Art, auf der die Annahmen beruhen, ist
doch grundverschieden. Einerseits göttliche Gebote, göttliche
Schriften usw., anderseits die bewusste Entscheidung der
menschlichen Vernuft (z.B. im Sinne des kategorischen
Imperativs zu handeln).

du sprichst eigentlich nicht vom Humanismus, sondern von der Aufklärung - dazwischen liegen 200 Jahre, aber das weißt du ja, wie ich gesehen habe.

Auch die Aufklärung ist von einem Glauben getragen, nämlich vom Glauben an ihre eigene Leistung bzw. Leistungsfähigkeit. So wie es Metapher in seinem (ersten) Link beschrieben hat: Selbst die Humanismuskritiker verstehen ihre Kritik am Humanismus als Humanismus. Ebenso verstehen die Kritiker der Aufklärung (z. B. Adorno) ihre Kritik an der Aufklärung als Aufklärung.

Dagegen hilft nur die pragmatische Setzung der Aufklärung (oder des Humanismus) als Ziel. Dann aber ist sie (oder er) nicht mehr erschlossenes Ergebnis, sondern geglaubte Voraussetzung im Sinne einer methodischen Unhintergehbarkeit.

Also hier heterogene Moralentscheidung, dort die autonome
Entscheidung, sich das Sittengesetz selbst zu geben.

Dass die Selbstsetzung des Sittengesetzes autonom geschieht, behaupten die hartgesottenen Kantianer. Ich verstehe mich zwar auch - im Großen und Ganzen - als ein solcher, aber Autonomie als Prinzip (so wie es von Prauss bei Kant gesehen wird), halte ich für eine Fehlinterpretation, weil ich der Meinung bin, dass Kant in der Theoretischen Philosophie weitgehend Recht hat, aber in der Praktischen Philosophie methodisch unzulänglich argumentiert. Das zu beweisen, daran arbeite ich gerade, aber das wäre wohl für das Forum viel zu kompliziert [wahrscheinlich nicht nur für das Forum, denn meine Arbeit artet in eine Art „Kommentar“ zur Methodik bei Kant aus :smile:].

[Um es kurz zu machen: Ich sehe einen methodischen Bruch zwischen der KrV und den Prol. auf der einen Seiten und der GMS und der KpV (incl. den beiden Teilen der MdS) auf der anderen Seite.]

Gespannt auf deine Erwiderung

Dito.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

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guten tach heidi & @ll

aufreger gefällig - ist als titel wunderbar gewählt,

sofort wird diese eher unspektakuläre site …
aufgesogen, und als spielball der unterschiedlichsten
erklärungsstrategien genutzt, ohne das eine eigentliche fragestellung erkennbar ist …, halt aufgeregt

naja, es ist evtl.auch eher so, dass ich als neuling nicht die
feinfühligkeiten der endlosen interpretation der interpretation
beherrschen mag,
mir genügte, über die site schauend, über deine titelwahl zu schmunzeln

postillero

p.s. falls du noch einen - abreger gefällig - parat hättest

Hallo

Auch die Aufklärung ist von einem Glauben getragen, nämlich
vom Glauben an ihre eigene Leistung bzw. Leistungsfähigkeit.

Wohl eher vom Glauben, dass ihre Methode die beste ist. Der unten genannte Ardorno war über die Leistungsfähigkeit sehr skeptisch.

So wie es Metapher in seinem (ersten) Link beschrieben hat:
Selbst die Humanismuskritiker verstehen ihre Kritik am
Humanismus als Humanismus. Ebenso verstehen die Kritiker der
Aufklärung (z. B. Adorno) ihre Kritik an der Aufklärung als
Aufklärung.

Einverstanden in Hinsicht auf die Letztbegründbarkeit. Aber man sollte die Systemtheorie nicht übertreiben bzw. „Nachts sind alle Katzen grau.“ Der Unterschied liegt gerade darin, mit welchem Anspruch auf Gültigkeit beide Weltanschauungen auftreten.
Kant unterschied einmal zwischen akroamatischen Charakter der Philosophie und dem axiomatischen Charakter der Mathematik. Die
Mathematik beruhe auf Axiomen, die durch anschauende Gewissheit gelten. (Von Gödel sei hier abgesehen). Diesen Vorteil haben die Philosophie (und die Geisteswissenschaften) nicht, sie müssen ihre Gewissheit im Gesprächen mit anderen suchen und auf die Überzeugungskraft der Argumente setzen. So gesehen beruhen Aufklärung und Religion auf nicht beweisbaren Postulaten.
Nun setzt aber der entscheidende Unterschied ein:
Die Argumente der Aufklärung beruhen auf das Nachvollziehen durch den vernünftigen anderen. Habermas hat gezeigt, dass solche Argumente elementaren Prinzipien gehorchen müssen, die sich aus der sprachlichen Kommunikation ableiten lassen.
Die Argumente der Religionen dagegen beruhen auf göttliche Inspiration und nicht auf das Nachvollziehen der menschlichen Vernuft. (Credo, quia absurdum) Dass das immer noch wichtiger als vernünftige Argumente ist, zeigt der Fall Lüdemann ganz deutlich.

Dass die Selbstsetzung des Sittengesetzes autonom geschieht,
behaupten die hartgesottenen Kantianer.

Die Freiheit ist doch auch nur ein Postulat der praktischen Vernunft; aber es überzeugt, weil wir anders unser Handeln nicht sehen können, also ähnlich wie die Kausalität eine Kategorie unseres Verstandes ist, gilt das a priori.

Ich verstehe mich zwar
auch - im Großen und Ganzen - als ein solcher, aber Autonomie
als Prinzip (so wie es von Prauss bei Kant gesehen wird),
halte ich für eine Fehlinterpretation, weil ich der Meinung
bin, dass Kant in der Theoretischen Philosophie weitgehend
Recht hat, aber in der Praktischen Philosophie methodisch
unzulänglich argumentiert. Das zu beweisen, daran arbeite ich
gerade, aber das wäre wohl für das Forum viel zu kompliziert
[wahrscheinlich nicht nur für das Forum, denn meine Arbeit
artet in eine Art „Kommentar“ zur Methodik bei Kant aus :smile: ].

Sehe ich genau anders herum, je später die Kritiken, umso überzeugender für mich. Bin aber sehe sehr sehr an deinen Ausführungen interessiert; wenn sie vorliegen, bitte Nachricht an mich (will Buch kaufen). Prauss kenne ich leider nicht.

Gespannt auf deine Erwiderung

Dito.Dito.

Steffen

Hallo Steffen,

Die Argumente der Aufklärung beruhen auf das Nachvollziehen
durch den vernünftigen anderen. Habermas hat gezeigt, dass
solche Argumente elementaren Prinzipien gehorchen müssen, die
sich aus der sprachlichen Kommunikation ableiten lassen.
Die Argumente der Religionen dagegen beruhen auf göttliche
Inspiration und nicht auf das Nachvollziehen der menschlichen
Vernuft. (Credo, quia absurdum) Dass das immer noch wichtiger
als vernünftige Argumente ist, zeigt der Fall Lüdemann ganz
deutlich.

die Theorie von Habermas, die ich prinzipiell schätze, sehe ich gerade mit ihrer Reduktion des Wahrheitsbegriffes auf die Kommunikation eigentlich ein Argument für meine Skepsis. Gerade dass Habermas m. E. nirgendwo sagt, dass seine Theorie sehr bescheiden ist, sondern sie als absolutes Modell verstanden wissen will, zeigt, dass der sie überschätzt. Prinzipiell könnten sich mit dem Habermasschen Modell auch Neonazis rechtfertigen, solange es keine anderen Menschen gibt, die ihnen ins Gehege kommen, denn dann wäre der Konsens ja schon gegeben.

Die Freiheit ist doch auch nur ein Postulat der praktischen
Vernunft; aber es überzeugt, weil wir anders unser Handeln
nicht sehen können, also ähnlich wie die Kausalität eine
Kategorie unseres Verstandes ist, gilt das a priori.

Hier sehe ich einen grundlegenden Unterschied. Gerade in Bezug auf die Freiheit sagt Kant mehrfach und mehrfach, dass sie nicht zu beweisen sei, sondern schlicht einleuchtet, besonders in der KpV.

Sehe ich genau anders herum, je später die Kritiken, umso
überzeugender für mich. Bin aber sehe sehr sehr an deinen
Ausführungen interessiert; wenn sie vorliegen, bitte Nachricht
an mich (will Buch kaufen). Prauss kenne ich leider nicht.

Nun, meine Ausarbeiten werden noch mindestens einige Monate in Anspruch nehmen (Minimum 2 Jahre). Aber was Prauss angeht, muss ich dir seine wichtigsten Bücher unbedingt empfehlen. Er ist seit ein paar Jahren in Freiburg/Br. Professor (ehemaliger Husserl- bzw. Heideggerlehrstuhl). Ich hatte bei ihm in Münster studiert (Mitte 80er Jahre).

Erscheinung bei Kant (nur noch antiquarisch)
Kant und das Problem der Dinge an sich ISBN: 3416009894 Buch anschauen
Kant über Freiheit als Autonomie ISBN: 3465015878 Buch anschauen

Diese drei Werke von ihm gehören zur Standardliteratur über Kant.

Außerdem:
Einführung in die Erkenntnistheorie von Gerold Prauss
Erkennen und Handeln in Heideggers Sein und Zeit
Die Welt und wir, Bd.1/1, Sprache, Subjekt, Zeit
Die Welt und wir, Bd.1/2, Raum, Substanz, Kausalität
Die Welt und wir, Bd.2/1, Subjekt und Objekt der Praxis
Die Welt und wir, Bd.2/2, Subjekt und Objekt der Praxis
(2/2 ist noch nicht erschienen)

Erzähl mir bitte ein bisschen von dir, was du machst.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

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bis jetzt dachte ich immer, religionskritik sei eine sparte der philosophie, die sich mit dingen der beweisbarkeit, intersubjektivität, der theodizee und anderem beschäftigt.

die bibelüberlieferung anzuzweifeln und politische kritik an der katholischen kirche zu üben hat mit religionskritik so gut wie gar nichts zu tun.