Hi Journey,
ich war auch in dieser Ausstellung - jetzt in Köln. Eine Freikarte, die ich geschenkt bekam, hat mich in einen richtigen Zwiespalt gebracht. Denn eigentlich hatte ich nicht vor mir das anzusehen, da ich noch die Menschenmassen aus den Reportagen im Gedächtnis hatte, die mich so an Jahrmarkt erinnert hatten. Nachdem ich dann noch das Faltblatt gelesen hatte und feststellen mußte, daß die Ausstellung auch für Kinder ab 6 offen ist, habe ich mich dazu entschlossen, mich meinem Zwiespalt zu stellen und mir eine Meinung zu bilden. Das mit dem Zugang für Kinder für die komplette Ausstellung fand ich da schon nicht so toll.
Es war sehr voll, obwohl ich sehr spät hingegangen bin (die Ausstellung hat bis 22 Uhr offen). Die Massen haben mich doch sehr gestört. Ich weiß, das Anatomie interessant ist und fasziniert. Das empfinde ich selbst so. Allerdings hätte ich bei manchen Exponaten doch Fragen gehabt, da die Etiketierung nur das offensichtliche festhielt. Schade, daß meine Schwester nicht bei mir war (Ärztin).
Aber du hast nach der Ethik gefragt. Ich konnte bei einzelnen Organen mich auf diese konzentrieren, aber bei Menschen in Scheiben oder als Modellmasse Mensch geformt zum „Kunstwerk“ sowie bei Wörtern wie Plastinat für einen Menschen, den man noch an seinen Tatoos erkennen kann, ein abgeschnittenes Gesicht einer Frau, die Angehörige bestimmt genauso erkennen wie die beiden Schwangeren., wurde ich die Gedanken an die Menschen und ihr Leben nicht los. Ich hätte so viele Frage nach ihren Gründen gehabt, sich dem postum diesem auszusetzen. Einige dieser „Ganzkörperplastinate“ fand ich wissenschaftlich gesehen unnötig. Allgemein frage ich mich, ob die Leute auch so stadtbummelmäßig, lautquatschend und schiebend und lachend oder sich lustigmachend durch die Ausstellung gehen würden, wenn ein lieber Mensch aus ihrer Mitte sich dazu entschlossen hätte, und ob man den dann noch erkennen könnte und wie einen das erschrecken würde, wenn man den Bruder aufgeschnitten sieht wie eine Kommode mit herausgezogenen Schubladen.
Was mich im Nachhinein ebenfalls erschreckte, war die Tatsache, daß einige der „Spenderkörper“ von unbekannten Obdachlosen ohne auffindbare Angehörige stammen, dessen Beerdigung die jeweilige Gemeinde nicht übernehmen wollte, und dessen Körper sie dann dem Institut zur Verfügung gestellt hat. Das stand am Ende des kleinen Gratis-Katalogs. Das empfinde ich wie Müllentsorgung. Ich finde das ganz furchtbar, da der Wille mißachtet wird und nur um Geld gerungen wird.
Ist es ethisch vertretbar, tote Menschen
auf diese Art und Weise auszustellen?
Das ist eine schwierige Frage, die sich wohl jeder erstmal für sich selbst ausdiskutieren muß. Schließlich fände ich eine Anatomieausstellung nicht schlecht. Aber die Art und Weise ist etwas was unnötig ist und sehr viel Toleranz von mir abverlangt.
Wie bewertet Ihr den Wunsch vieler Leute,
nach dem Tod auch Teil der Ausstellung zu
werden?
Ich weiß nicht, ob die Leute, die damals die ersten waren und jetzt als Ausstellungsstücke dienen oder als Scheiben zum Tausch verstreut in verschiedenen Instituten verschiedener Länder weilen, wirklich genau wußten, was dort mit dem Material Mensch geschieht und wie es eingesetzt wird. Haben die eigentlich eine Katalogisierung der Scheiben, die sie so munter zum Tausch anbieten?
Wo liegt für Euch bei den
Exponaten die „Schmerzgrenze“ (einzelne
Organe, ganze Körper, Föten mit/ohne
Missbildungen usw.)?
Darüber habe ich ja schon oben berichtet. Die Föten waren zwar erschreckend aber sie waren dafür auch aufrüttelnd - oder sollten es sein. Sie sind alte Präperate, die sie mit der neuen Methode bearbeitet haben, um sie ohne Glasflasche zeigen zu können. Ich glaube nur, daß kaum jemand den Text gelesen hat, der an der Seite des Raumes hing und den Bezug zu seinem Verhalten z.B. Rauchen gesucht hat. Es wirkte so ein wenig lieblos in eine dunkle Extrakammer verbannt.
Ich persönlich fand die ganze Ausstellung
recht gut und informativ.
An manchen Stellen hätte ich mir wie gesagt noch mehr Aufklärung gewünscht, da ich gerne noch Neues gelernt hätte.
Allerdings gab
es einige Ausstellungstücke, die meine
„Schmerzgrenze“ überschritten haben,
Das ging mir auch so. Ich hatte wirklich einen schalen Beigeschmack von Kunstausstellung eines Menschenschnitzers, der Beuys liebt aber statt Bildhauer (was Beuys früher lernte) eben das Naturmaterial Mensch bevorzugt.
Freue mich auf deine Reaktion auf meinen Beitrag 
Gruß, Faten