Hallo Ralf,
erst einmal: Es war Absicht, dass ich eine Woche mit meiner Antwort warten liess, denn nach dem vielen Lesen, Schreiben, Nachdenken über Inhalte, kurzum Diskutieren in diesem Brett, wollte ich einmal sehen, welche begründete Meinungen die MitschreiberInnen tatsächlich haben. Denn es kam mir hier vor, als würde bei links tendierende Ansichten stärker dagegen argumentiert - oder schlicht „angegangen“ - werden, als bei konservativen bzw. rechten. Da möchte man doch einmal erfahren, woher diese gewisse Ablehnung rührt. Auch fügte ich den Hinweis auf Kommunismus und Nazismus hinzu, weil die Antworten ansonsten sicherlich gleich in diese beiden Extreme abgeglitten wären, aber das sollte ja nicht Diskussionsmittelpunkt sein. Damit wurde nicht ausgeschlossen, dass es für rechts und links subjektive Auslegungen gibt.
Allerdings muss ich zugeben, dass meine Frage auch ein bisschen „linkisch“ war, hatte ich doch bereits im Vorfeld die Vermutung, dass es nicht allzu viele Antworten darauf geben wird, denn ‚rechts‘ und ‚links‘ wird zwar oft verwendet, aber ebenso oft gleich in Verbindung mit einem Extrem. Und last but not least haben just Personen geantwortet, die (bisher) nicht eifrigsten - im Sinne von häufig - MitschreiberInnen waren.
Nun könnte ich meinen Beitrag an dieser Stelle enden lassen, möchte aber doch auf Deine weiteren Zeilen eingehen:
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Die Linken sehen eher nach unten, wollen dass es den Oberen
besser geht. Dadurch muß aber (in einer statischen Welt und so
denken die meisten) den Oberen und „Mittleren“ etwas
weggenommen werden. Verständlich, dass diese dann links nicht
ganz so klasse finden. Dies gilt auch für die von unten, wenn
sie erwarten, sich erhoffen, dass es ihnen in ein paar Jahren
besser geht. Denn dann hätten sie sich abgestrampelt, damit es
ihnen besser geht und ist es so weit, wird ihnen etwas
weggenommen, damit es anderen besser geht.
Ja, das höre ich oft, die Linken wollten den Oberen etwas wegnehmen - was grob besehen natürlich stimmt. Aber ‚wegnehmen‘ klingt so negativ, als wolle man die Oberen bis aufs letzte Hemd berauben. Erst einmal gilt es denn hemmungslosen Geldzuwachs dieser Menschen Einhalt zu gebieten, wobei aussen vor bleiben soll, wie sie zu ihren Reichtum kamen, auch wenn das ein interessanter Punkt ist.
In Deutschland lebten 1996 lt. Forbes 47 Familien mit einem Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar. Nehmen wir nur einmal die „ärmste“ mit 1,7 Mrd Mark: Fam. Werwahn. (Laut dem Buch „Wasserprediger und Weintrinker“ Beteiligungen an STRABAG, RWE, Krupp-Hoesch und mehr.) Würde man dieses Vermögen nur zu 5% jährlich anlegen, ergäbe das über 7 Mio. monatlich bzw. 85 Mio. p.a. Wem würden Kürzung mehr schmerzen: solchen Reichen oder Arbeitslosen? Und könnte die Mehrheit der „Normalsterblichen“ eine monatliche Zinszahlung erhalten, für die ihr ganzes Menschenleben nicht ausreicht, selbst wenn sie von früh bis spät malochen?
Oder ein anderes, kleiner gewähltes Beispiel: Vor einigen Jahren meinte die bayerische Renate Schmidt, SPD, als sie auf die Diätenerhöhungen angesprochen wurde, man hätte sich nur 5% mehr bewilligt. Das wäre durchschnittlich so viel, wie andere Arbeitnehmer auch bekommen hätten. Nahm man einmal Aufwands- und weitere Pauschalen aus, kamen etwa 10.000 DM herum. Eine 5%ige Erhöhung entspräche 500 DM. Wie hoch wird wohl die Erhöhung in DM bei einem normalen Arbeitnehmer gewesen sein?
Ich verstehe nicht, weshalb es so Vorbehalte gegenüber die Vermögenden gibt. Bei den Geringverdienern bricht man sich ja auch keinen Ast ab, mal flapsig ausgedrückt. Es geht weniger um das Wegnehmen, als mehr soziale Gerechtigkeit. Im Grunde also das, was sich alle Parteien auf die Fahnen schreiben, trotzdem weiterhin eine Umverteilung von unten nach oben passiert.
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Da hier bei uns die Ausländer meistens zu den unteren gehören
(in der sozialen Hierarchie sogar unter den deutschen
„Unteren“), ist klar, dass viele Deutsche (gerade wenn sie
unten stehen) nicht von ihrem Einkommen an andere verteilt
wird.
Siehst Du, da haben wir die Crux. Viele Deutsche haben eben nicht dieses Einkommen, um es noch sonderlich teilen zu können. Aber wenige verfügen über sehr viel Geld. Deshalb bin ich der Meinung, man sollte ihnen das Geld nicht wegnehmen, aber den Zinszuwachs drastisch mindern.
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Linke wollen wirtschaftlich einen starken Staat. Klar, dass
Leute, die selbst Verantwortung tragen wollen (vor allem aber
natürlich nicht nur Selbstständige), dies nicht gerade toll
finden.
Natürlich möchten die Unternehmer möglichst frei entscheiden können und wünschen deshalb keinen Staat, der sich in ihre Geschäfte einmischt. Verständlich. Allerdings kommt der Staat nicht ungelegen, wenn es gilt, Subventionen mit dem Zauberwort „Arbeitsplätze“ einzufordern. Oder ein Unternehmen vor dem Konkurs zu retten, wobei mir spontan Holzmann mit 125 Mio. einfällt, die der Steuerzahler tragen durfte.
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Linke wollen gesellschaftlich einen schwachen Staat (viel
Freiheiten). Konservative, die an alte Werte glauben und sie
auch verteidigen wollen, haben meistens Angst vor diesen
Veränderungen. Auch bevorzugen sie lieber eine starke Hand.
Dazu müsste man erst einmal feststellen, was alte Werte sind, damit diese nicht mit Vorurteilen verwechselt werden. Auch ist es schwer machbar, in der Wirtschaft ständigen Fortschritt zu wollen, ohne dass sich die Gesellschaft ebenfalls ändert.
Auch kommt es mir bisweilen vor, als würden Konservative zwar die alten Werte hervorheben, aber selbst nicht unbedingt handeln. Da fällt mir etwa Helmut Kohl ein, der die Familie in allen Tönen hervorhob, selbst jedoch während seiner Zeit in Bonn mit seiner Sekretärin zusammenlebte, während Ehefrau Hannelore und Kinder im Oggersheimer Bungalow verweilten.
Marco
Quellen:
- Forbes 2/97
- „Wasserprediger und Weintrinker“, Beck/Meine, Steidl-Verlag
- „Schwarzbuch Helmut Kohl“, Bernt Engelmann, Steidl-Verlag
PS: Bitte mögliche Fehler zu übersehen - bin übernächtigt.