Ausgestorbene Tiere?

Hallo Liste!

Wie viele Tierarten sind wohl schon ausgestorben, seit der Mensch auf der Erde den Ton angibt? Wie viele sterben derzeit aus? Mit welcher Geschwindigkeit?
Es kursieren ja viele Gerüchte und Meinungen. Hier eine kleine Auswahl, entnommen einem ZEIT-Artikel aus 2001 (http://www.fdp-nds.de/hildesheim/regionales/text/468…):
Eine Art pro Jahr (Worldwatch Institute),
130 pro Tag (Bundesumweltministerium z.Zt.von Angela Merkel als Ministerin),
8 pro Minute (UNEP),
1,5 Millionen Arten bis zum Jahr 2020 (NABU),
3 Arten pro Stunde („Mister Biodiversity“ Edward Wilson),
611 Tier- und 396 Pflanzenarten seit dem Jahre 1600 (World Conservation Monitoring Centre (WCMC)), davon die meisten im 19. und 20.Jh.

Bei letztgenannter Rechnung (nicht Schätzung, wie die andern!) frage ich mich allerdings, wie diese so genauen Zahlen zustande kamen? Der Artikel erwähnt, dass 90% des Regenwaldes an der brasilianischen Atlantikküste im 19.Jahrhundert abgeholzt worden seien, aber keine einzige Art bekannt sei, die dadurch ausgerottet wortden wäre. Weiss denn ein Mensch, welche Arten in diesen Wäldern gelebt haben? Keiner hat´s notiert, und die Indianer, die´s gewusst hätten, sind ebenfalls verschwunden (= ausgerottet? Das wär dann schon mal eine Art…).
Der Artikel erwähnt auch die Massaker, die europäische Seefahrer unter den Inselpopulationen aller Weltmeere anrichteten. 3 der ursprünglich 14 Schildkrötenarten auf den Galapagos-Inseln sind schon ausgestorben, von einer weiteren existiert nur noch ein Exemplar, „Lonely George“. Vom Dodo weiss jeder, aber wie viele Tierarten gab´s auf Mauritius ausserdem, die einfach unbemerkt verschwunden sind? Und die anderen zigtausend Inseln? Worst case Szenario? Also, ich weiss nicht…eher angewandte Logik, oder?

I declare the discussion opened!

VG
Christian

Hallo Christian,

erst diesen Oktober hat es hier eine sehr ähnliche Anfrage gegeben. Meine damalige Antwort:

In den letzten 10 bis 15 Jahren habe ich mich öfters mit diesem Thema beschäftigt. Mein derzeitiges Ergebnis ist, dass diese Zahlen hochgradig hypothetisch sind. Es ist nicht bekannt wie viele Tier- und Pflanzenarten existieren. Die Schätzungen gehen von wenigen Millionen bis in den dreistelligen Millionenbereich! Nur für einen verschwindend kleinen Anteil aller Arten ist bekannt, welche Lebensansprüche sie haben - entsprechend weiss man nicht, welches Maß an Lebensraumzerstörung von ihnen noch toleriert wird. Die Behauptung „alle 20 Min. (=72 Arten pro Tag = 26.280 pro Jahr)“ beruht offenbar auf Rechnungen mit zwei, höchstwahrscheinlich noch weit mehr Unbekannten. Mit Sicherheit weiß ich, dass nur von ein sehr kleiner Teil dieser Arten (seien es pro Jahr nun 26.280 oder nur ein paar 1.000 oder 100) wissenschaftlich beschrieben ist, also einen Namen besitzt. Einige frisch ausgerottete Arten besitzen zwar einen Namen, ihr Zerschwinden wir aber selbst in den kommenden Jahrzehnten nicht bemerkt werden. Von vielen Organismengruppen gibt es weltweit nur eine Handvoll Experten - oder auch überhaupt keinen mehr.
Die mit Abstand am besten erforschte Tiergruppe sind die Vögel. Es gibt etwa 9000 Arten von denen im Jahr 1988 1078 Arten (12 %) in der weltweiten Roten Liste aufgeführt werden. Allerdings entfielen damals nur 247 Arten (2,7 %) in Rubriken, die man als „Mit großer Wahrscheinlichkeit hochgradig bedroht“ umschreiben kann. Über die Mehrzahl (min. 63 % der aufgeführten Arten = 7,6 % der Arten weltweit) wußte man nicht genug. Ich denke nicht, dass sich das in den vergangenen 15 Jahren wesentlich verbessert hat.
Ob man die (noch relativ sehr hochwertigen!) Zahlen aus der Vogelwelt auf andere Tiergruppen übertragen darf, ist schwer zu entscheiden. Zum Beispiel ist die Tierfauna der Tiefsee vermutlich noch kaum oder gar nicht menschlichen Einflüssen ausgesetzt. Andererseits gibt es offenbar hochempfindliche Tiergruppe. Das schlimmste Beispiel ist das anhaltende Aussterben bestimmter Froschgruppen in den tropischen und subtropischen Regionen.
Öfters wird auch behauptet, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte die Hälfte aller Arten vernichtet wird. Ich vermute, dass da irgendwelche Leute die hypothetischen Jahresraten auf die bisher beschriebenen Artenzahlen (irgendwo zwischen 1,5 - 3 Millionen) übertragen haben. Wenn diese Vermutung richtig ist, wäre das ein grober Fehler.

Insgesamt wird m. E. in einigen(!) Bereichen des Natur- und Artenschutz erstaunlich sorglos mit Statistiken umgegangen. Im Bereich der Sozialwissenschaften, Volkswirtschaft oder Medizin wäre so etwas nicht möglich bzw. mit einem Karriereende verbunden. Der Grund für diesen Unterschied ist wohl, dass sogar weltweit ein relativer Konsens darüber besteht, dass die Natur schützenswert ist. Unstimmigkeiten bestehen nur darüber, wer für was verantwortlich ist und wie viel es kosten darf.

Schöne Grüße, Eckhard

erst diesen Oktober hat es hier eine sehr ähnliche Anfrage
gegeben. Meine damalige Antwort:

In den letzten 10 bis 15 Jahren habe ich mich öfters mit
diesem Thema beschäftigt. Mein derzeitiges Ergebnis ist, dass
diese Zahlen hochgradig hypothetisch sind. Es ist nicht
bekannt wie viele Tier- und Pflanzenarten existieren. Die
Schätzungen gehen von wenigen Millionen bis in den
dreistelligen Millionenbereich!

Insgesamt wird m. E. in einigen(!) Bereichen des Natur- und
Artenschutz erstaunlich sorglos mit Statistiken umgegangen. Im
Bereich der Sozialwissenschaften, Volkswirtschaft oder Medizin
wäre so etwas nicht möglich bzw. mit einem Karriereende
verbunden. Der Grund für diesen Unterschied ist wohl, dass
sogar weltweit ein relativer Konsens darüber besteht, dass die
Natur schützenswert ist.

Hallo Eckhard,

mich würde interessieren, ob Dir etwas über die Liste der ausgestorbenen Tier-/Pflanzenarten bekannt ist, von der in dem Artikel die Rede ist, den Christian verlinkte,.

In dem Artikel heißt es :

Die Buchhaltung des internationalen Naturschutzes wird in Cambridge geführt, beim World Conservation Monitoring Centre (WCMC). Nach offizieller WCMC- Liste starben 611 Tier- und 396 Pflanzenarten seit dem Jahre 1600 aus. Die meisten davon jedoch nicht in der Gegenwart, sondern im 18. und 19. Jahrhundert.

Gibt es einen Link auf jene Liste ?

Hallo Eckhard,

mich würde interessieren, ob Dir etwas über die Liste der
ausgestorbenen Tier-/Pflanzenarten bekannt ist, von der in dem
Artikel die Rede ist, den Christian verlinkte,.

In dem Artikel heißt es :

Die Buchhaltung des internationalen Naturschutzes wird in
Cambridge geführt, beim World Conservation Monitoring Centre
(WCMC). Nach offizieller WCMC- Liste starben 611 Tier-
und 396 Pflanzenarten seit dem Jahre 1600 aus. Die meisten
davon jedoch nicht in der Gegenwart, sondern im 18. und 19.
Jahrhundert.

Gibt es einen Link auf jene Liste ?

Hallo Bell,

eine späte, vielleicht auch etwas unbefriedigende Antwort.
Ich kenne kein derartigen Link. Es muss auch nicht sein, dass diese Liste überhaupt auf irgendeine Art im Internet verfügbar ist.

Was ich noch kommentieren möchte:

Nach offizieller WCMC- Liste starben 611 Tier-
und 396 Pflanzenarten seit dem Jahre 1600 aus. Die meisten
davon jedoch nicht in der Gegenwart, sondern im 18. und 19.
Jahrhundert.

Zumindest bei den besagten ausgestorbenen Tierarten handelt es sich bei mindestens 80 % um die Bewohner von Inseln (Def. = Größe von Neuseeland und kleiner). Besagte Inseln als auch die Ausnahmen auf den Kontinenten lagen überwiegend im massiven Siedlungsbereich der europäischen Kultur (Inseln: Karibik, Südsee, Hawaii, Kanaren, Mauritius etc. // Kontinent: Osten Nordamerikas, Kapregion Südafrikas, südliches Australien etc.).
Dieses war eine erste Aussterbewelle etwas zwischen 1750 bis 1950. Einerseits waren dann besonders empfindliche Arten verschwunden, andererseits begannen in den betroffenen Gebieten wirkungsvolle Schutzmassnahmen.
Bei den Vögel ist eventuell zwischen 1945 bis 1986 (Atitlantaucher in Guatemala) keine Art ausgestorben. Von den etwa 120 Vogelarten, die als „Kritisch gefährdet“ eingestuft sind, wird jedoch wohl der größte Teil in 30 Jahren nicht mehr existieren. Wir stehen offenbar am Anfang einer zweiten menschlich bedingten Aussterbewelle. Besonders betroffen sind dabei u. a. Hawaii, viele weitere Südsee-Inseln, die Phillippinen, das südliche Brasilien und Madagaskar.
Sehr gute Informationen kann man bei „Birdlife International“ www.birdlife.org finden.

Die beiden dringendsten Maßnahmen gegen diese zweite Aussterbewelle wären: 1. die Einrichtung von effizient beschützten Reservaten an besonders empfindlichen Punkten und 2. die massive Bekämpfung eingeschleppter Tier- und Pflanzenarten - insbesondere auf Inseln.

Schöne Grüße, Eckhard