Ausbreitungsgeschwindigkeit von HIV

Hallo liebe Leute

Ich habe bei wikipedia gelesen, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit bei ungeschütztem vaginalen GV bei 0,08% liegt. Diese Zahl steht so nicht da, aber es ist ein Bereich angegeben, in dessen Mitte 0,08 ungefähr liegen sollte.
Nun komme ich aber ins Grübeln, wie es kommt, dass die Krankheit sich in manchen Ländern angeblich so rapide ausbreitet.
Angenommen zu einem bestimmten Zeitpunkt gibt es 1000 HIV-Positive in einem Land. Diese haben täglich Sex und zwar immer mit einem anderen gesunden Partner. Dann gibt es nach 10 Tagen im Mittel 8 Neuinfizierte, nach 100 Tagen sind es rund 80, nach 1000 Tagen …? Tja, wie rechnet man das eigentlich? Die Neuinfizierten sollen in dem Modell dieselbe Promiskuität an den Tag legen und 500 von ihnen stecken in 10 Tagen vier weitere an.
Wie lange würde es dauern, bis eine Million Menschen HIV positiv sind?
Dieses Modell führt natürlich zu einer Minimalzeit, denn jeden Tag mit einem neuen gesunden Partner: das lässt sich wohl schwer organisieren und ist wohl in keinem Land die Norm.

Vielen Dank für Antworten, Tychi

Hallo Tychi!

Ich habe bei wikipedia gelesen, dass die
Ansteckungswahrscheinlichkeit bei ungeschütztem vaginalen GV
bei 0,08% liegt. Diese Zahl steht so nicht da, aber es ist ein
Bereich angegeben, in dessen Mitte 0,08 ungefähr liegen
sollte.

Hast du es hier ( http://de.wikipedia.org/wiki/Aids#Ansteckungswahrsch… )gelesen?

Da steht:

„ Ungeschützter vaginaler Geschlechtsverkehr mit einem HIV-positiven Partner ist mit einem Risiko einer HIV-Infektion von ca. 0,05 bis 0,15 % für die Frau, und von 0,03 bis (bei einer Studie mit nur 25 männlichen negativen hämophilen Teilnehmern zwischen 54 und 62 Jahren!) 5,6 % für Männer verbunden.

Das tatsächliche Risiko für nicht-hämophile Männer dürfte im Gegenteil sogar noch deutlich unter dem der Frau liegen, sich bei Vaginalverkehr mit HIV anzustecken.

Nun komme ich aber ins Grübeln, wie es kommt, dass die
Krankheit sich in manchen Ländern angeblich so rapide
ausbreitet.

Das wird wohl auch daran liegen, dass es in vielen dieser Länder weibliche Genitalverstümmelung gibt und/oder/(und auch deshalb) eine andere Sexualpraktik als der Vaginalverkehr bevorzugt wird und überhaupt (in allen Ländern) die meisten Menschen bisexuell sind, worüber sie aber ungern sprechen.

Gruß Gernot

Hallo Gernot,

überhaupt (in allen Ländern) die meisten
Menschen bisexuell sind

Wo hast du das denn her?

neugierige Grüße,

Ralph

Hallo Gernot

Hast du es hier (
http://de.wikipedia.org/wiki/Aids#Ansteckungswahrsch…
)gelesen?

Ja

Da steht:

„ Ungeschützter vaginaler Geschlechtsverkehr mit einem
HIV-positiven Partner ist mit einem Risiko einer HIV-Infektion
von ca. 0,05 bis 0,15 % für die Frau, und von 0,03 bis (bei
einer Studie mit nur 25 männlichen negativen hämophilen
Teilnehmern zwischen 54 und 62 Jahren!) 5,6 % für Männer
verbunden.

Das tatsächliche Risiko für nicht-hämophile Männer dürfte im
Gegenteil sogar noch deutlich unter dem der Frau liegen, sich
bei Vaginalverkehr mit HIV anzustecken.

Ich verstehe es so: Die Frau hat ein Risiko von 0,05 bis 0,15%.
Der Mann hat ein Risiko, das bei 0,03 beginnt. Ist der Mann zwischen 54 und 62 und hämophil (das heißt Bluter, richtig?), dann kann es einer Studie mit zu kleiner Stichprobe zufolge bei 5,6% liegen.
Auf 0,08% komme ich, wenn ich 0,03 bis 0,15 als normales Spektrum ansehe und nicht nach Geschlechtern differenzieren möchte.

Nun komme ich aber ins Grübeln, wie es kommt, dass die
Krankheit sich in manchen Ländern angeblich so rapide
ausbreitet.

Das wird wohl auch daran liegen, dass es in vielen dieser
Länder weibliche Genitalverstümmelung gibt und/oder/(und auch
deshalb) eine andere Sexualpraktik als der Vaginalverkehr
bevorzugt wird und überhaupt (in allen Ländern) die meisten
Menschen bisexuell sind, worüber sie aber ungern sprechen.

Genitalverstümmelung mag eine Rolle spielen, ist aber doch zu selten um wirklich ins Gewicht zu fallen, zumal Aids sich in Asien und Osteuropa angeblich auch schnell ausbreitet.

Mich interessiert aber auch der mathematische Aspekt.

Gruß, Tychi

Hallo.

Mich interessiert aber auch der mathematische Aspekt.

Ein Wetteinsatz: es liegt mehr ein Netzwerkeffekt vor.
Soll heissen, HIV-Positive haben mehr Kontakte (und damit potentiellen Empfänger) als Nichtinfizierte.

mfg M.L.

Nochmal die Frage

Hallo.

Mich interessiert aber auch der mathematische Aspekt.

Ein Wetteinsatz: es liegt mehr ein Netzwerkeffekt vor.
Soll heissen, HIV-Positive haben mehr Kontakte (und damit
potentiellen Empfänger) als Nichtinfizierte.

Hallo Markus,

Aber doch wohl nicht mehr als in meinem Modell. Wie geht die Rechnung dafür? Wie lange dauert es bei den gemachten Annahmen, bis aus 1000
1 Mio. Infizierte werden?

Gruß, Tychi

Hi…

Ich habe bei wikipedia gelesen, dass die
Ansteckungswahrscheinlichkeit bei ungeschütztem vaginalen GV
bei 0,08% liegt.

Angenommen zu einem bestimmten Zeitpunkt gibt es 1000
HIV-Positive in einem Land. Diese haben täglich Sex und zwar
immer mit einem anderen gesunden Partner.

Tja, wie rechnet man das eigentlich?

Mathematisch ist das nichts anderes als die altbekannte Zinseszinsrechnung:

n = n0 * zt

Also für Dein Beispiel
n = 1000 * 1.0008Anzahl Tage
Das ergibt eine Verdoppelung der Zahl der Infizierten in 867 Tagen.

genumi

Hallo Gernot,

überhaupt (in allen Ländern) die meisten
Menschen bisexuell sind

Wo hast du das denn her?

„Im Iran gibt es keine Homosexuellen“ :wink:

Da stimmt was nicht
Hallo genumi

Mathematisch ist das nichts anderes als die altbekannte
Zinseszinsrechnung:

n = n0 * zt

Also für Dein Beispiel
n = 1000 * 1.0008Anzahl Tage
Das ergibt eine Verdoppelung der Zahl der Infizierten in 867
Tagen.

Oh, das ist aber peinlich. Dass ich das selbst nicht erkannt habe. Ich glaube, ich habe meinen geistigen Zenith überschritten.

Nach der Formel würde es 23 Jahre dauern bis aus den 1000 1 Mio geworden sind und 36 Jahre bis wir die gegenwärtigen 40 Mio weltweit haben.
So, nun gibt es Aids offiziell aber erst seit 26 Jahren. Außerdem sind die Annahmen ziemlich extrem: jeden Tag einen neuen gesunden Partner. Eine Anfangsgröße von 1000 Infizierten ist aber für das Jahr 1981 wohl zu niedrig, da gab es sicher schon mehr. Dafür sind aber „unterwegs“ schon ein paar Millionen gestorben. Also die versteckte Annahme, dass jeder Infizierte jahrzehntelang täglich seinen neuen Partner hat, d.h. nicht herausfällt, ist auch falsch.
Also ich denke, dass das Infektionsrisiko deutlich höher ist, als in dem Artikel angegeben. Wäre es nämlich wahr, dann gäbe es überhaupt keinen Grund in Deutschland wegen Aids ein Gummi zu benutzen. Die Wahrscheinlichkeit sich bei einem zufälligen Partner anzustecken wäre 0,0008*relativer Häufigkeit einer Aidsinfektion, also extrem niedrig.

Was meint ihr?

Gruß, Tychi

Hallo Ralph,

überhaupt (in allen Ländern) die meisten
Menschen bisexuell sind

Wo hast du das denn her?

Die These habe ich von einer Lehrerin, die sie in den siebziger Jahren im Deutschunterricht vertrat (auch nur wiedergab) Da ich selbst schwul lebe, treffe ich nachts im Park auch immer wieder auf eine große Anzahl lebendiger Beweise.

Ich habe aber für dich gerade auch mal nach einem Beleg gesucht und ihn hier gefunden:

„Sigmund Freud stellte die These auf, dass im Grunde jeder Mensch bisexuell sei. Gesellschaftliche Zwänge und Tabus führten aber häufig zur Verdrängung des homosexuellen Anteils ins Unbewusste.”
http://de.wikipedia.org/wiki/Bisexualit%C3%A4t#Verha…

Im gleichen Wikipediaartikel steht ganz oben übrigens:

„Obwohl es keine Voraussetzung für die Bisexualität ist, seine Neigung auszuleben, werden in der Regel nur solche Menschen als bisexuell bezeichnet, die mit Personen beiderlei Geschlechts sexuelle Beziehungen oder Partnerschaften einzugehen bereit sind.”

Ich glaube, homosexuelle und heterosexuelle Präferenzen sind in einem linearen Kontinuum unterschiedlicher Prozentsätze auf alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht verteilt. Bei Schwulen und Lesben überwiegen die homosexuellen Anteile derart, dass sie sich in der Praxis nur ein homosexuelles Leben vorstellen können.

Wenn jemand aber zu wirklich gleichen Teilen homo- und heterosexuell ist wird er/sie aufgrund seiner/ihrer Sozialisation wahrscheinlich nur Heterosexualität praktizieren und wahrscheinlich noch nicht einmal bemerken, dass ihm/ihr etwas fehlen könnte.

Gruß Gernot

Hallo Tychi,

der von Dir gesuchte funktionale Zusammenhang wird so einfach nicht zu erreichen sein, denn Du musst viel zu viele Annahmen da hinein stecken und wirst daher wahrscheinlich nicht auf belastbare Resultate kommen.
Wenn Du die Ausbreitungsgeschwindigkeit abschätzen willst, dann schau’ Dir doch einfach die amtlichen Zahlen an. Auch damit wird es schwer, denn Du müsstest ziemlich genau über das Sexualverhalten HIV-positiver Bescheid wissen. Wie viele sexuelle Kontakte haben sie? Wie verantwortungsbewusst sind sie? Wie gross ist der Zeitraum zwischen Infektion und Diagnose und wieviele Partner hatte man da?

Man könnte aber folgende Rechnung anstellen:

  • Die mittlere Zeitspanne einer unentdeckten HIV Infektion beträgt 2 Jahre.
  • Der Durschnittsbürger hat 6x Sex pro Monat
  • Die Infektionsrate in Deutschland beträgt 2500 pro Jahr auf 80 Millionen = 0.003%
  • Ab der Diagnose findet nur noch geschützer Sex statt.

Dann kann man sagen, dass es ca. 5000 Menschen gibt die nichts von ihrer Diagnose wissen. Diese habe zusammen pro Jahr 360.000 sexuelle Kontakte, was wiederum zu 2500 Ansteckungen führt und damit ein mittleres Ansteckungsrisiko von 0,69% ergibt.

Diese Zahl beinhaltet jetzt aber auch homosexuelle Kontakte sowie andere Übertragungswege neben Vaginalverkehr.
Das scheint also ziemlich gut mit den Werten aus Wikipedia übereinzustimmen.

Gruss
Tom

Hallo Tom

Man könnte aber folgende Rechnung anstellen:

  • Die mittlere Zeitspanne einer unentdeckten HIV Infektion
    beträgt 2 Jahre.
  • Der Durschnittsbürger hat 6x Sex pro Monat
  • Die Infektionsrate in Deutschland beträgt 2500 pro Jahr auf
    80 Millionen = 0.003%
  • Ab der Diagnose findet nur noch geschützer Sex statt.

Dann kann man sagen, dass es ca. 5000 Menschen gibt die nichts
von ihrer Diagnose wissen. Diese habe zusammen pro Jahr
360.000 sexuelle Kontakte, was wiederum zu 2500 Ansteckungen
führt und damit ein mittleres Ansteckungsrisiko von 0,69%
ergibt.

Das scheint mir eine schlaue Herangehensweise zu sein. Der Wert 0,69% ist aber deutlich höher als 0,08%. Er führt in meinem Modell schon nach gut 4 Jahren zu 40 Mio Infizierten (ausgehend von 1000) und nicht erst nach 36 Jahren wie 0,08%.

Gruß, Tychi

Da stimmt noch viel mehr nicht
Hallo,

nachdem der mathematische Aspekt schon genannt wurde, hier ein paar Anmerkungen, die meiner Meinung nach das Problem dominieren.
(…)

So, nun gibt es Aids offiziell aber erst seit 26 Jahren.

Alphastrahlung gibt es offiziell erst seit ca. 100 Jahren.
Du verstehst?

Außerdem sind die Annahmen ziemlich extrem: jeden Tag einen
neuen gesunden Partner. Eine Anfangsgröße von 1000 Infizierten
ist aber für das Jahr 1981 wohl zu niedrig, da gab es sicher
schon mehr.

Es könnten 10 Millionen gewesen sein, und AIDS an sich könnte es seit 100 Jahren schon gegeben haben. Woher soll man das wissen?
Bei derart unspezifischen Krankheitszeichen und derart astronomischen Inkubationszeiten (die auch noch extrem streuen) sind das durchaus diskutable Zahlen.
Die Messverfahren wurden immer besser, und die Anzahl Messungen dürften über die Jahre stark gestiegen sein.
Dies trägt beträchtlich zur „Ausbreitungsgeschwindigkeit“ bei.
Derartige Artefakte trifft man überall an.

Die von dir genannten „niederen“ Wahrscheinlichkeiten könnten auch erklären, dass die vor 20 Jahren prognostizierten Horror-Ausbreitungsszenarien nicht annähernd eingetroffen sind.

Ich persönlich halte es für möglich, dass AIDS sich gar nicht „wirklich“ ausbreitet.

Gruss,
TR

Hallo Tychi,

ich denke, du musst in der Praxis in fast allen Gesellschaften von Gruppen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen:

Hochrisikogruppen (z.B. promiskuide Schwule, Drogenabhängige) haben eine hohe Ausbreitungsrate, aber wenn 70% oder so infiziert sind, tritt natürlich ein Sättigungseffekt ein. In der „normalen“ Bevölkerung ist das HIV-Risiko dagegen statistisch ein ziemlich untergeordnetes Problem, das dürfte der Zustand in den westlichen Wohlstandsgesellschaften sein. Wenn die Gesellschaft Glück hat, bleibt HIV weitgehend auf die Risikogruppen beschränkt.

Je nach Gesellschaftstruktur kommt es natürlich darauf an, welche Kontakte zwischen den Gruppen mit prinzipiell unterschiedlichem Risiko bestehen. In Afrika und manchen Gegenden Südostasiens führt die grosse Verbreitung der Prostitution zur Risiko-Verbreitung, und in Afrika hat z.B. das Märchen katastrophale Auswirkungen, dass man AIDS heilen könnte, indem man eine Jungfrau vergewaltigt (anders kann man das wohl kaum bezeichnen). Viele Afrikaner lehnen die Bekämpfung von HIV ja grundsätzlich ab.

Für deine Fragestellung bräuchtest du also mehrere vernetzte Rechenmodelle.

Gruss Reinhard