Hallo Adam,
es ist nicht so, dass die Historiker es nicht wissen. Es ist mehr so, dass die Historiker mehrere Erklärungsmöglichkeiten haben, die auch in Kombination richtig sein können. Sprich: Das es mehrere Gründe gab.
Bereits ab 84 var unter Domitian der Bau des Obergermanisch-Rätischen Limes begonnen worden. Das war einerseits natürlich eine Folge der ständigen Germanenüberfälle, die sich gerne mal als alles andere als römische Bürger fühlten, andererseits aber auch Folge eines Traumas, das bereits seit 9n.Chr. durch die Köpfe römischer Militärs geisterte. Damals hatte Arminius (auch Herrmann der Cherusker) Varus geschlagen und gleich drei Legionen verheizt.
Um die Auswirkungen zu verstehen und warum das siebzig Jahre später noch seinen Niederschlag fand, muss man sich vorstellen, dass das Geschichtsbewußtsein damals (unter anderem in Militärkreisen, aber nicht nur dort) erheblich größer war. Germanien, insbesondere der nördliche Teil, war für Rom so etwas wie Vietnam geworden. Julius Caesar hatte bereits dort gekämpft, Varus (und war besiegt worden) und, was 89 noch nicht absehbar war, beinahe hundert Jahre später würde Marc Aurel noch immer dort kämpfen. Was aber absehbar war, war folgendes: Jeder Feldzug in Germanien war mit hohen Verlusten behaftet, Germanien war für die Römer ein teures Pflaster und die Hoffnung dort wirklich so etwas wie den Deckel draufzukriegen, war bereits seit 20 Jahren geschwunden.
Domitian, der Sohn Vesparsians, kam 79 an die Macht und stand sofort unter Druck, da ihm nicht gerade der Ruf eines erfahrenen Militärführers anhing. Er packte den Stier bei den Hörnern und suchte den Erfolg ausgerechnet in Obergermanien. Man muss zugeben, dass es ihm in kurzer Zeit gelang, diesen eigentlich bereits schwer gebeutelten Haufen wieder auf die Beine zu kriegen und auf breiter Front rechts des Rheines bis weit nach Hessen (das damals natürlich noch nicht so hieß) vorzustoßen. Danach begann er mit dem Bau des OG-R-Limes. So weit so gut, aber das Ganze war auch ein politisches Manöver. Domitian löste damit nämlich die Zusage ein, die ursprünglich sein Vater Vesparsian getätigt hatte, nämlich Germanien zu befrieden. Nur wusste Domitian, der sich mit unglaublichem Pomp als Befrieder Germaniens feiern ließ, dass die Germanen nicht friedlich bleiben würden und das ein einzelner Wall von ewiger Länge kaum eine wirklich bewachbare Befestigung darstellt. Auch die Verträge mit den jeweiligen Stammeseliten waren kein Schutz der Grenzen und was Rom ja schon gar nicht wollte, war ein Einstieg in die innergermanischen Streitigkeiten.
Domitians Lösung war einfach (und sollte für die nächsten rund 1000 Jahre als Muster dienen, auch wenn das den meisten unklar war). Er ließ den Wall fertig bauen, aber dahinter wurden auch Garnisonen in einem nie gekannten Ausmaß befestigt. Aventicum war die erste Stadt, die man befestigte. Nur wieder, eine Mauer gerade um das bebaute Gebiet herum war witzlos. Im Fall einer Belagerung (wir erinnern uns an das Cheruskertrauma, die Einschätzung der militärischen Kapazitäten der Germanen war deutlich zu hoch, schon seit 70 Jahren) musste eine befestigte Stadt notfalls Raum bieten für:
- die Bevölkerung
- Lager (im Sinne von Getreidespeicher)
- Lagerplatz (im Sinne von Wiese auf der sich bis zu einer Legion mal eine Weile niederlassen konnte)
- Weide (denn Legionen marschierten mit einem Haufen Pferden und Lebendproviant)
- Flüchtlingen aus dem Umland (denn es gab ja eine Menge Einzegehöfte die im Falle eines tiefer gehenden Angriffes nicht zu verteidigen gewesen wären).
Aventicum ist also ein Beispiel für den Wechsel einer expansiven Politik zu einer defensiven. Es lag weit genug von der Grenze Weg um als Bereitstellungsraum nutzbar zu sein, es war groß genug um als Festung gehalten zu werden, sollte es zum Schlimmsten kommen und es stellte gewissermaßen eine logistische Basis im Süden Germaniens dar. Denn die beiden anderen Hauptbasen waren ja Köln und Meinz, die sich durch ihre Nähe zueinander gegenseitig sicherten. Übrigens gab es auch in diesen beiden Städten Befestigungen, nur nicht so umfangreich und vor allem nicht auf dem Reißbrett entworfen wie Aventicum.
Aventicum seinerseits wurde damit übrigens zum Vorbild späterer Befestigungsanlagen bis ins Hochmittelalter hinein. Aber die Gründe sind eben nur aus dem Hintergrund der damaligen Situation heraus verständlich.
Gruß
Peter B.
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