Ja (viel zu lang geworden)
Hi,
Ich würde das gerne zur Diskussion stellen.
Interessante Diskussionsanregung!
(Interessant wären besonders Internate, die eine verschärfte
Situation darstellen.)
damit kann ich Gott sei Dank nicht dienen 
Wenn nicht, was war bei dir anders? (Ich würde hinzufügen, daß
es neben Intelligenz noch andere Kriterien gibt, die ein Kind
ins Abseits stellen. Bei uns gab es eine richtige Liste der
Abschußkriterien, und jeder wußte genau wo er stand.)
Ich finde auch, dass die Analyse zu sehr auf den Nerd, also auf Intelligenz bzw. „Strebsamkeit“ ausgerichtet ist, was wohl auf deutsche Verhältnisse nicht zutrifft, zumindest sicher nicht auf meine eigenen Schulerfahrungen, aber auch nicht auf die aktuellen der Kinder meiner Ex-Freundin zum Beispiel.
Richtig ist aber, dass gute Noten einen doch ein bißchen dazu zwingen, sie mit Lässigkeit oder Sportlichkeit oder sonstigem „auszugleichen“.
Wenn du willst: Zu welcher sozialen Gruppe gehörtest du? Aus
welcher Perspektive schreibst du? (Ich war die meiste
Schulzeit über nach dieser Definition absolut ein Nerd
)
Bei mir war mein Platz immer stark davon abhängig, in welcher Klasse ich war, da ich im Grunde vier verschiedene Rangordnungskriterien erlebt habe (wobei ich diesen „amerikanischen“? Nerd so nicht kenne):
5.-6. war ich Klassensprecher, geordnet wurde irgendwie nach Kriterien wie „bei Schlägerein gewinnen“, „Mädchen verarschen“, „gut Fußball spielen“, aber auch „schlau sein“; mein Schlagwort war „lieber fegen (Leute dumm anmache) als ficken“, und dementsprechend war ich recht beliebt.
7.-9. war ich im unteren Drittel, weil vornehmlich nach In-group und Out-group stratifiziert wurde, und der Zugang zur In-Group sehr viel mit dem Wohnort und dem außerschulischen Bekanntenkreis zu tun hatte.
Da ich damals nicht in eine Parallelklasse wechseln konnte, und als Kleinstädter auch nicht auf eine andere Schule, habe ich mich durchfallen lassen (nicht nur deshalb, aber das war der ausschlaggebende Punkt; ich kann mich noch ganz genau an die entscheidene Mathe-Schulaufgabe erinnern, in der ich ne 4 gebraucht hätte, und auf die ich gelernt hatte, wahrscheinlich ziemlich viel richtig gehabt hätte, aber das Papier dann vor der Abgabe zerriss; klingt furchtbar klischeehaft, ist aber tatsächlich so gewesen)
9-10. Klasse war ich erst etwa im mittleren Drittel, denn diese Klasse hat sich stark nach Aussehen und „Liebeseroberungserfolg“ stratifiziert, kam dann aber in der 10. noch ein gutes Stück nach vorne als ich mit der weiblichen Nr. 2 zusammenkam 
(es gab tatsächlich eine richtige ausgehandelte und geschriebene Rangliste der Attraktivität - ordinales Skalenniveau)
Die Klasse in der Berufsschule zum KfZ-Mechaniker war dann am ehesten Nerd-haft eingeteilt; wir waren drei eher „Intellektuellere“ (d.h. wir sprachen nicht ausschließlich über Autos und Ficken) unter 20 Auto-Narren, und hatten irgendwie eine Sonderstellung in der Klasse (schon wegen der höheren Schulabschlüsse), also wir gehörten schon irgendwie zur Klasse dazu, aber wurden schlicht in der Stratifizierung nicht berücksichtigt, weil wir uns selbst als „überlegen“ definierten - und diese Definition auch weitgehend durchsetzen konnten.
Das Abi nachher zähle ich nicht mehr dazu, weil wir da ja alle Erwachsene waren, an die Grundschule kann ich mich nicht erinnern …
Da der Autor am spannendsten Punkt aufhört, frage ich mich:
Was könnte man tun, um diesen Mißstand abzuschaffen?
Ich finde, der Missstand müsste erstmal ins Bewusstsein rücken;
man schiebt die ganzen Identitätsprobleme und Selbstwertprobleme einfach so auf die „Pubertät“ und damit auf die Hormone, statt auf die konkrete beschissene Lebenssituation, die da Schule heißt (und Eltern!)
Dazu kommt, daß eine schlechte Schulerfahrungen Probleme nach
sich ziehen, die Jahre brauchen, damit sie bewältigt und
ausgemerzt werden. Am Ende macht so eine Erfahrung einen sogar
stärker (finde ich)
finde ich nicht, und ich halte so eine Aussage auch für einen Akt des Selbstbelügens (womit ich Dir jetzt nicht zu nahe treten wollte, aber das ist halt meine Meinung darüber)
- Den Klassenverband lockern. Den Schüler mehr als Individuum
unterrichten, und einzelne Fächer als Kurse unterrichten, die
von verschiedenen Schülern besucht werden (wie im College oder
der Uni).
Jain, vor allem sollte man Möglichkeiten finden, dass sich die Schüler selbst ihre Verbände wählen können, statt sie einfach nach irgendwelchen technokratischen Kriterien in Klassen zu stecken;
durch Kurse oder Projektgruppen wäre das machbar;
auf der anderen Seite fallen aber durch Uni-ähnliche Unterrichtssysteme die wirklich sehr anschlussschwachen Schüler vollkommen durchs Sieb; ein Klassenverband kann auch ein heilsamer Zwang zum Anschluss sein; besser „unten“ als „nirgendwo“ …
Klassenfahrten müssen prinzipiell freiwillig sein.
(Die Gefängnissituation ist dabei nämlich am erdrückendsten.)
Auch hier Jain; Klassenfahrten fand ich immer ein Gräuel, aber weniger wegen der Klassensituation als wegen dem ganzen repressiven Schwachsinn drumherum (der mich wohl vor allem deshalb so ankotzte, weil ich zuhause -was Weggehen, Alkohol, Rauchen etc. betrifft- immer machen konnte was ich wollte)
Auf der anderen Seite habe ich erlebt, dass gerade Klassenfahrten die Hierarchien durcheinanderbringen können, sich neue Freundschaften ergeben, und zumindest teilweise und zeitweise so ein Wir-Gefühl bewirken, wie Elke das beschrieben hat.
Wenn sie freiwillig sind, dann ist der Außenseiter, der -deswegen?- nicht mitfährt, später umso mehr der Außenseiter; einschätzen wird er das aber nicht wirklich können, der Zwang ist also in gewisser Weise hier ein durchaus heilsamer Zwang …
- Begabte und/oder fleißige Schüler in eigenen Klassen
unterrichten. Damit werden sie herausgerissen aus dem
Gefängnis des täglichen Terrors.
Ja, ich finde, dass Schüler die Möglichkeit haben müssten, sich selbst zu gruppieren, und zwar nicht nach Leistungsorientierung, sondern nach Gesichtspunkten der sozialen Orientierung.
Mein Mann ging in so eine
Klasse und hat nur gute Erfahrungen gemacht. Seine Schulzeit
hat er sogar positiv erlebt, obwohl er auch „Nerd“ war. (Schon
komisch, daß sich als Erwachsene meistens dieselben ehemaligen
Gruppen als Freunde, Partner und sogar Arbeitskollegen
zusammenfinden und sympathisch finden. Wird man ein anderer
Mensch je nach schulischer Hackordnung?)
Stimmt! 
schon am Schulabschlussabend bröckelt bereits ein Teil der Hierarchie weg, ein paar Jahre später ist nicht mehr viel davon da;
aber auch zu den meisten Leuten dieser In-Out-Group-Klasse hatte ich ab dem Zeitpunkt, an dem ich aus der Klasse draußen war ein ganz anderes Verhältnis.
- Die Lehrer mehr in den sozialen Verband einbringen anstatt
in der Rolle der Wärter zu belassen.
Das halte ich für einen sehr wichtigen Punkt;
ich finde, dass Lehrer katastrophal und völlig falsch ausgebildet sind;
ich bräuchte eigentlich die kompletten 13 Schuljahre keinen Lehrer, der Schulstoff-Fachwissen besitzt, das wesentlich über den Schulstoff hinausgeht;
es bräuchte aber Lehrer, die gelernt haben, die ganzen Kämpfe um Identität und Hierarchie einer Klasse zu lesen, die den Schülern vermitteln können, welche Rollen ihnen in den jeweiligen Klassenverbänden zugewiesen werden und nach welchen sozialen Mechanismen dies geschieht, und vor allem wie sie damit umgehen können;
ich denke, man könnte leicht mit Maßnahmen wie solchen:
http://www.amazon.de/Verstehen-Verurteilen-Psychoana…
(hier leitet ein Psychoanalytiker ein Gruppen-Sitzungs-Seminar mit Jurastudenten)
die Gruppendynamiken eines Klassenverbands den Schülern bewusst machen, so dass diese lernen würden, die ganzen Hierarchisierungskämpfe von sich und ihrer Identitätsbildung ein gutes Stück weit fernzuhalten, stattdessen auf die Situation zu attribuieren.
Aber einen Scheiß tut man, und nach den Pisser-Studien tut man noch mehr einen Scheiß …
(dieser kämpferische Satz gilt dem Andenken an eine mittelmäßig gute Bekannte, die sich nicht nur, aber auch, um dem Schulgefängis zu entkommen mit 14 erhängt hat)
Viele Grüße
Franz
dem jetzt fast das Kotzen kommt, wenn er an seine Schulzeit zurückdenkt, obwohl ich ja eigentlich -wie ich jetzt fast erstaunt festgestellt habe- die meiste Zeit hierarchie-mäßig ganz gut weggekommen bin, und zum Erhängen zu feige war 