Ausländerfeindlichkeit

Hallo,

eigentlich gehört meine Frage eher nach Soziologie, aber ein solches Brett gibt es nicht. Und da „Sonstiges“ abgeschafft wurde, versuche ich es hier.

Ein wesentliches Argument für Ausländerfeindlichkeit, so habe ich oft gelesen, ist die Meinung: Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Dass das faktisch nicht oder nur in seltenen Fällen stimmt, ist Menschen, die arbeitslos sind, sicher schwer zu vermitteln, besonders wenn sie unterhalb eines gewissen Bildungs-Mindest-Niveaus befinden. So gesehen kann ich die Leute durchaus verstehen, was nicht bedeuten soll, dass ich ihre Einstellung für richtig oder berechtigt halte.

Was ich aber absolut nicht verstehe, ist: Warum pöbeln die Leute ausländische Bundesligaspieler an, die ihrem (deutschen) Verein beim Toreschießen helfen? Warum ausländische Touristen (z. B. auf Usedom), die die (deutsche) Touristenwirtschaft fördern?

Nun ja, in beiden Fällen handelt es sich um Farbige. Ausschreitungen dieser Art z. B. gegen Engländer, Franzosen oder Polen, also Menschen, die uns ähnlich sehen, habe ich noch nie gehört. Aber ich verstehe es trotzdem nicht: Warum sich gegen Menschen wenden, die unser Land oder unserer Wirtschaft Gutes tun?

Grüße
Carsten

hi carsten,

meiner ansicht nach ganz einfach: andere abwerten um sich selbst aufzuwerten.
die form hat viele gesichter. bewerten hat oft die funktion sich selbst zu stärken - die position, das selbstwertgefühl, nach unten treten fühlt sich für viele gut an - vor allem wenn sie eine niederlage erlebt haben.
manche verlieren ein spiel, andere haben keinen job, der nächste fühlt sich nicht so attraktiv (das nennt man dann lästern:wink: ) - es geht also um mangeldes selbstwertgefühl und auch z.b beim spiel wie bei dem fussballspiel um die unfähigkeit sich für die eigene schlechte leistung verantwortlich zu fühlen - da macht es sich „gut“ wenn das gegenüber aus irgeneinem grunde schuldig ist oder zumindest mies, unfair oder sonstwas… nicht bemerkend, dass die person selbst genau das ist was sie vom gegenüber gerade denkt.

natürlich gibts da feine unterschiede, aber im streit zwischen menschen, privat, in der beziehung oder im job - aus meiner sicht ähneln sich diese unterschiedlichen situationen sehr oft - wenn eben der eine den anderen beschuldigt ohne dein eigenanteil zu bedenken und eigentlich nur eines im sinn hat (sich dessen freilich nicht bewusst ist), „besser“ zu sein als das gegenüber der ja gerade zum „feind“ geworden ist aus der unreflektierten sicht und gefühlswelt des jenigen der sich eigentlich wie ein opfer fühlt aber selbst gerade täter ist einer person gegenüber die kein täter war und ist.

ob ausländerfeindlichkeit, mobbing, machtspiele in beziehungen oder freundschaften oder gar mit fremden wie nachbarn - es geht immer um die eigenen ängste die auf das gegenüber übetragen werden um nicht aushalten können was gerade geschehen ist, nicht ertragen können, selbst versagt zu haben oder etwas als versagen zu betrachten was es evtl nichtmal ist. sich also gröser fühlen wollen als man sich fühlt.
und nat. angst vor dem anderen weil er/sie anders ist als man selbst, man im grunde keine ahnung hat (davon dann aber oft um so mehr), dinge fehleinschätzt (wie du schon sagtest z.b bei ausländerfeindlichkeit der spruch - sie nähmen den deutschen die arbeit weg - auch so eine mähr)

in unserer gesellschaft ist es leider kein bestandteil der erziehung sich selbst kennenzulernen, sich selbst zu ergründen, bei sich anzufangen und bei sich zu bleiben - kein wunder also wenn die masse der menschen in nahezu allen belangen des lebens die verantwortung für alles und nichts im eigenen leben stets bei anderen sucht und dann nat. auch findet. - dieser aus meiner sicht massive fehlblickwinkel wäre zwar änderbar, aber dazu würde jemand erkenntnisse benötigen damit ein lernprozess in gane käme und ich für meinen teil bin hier pessimistisch zu hoffe, dass der wille dahingehend allg. weit zu verbreiten wäre - maximal über viele generationen hinweg.

LG
nina

Hallo,

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es in den meisten Kulturen
gewissermaßen eine Art Abneigung gegen „fremdes Erbgut“ gibt. Auch
wenn wir Mischlingskinder als niedlich und exotische Frauen als
erotisch bezeichnen, so hält sich die Experimentierfreudigkeit im
eigenen familiären Bereich in Grenzen. Zu ähnliche (Inzest) und zu
fremde Gene gefährden den „Fortpflanzungserfolg“. Der biologisch
ideale Partner soll sich zwar deutlich unterscheiden, aber bitte auch
nicht zu verschieden sein. Nur so bekommen die Nachkommen einen
optimalen Gen-Mix in die Wiege gelegt.

Vor einiger Zeit hatte der Konzern „Hoechst“ eine Werbekampagne
entwickelt, in der 3 Kinder abgebildet waren: ein asiatisches, ein
afrikanisches, ein europäisches. Am Tachiskop war jeder vierte
Betrachter unangenehm berührt, wenn er das Bild für eine 500stel sek.
„ansah“. Als man das afrikanische Kind wegretuschierte, war es nur
noch jeder Zehnte. Sobald die Anzeige nach etwas längerer
Belichtungszeit bewusst erkannt wurde, gab es keine negativen
Äußerungen mehr. Rassenvorurteile oder Ablehnung von Fremdem
verletzen die bei uns erwünschten Normen. So siegt unser Verstand,
sobald wir das Bild bewusst erkennen.

Was ich aber absolut nicht verstehe, ist: Warum pöbeln die
Leute ausländische Bundesligaspieler an, die ihrem (deutschen)
Verein beim Toreschießen helfen? Warum ausländische Touristen
(z. B. auf Usedom), die die (deutsche) Touristenwirtschaft
fördern?

Seien wir mal ehrlich: es sind ja doch eine gewisse Klientel von
Menschen, die ein solches Verhalten an den Tag legen. Bei denen
handelt es sich um Menschen, die die Fremdheit intuitiv erfassen, die
aber nicht gelernt haben, sich explizit Gedanken zu machen, ob ihre
angeborene Angst vor dem Fremden begründet ist.
Sprich: sie denken nicht nach. Sie würden immer einen Grund finden,
dieses Fremde auf Abstand zu halten. Und da heute der allgemeine
Tenor dahin geht, dass man Ausländer beschuldigt, die Arbeitsplätze
wegzunehmen, beschuldigt diese Klientel eben auch jene Ausländer, die
rein gar nichts mit „unseren“ Arbeitsplätzen zu tun hat. Es ist
nichts weiter als ein „Sich-das-Fremde-auf-Distanz-halten“. Eine
reichlich dumme Art, darüber sind wir uns ja schließlich einig.

Judy

[offtopic]
Hi,

eigentlich gehört meine Frage eher nach Soziologie, aber ein
solches Brett gibt es nicht. Und da „Sonstiges“ abgeschafft
wurde, versuche ich es hier.

wie wäres mit Sozialwissenschaften?

Gruß
Cess

Hallo, Carsten,

eigentlich gehört meine Frage eher nach Soziologie, aber ein
solches Brett gibt es nicht. Und da „Sonstiges“ abgeschafft
wurde, versuche ich es hier.

es handelt sich durchaus um ein Thema, mit dem sich die Psychologie seit langer Zeit beschäftigt.

Aber ich verstehe es trotzdem nicht: Warum
sich gegen Menschen wenden, die unser Land oder unserer
Wirtschaft Gutes tun?

Das ausländerfeindliche Verhalten hat keine direkt rationale Grundlage, sondern beruht auf der uns Menschen gemeinsamen Bevorzugung der Eigengruppe. Die Eigengruppe ist die soziale Gruppe, deren wir uns zugehörig fühlen. Sie gibt uns das Gefühl, daß wir einen (mehr oder minder) sicheren Platz in der (sozialen) Welt haben. Über die Mitgliedschaft zu ihr entwickelt sich unsere soziale Identität. Von unserer sozialen Identität hängt wiederum unser Selbstwertgefühl ab.

Wir Menschen tendieren dazu, unser Selbstwertgefühl dadurch zu steigern, daß wir das Verhalten und die Leistungen anderer Menschen abwerten. Da Selbstwertgefühl und soziale Identität von der Mitgliedschaft in der Eigengruppe abhängen, werden Fremdgruppen (Gruppen, denen wir nicht angehören) und ihre Mitglieder leicht das Ziel dieser Abwertungstendenz. Insbesondere Mitglieder von Gruppen mit niedrigem Status (aus den unteren sozialen Schichten), die aus ihrer Gruppenmitgliedschaft wenig Selbstwertgefühl schöpfen können und wenig andere Möglichkeiten haben, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, tendieren besonders stark dazu, andere Gruppen und ihre Mitglieder abzuwerten, um auf diese ihnen verbleibende Möglichkeit ein für sie erträgliches Selbstwertgefühl zu gewinnen.

Eine Möglichkeit, dieser Tendenz der Abwertung entgegenzuwirken, ist es, Eigen- und Fremdgruppen neu zu definieren: Statt beispielsweise den Fußballspieler Asamoah als „Ausländer“ und damit Fremdgruppenmitglied zu betrachten, kann man darauf hinwirken, daß Spieler, die eine andere Hautfarbe haben oder die aus einem anderen Staat nach Deutschland gekommen sind, als Mitglieder der Eigengruppe und damit zu uns gehörig anzusehen. Die Schwierigkeit, dies in der Realität zu verwirklichen, dürfte wohl darin bestehen, daß Sprache und Hautfarbe für die Gruppe „Wir Deutsche“ charakteristische Merkmale sind. Dadurch wird es erschwert, beispielsweise die Vorstellung von Asamoah als „typischen Deutschen“ zu verinnerlichen - und er bleibt für viele gefühlsmäßig leider doch ein „Ausländer“.

Grüße,

Oliver Walter

Bestimmt fehlt es hier an einigem mehr. Sich über ein Land oder eine Hautfarbe zu definieren ist schon ziemlich fehlgeschaltet.
Das Wort Toleranz scheint mir auch nicht zu gebrauchen, da man Dinge, die einen nicht unmittelbar betreffen ganz leicht tolerieren kann (nicht so sehr bei persönlicher Betroffenheit). Also, ob in Pusemuckel irgendein Fan für irgendwen ruft, interessiert mich soviel wie, dass der Metzger xy die Bäckerin mag.
Ganz anders ist es bei der Schuldsuche. Hier ist es leichter jemanden (Gruppe anderer Menschen) verantwortlich zu machen, als bei dem Punkt mit der Toleranz.
Man nehme eine Minimum an IQ oder EQ, lass sie andere ebensolche finden (das muss schon sein)… und du hast eine Gruppe die immer irgendetwas oder irgendwen finden wird, wogegen sie angehen wird.
Wenn man sonst nichts auf die Reihe bekommt…

Den Ausdruck (Eigen- und Fremdgruppen) fand ich ziemlich treffend…
Obwohl ich hier nicht die Integration von Ausländern (z.B. Asamoah) hervorheben würde, sondern eher einfach die Identifikation mit dem Wesen der Menschen (wie - die netten Italiener von nebenan sind wirklich toll – solche Menschen möchte ich um mich haben)

Viele Grüße, Jose

Frage

Sich über ein Land
oder eine Hautfarbe zu definieren ist schon ziemlich
fehlgeschaltet.

Warum?
Im Prinzip ist die Wahl der persönlichen Identifikationsgruppe doch beliebig und a priori nichts „falsches“. Ob ich jetzt mich über den Taubenzüchterverein, die Jogagruppe, die Hautfarbe, den Kleidungsstil oder die Sprache definiere ist zunächst privates Vergnügen. Alleine wertungsmäßig interessant ist doch das Verhalten gegenüber der jeweiligen Fremdgruppe. Ich zum Beispiel identifiziere mich durchaus u.a. als Deutscher und als Hellhäutiger und meine, dabei nicht „fehlgeschaltet“ zu sein, da diese Identifikationsgruppen für meine Person neben vielem anderen auf der Hand liegen.

Grüße
Jürgen

Bestimmt fehlt es hier an einigem mehr. Sich über ein Land
oder eine Hautfarbe zu definieren ist schon ziemlich
fehlgeschaltet.

Es ist menschlich. Sicherlich wird niemand ernsthaft behaupten wollen, daß beispielsweise die Identifikation mit dem eigenen Land bei der Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr, z.B. über das Anbringen der Nationalflagge an Haus und Auto, Ausdruck von „Fehlgeschaltetsein“ war. Und wenn man Menschen bittet, einen Deutschen zu zeichnen, werden die meisten - egal ob Deutsche oder Nichtdeutsche - keinen dunkelhäutigen Menschen malen.

Das Wort Toleranz

Mit Toleranz hat das zunächst nichts zu tun, sondern damit, daß wir Menschen notwendigerweise unsere Vorstellungen von unserer Umwelt, zu der auch andere Menschen gehören, vereinfachen und nicht in allen Details gerecht werden (können).

Man nehme eine Minimum an IQ oder EQ, lass sie andere
ebensolche finden (das muss schon sein)… und du hast eine
Gruppe die immer irgendetwas oder irgendwen finden wird,
wogegen sie angehen wird.
Wenn man sonst nichts auf die Reihe bekommt…

Ja, denn gerade Mitglieder von Gruppen mit niedrigem Status (z.B. aus unteren sozialen Schichten oder aus bildungsfernen Schichten) sind anfällig dafür, Mitglieder anderer Gruppen abzuwerten, weil sie im Mittel wenige andere Möglichkeiten haben, ihr Selbstwertgefühl auf ein durchschnittliches Maß zu heben. Wenn dann noch ein Mitglied einer anderen Gruppe, z.B. ein „Ausländer“, mehr Erfolg als sie hat, ist das Selbstwertgefühl solcher Menschen tendenziell recht stark angegriffen und die Diskriminierung kann groteske Züge annehmen (z.B. einen Affen imitieren und Bananen aufs Spielfeld werfen, wenn ein dunkelhäutiger Spieler den Platz betritt).

die netten
Italiener von nebenan sind wirklich toll - solche Menschen möchte
ich um mich haben

Ist doch eigentlich egal, ob die netten Nachbarn italienischer Abstammung sind, oder? :wink:

Grüße,

Oliver Walter

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Hierfür,
lieber Oliver,

Ist doch eigentlich egal, ob die netten Nachbarn italienischer
Abstammung sind, oder? :wink:

gibt es von mir, so wir uns denn doch mal auf einem Treffen treffen, einen extra Kuss!(wennstemagst)

anette

Hallo, Anette,

Ist doch eigentlich egal, ob die netten Nachbarn italienischer
Abstammung sind, oder? :wink:

gibt es von mir, so wir uns denn doch mal auf einem Treffen
treffen, einen extra Kuss!(wennstemagst)

das ist sehr lieb von Dir. Und wer weiß, vielleicht begegnen wir uns tatsächlich irgendwann einmal.

Bis dahin herzliche Grüße von

Oliver

Antwort
Es wundert mich, dass Du fragst „warum?“.
Trotzdem fällt es mir jetzt erst mal spontan schwer, es in Worte zu fassen…
Auch die Vorstellung mich über einen von Dir genannten Verein zu definieren kommt mir absurd vor. Sagen wir auf der Straße „Hallo J., es war gestern ein schöner Abend“ oder „Hallo Du vom Taubenzüchterverein/wer-weiß-was-Forum, es war gestern ein schöner Abend“.
Hier liegt für mich schon ein gravierender Unterschied „mich oder jemanden über etwas zu definieren“.
Ich bin ich und nicht der bei, oder zu!
Sicher hast Du recht, dass das Interesse an solchen Vereinen Privatsache ist, aber nur solange man andere nicht belästigt.
Auch wenn man Deutsche und hellhäutig ist… mich über Deutsche oder Hellhäutige zu identifizieren käme mir nicht in den Sinn. Ist das, was man sieht nicht absolut uninteressant??? Tut es gut/besser, wenn man gerade einen Hellhäutigen vor sich hat???
Vielleicht liegt die eigentliche Wahrheit in dem, dass man sich mit gar nichts wirklich identifizieren sollte, sondern alles nur Teilbeschreibungen einer selbst sein und bleiben sollten. Ich bin nett (manchmal auch nicht) weiß, deutsch, spiele gerne … mache gerne… mag… und alles in allem bin ich ich – nicht mehr oder weniger und möchte nicht mal mit irgendwem verglichen und erst recht nicht über irgendwas definiert werden!

V.G. Jose

Hallo Jose,

es gibt immer wieder Situationen im Leben, in denen es um ein „wir und die anderen“ geht (sprich Konkurrenzsituationen). Ob das jetzt der schönste/erfolgreichste Stand auf einem Dorffest ist, der Erfolg eines Vereins oder der wirtschaftliche Wettbewerb zweiter Standorte oder Unternehmen, ist egal.

Die Konkurrenz ist hierbei in meinen Augen natürlich und kann große, positive Kräfte freisetzen. Funktionieren tut es allerdings in der Regel nur über die klare Identifikation mit der Gruppe, zu der man sich zugehörig fühlt.

Dass das sicher keine einzelne Indentifikation sein kann, ist klar. Z.B. definiere ich mich zwar als Deutscher (und halte die Fahnen des gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Standorts im Ausland hoch), ich hätte aber natürlich keine Probleme z.B. mit einem Amerikaner beruflich in einem internationalen Konzern zusammenzuarbeiten, um ein deutsches Konkurrenzunternehmen zu toppen. Wenn ich allerdings bei innerbetrieblichen Konkurrenzsituationen mich zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Standort entscheiden müsste, wäre für mich klar, mit wem ich mich zunächst identifizieren würde.

Ich halte das - solange es ein fairer Wettbewerb ist - definitiv nicht für negativ.

Grüße
Jürgen

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