Autor gesucht

Im Deutschunterricht Anfang der 70er Jahre hat mich eine Kurzgeschichte sehr beeindruckt, deren Titel und Autor ich aber vergessen habe. Der Inhalt im Telegrammstil: Es geht um einen Vater dessen Sohn eine Art Behinderung hat, die vom Vater als „Glasseele“ bezeichnet wird. Der Sohn reagiert auf alles extrem sensibel und kann Zurückweisung nicht ertragen. Der Sohn geht oft an die nahegelegenen Bahngleise und winkt den vorbeifahrenden Zügen zu. Wenn die Fahrgäste nicht zurückwinken, weint er oft stundenlang. Daher entschließt sich der Vater, mit der Bahn zu fahren und zu winken.
Hierzu fährt er in einen Ort, in dem er in einem Hotel übernachtet. Es ist nur noch ein Bett in einem Doppelzimmer frei und sobald er eintritt, wird er von einem Mann barsch aufgefordert, auf keinen Fall Licht zu machen. Der Vater erzählt vor dem Einschlafen von seinem Sohn und seinem Vorhaben, worauf der Bettnachbar sehr herablassend und ohne Verständnis reagiert. Er macht auch deutlich, daß er Kinder sowieso nicht leiden kann. Offensichtlich handelt es sich um einen völlig verbitterten Menschen und anscheinend ist er behindert, denn beim Zubettgehen stolpert der Vater über Krücken.
Am nächsten Morgen bemerkt der Vater, daß er verschlafen hat und daher den Zug längst verpaßt hat, der zu der Zeit fährt, in der sein Sohn normalerweise an den Gleisen steht.Er fährt also unverrichteter Dinge nach Hause und ist verzagt, weil sein Sohn wieder enttäuscht sein wird.
Als er jedoch nach Hause kommt, rennt sein Sohn ihm freudestrahlend entgegen und ruft schon von weitem: „Heute hat jemand gewunken“. Der Vater ist freudig überrascht und fragt nach. Der Sohn antwortet: „jemand hat die ganze Zeit gewunken. Und als der Zug schon weit weg war, hat der Mann sogar noch eine Krücke aus dem Fenster gehalten, an die ein Taschentuch gebunden war“.
Ich finde diese Geschichte wunderschön; ein offensichtlich verbitterter und vom Leben enttäuschter Mann entscheidet sich entgegen aller Gewohnheit, sehr viel Umstände auf sich zu nehmen, um einem Kind eine Freude zu machen.
Wer kennt Titel und Autor?

Siegfried Lenz

Kurzgeschichte

„Die Nacht im Hotel“ :smile:

http://www.zeit.de/1951/51/Die-Nacht-im-Hotel?page=1

Gruß
Birgit

das ist aber eine schöne geschichte (owt)
Das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte… danke für’s nachfragen, sonst hät ich die vielleicht nie kennen gelernt!
Grüße von Kati

Toll, diese Geschichte nach rund 40 Jahren wieder zu lesen. Habe sie eigentlich auch ganz gut behalten. Vielen Dank, Birgit!

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]