Hallo, Carsten,
eigentlich gehört meine Frage eher nach Soziologie, aber ein
solches Brett gibt es nicht. Und da „Sonstiges“ abgeschafft
wurde, versuche ich es hier.
es handelt sich durchaus um ein Thema, mit dem sich die Psychologie seit langer Zeit beschäftigt.
Aber ich verstehe es trotzdem nicht: Warum
sich gegen Menschen wenden, die unser Land oder unserer
Wirtschaft Gutes tun?
Das ausländerfeindliche Verhalten hat keine direkt rationale Grundlage, sondern beruht auf der uns Menschen gemeinsamen Bevorzugung der Eigengruppe. Die Eigengruppe ist die soziale Gruppe, deren wir uns zugehörig fühlen. Sie gibt uns das Gefühl, daß wir einen (mehr oder minder) sicheren Platz in der (sozialen) Welt haben. Über die Mitgliedschaft zu ihr entwickelt sich unsere soziale Identität. Von unserer sozialen Identität hängt wiederum unser Selbstwertgefühl ab.
Wir Menschen tendieren dazu, unser Selbstwertgefühl dadurch zu steigern, daß wir das Verhalten und die Leistungen anderer Menschen abwerten. Da Selbstwertgefühl und soziale Identität von der Mitgliedschaft in der Eigengruppe abhängen, werden Fremdgruppen (Gruppen, denen wir nicht angehören) und ihre Mitglieder leicht das Ziel dieser Abwertungstendenz. Insbesondere Mitglieder von Gruppen mit niedrigem Status (aus den unteren sozialen Schichten), die aus ihrer Gruppenmitgliedschaft wenig Selbstwertgefühl schöpfen können und wenig andere Möglichkeiten haben, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, tendieren besonders stark dazu, andere Gruppen und ihre Mitglieder abzuwerten, um auf diese ihnen verbleibende Möglichkeit ein für sie erträgliches Selbstwertgefühl zu gewinnen.
Eine Möglichkeit, dieser Tendenz der Abwertung entgegenzuwirken, ist es, Eigen- und Fremdgruppen neu zu definieren: Statt beispielsweise den Fußballspieler Asamoah als „Ausländer“ und damit Fremdgruppenmitglied zu betrachten, kann man darauf hinwirken, daß Spieler, die eine andere Hautfarbe haben oder die aus einem anderen Staat nach Deutschland gekommen sind, als Mitglieder der Eigengruppe und damit zu uns gehörig anzusehen. Die Schwierigkeit, dies in der Realität zu verwirklichen, dürfte wohl darin bestehen, daß Sprache und Hautfarbe für die Gruppe „Wir Deutsche“ charakteristische Merkmale sind. Dadurch wird es erschwert, beispielsweise die Vorstellung von Asamoah als „typischen Deutschen“ zu verinnerlichen - und er bleibt für viele gefühlsmäßig leider doch ein „Ausländer“.
Grüße,
Oliver Walter