Literaturkanon – Was muss man gelesen haben

Grundsätzlich gilt: Man muss nichts gelesen haben. Fragt sich: Warum macht sich doch fast jedes philologische Institut und eine wachsende Anzahl von Nicht-Wissenschaftlern die Mühe eines eigenen Literaturkanons? Die unterschiedlichen Motivationen könnte man so gruppieren:

  • An der Universität haben Leselisten oft ähnlichen Charakter wie ein Lehrplan an der Schule – mal mehr, mal weniger verbindlich. Als Anglist muss man etwas von Chaucers Canterbury Tales gehört haben; um mit Studenten den italienischen Verismo zu besprechen, sollten Werke etwa Giovanni Vergas als bekannt vorausgesetzt werden können. Hier geht es also darum, eine sinnvolle Schnittmenge an Informationen zu definieren, um anhand derer bestimmte Inhalte zu behandeln. Die Unterschiede zwischen Listen mit ähnlicher Zielsetzung zeigen, dass es auch dann persönlichen Spielraum gibt, wenn es darum geht, literarische Entwicklungen nachzuzeichnen, die in der Forschung an sich unumstritten sind. Ein Kennzeichen wissenschaftlicher Leselisten kann zweierlei sein: Erstens sind sie oft nicht einfach chronologisch, sondern nach Epochen oder Strömungen sortiert; zweitens werden Werktitel meist in der Originalsprache angegeben, weil sie ohnehin in dieser gelesen werden sollen.

  • Autoren, die in einem nicht-universitären Kontext einen Literaturkanon erstellen, bilden eine uneinheitlichere Gruppe: In diesen Bereich fallen Zusammenstellungen populärer Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki, die mit teilweise professoralem Ernst an die Sache gehen, aber auch Sammlungen, die sich gerade davon abgrenzen, die immer gleichen Klassiker – Shakespeare, Goethe, Proust usw. – aufzulisten. Manchmal ist die Trennlinie zwischen der Rigidität eines Kanons und dem unverbindlichen Lesetipp schwer zu ziehen; die Süddeutsche Zeitung überschrieb die erste Staffel ihrer SZ-Bibliothek mit »50 große Romane« – und nicht etwa: die größten. Wenn es nicht darum geht, eine bestimmte Menge Stoff auf wenige Semester zu verteilen, kann oft mehr Rücksicht auf die Gewohnheiten des modernen Bücherfreunds genommen werden: Es ist unwahrscheinlich, dass viele Leser mehrere hundert Seiten von James Joyces Ulysses auf Englisch durchackern möchten; mit der Übersetzung eines kürzeren, gefälligeren Werkes mag es eher gelingen, heutiges Publikum für einen Autor zu gewinnen.

Online findet man unter anderem auf folgenden Seiten Leselisten:

http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/… [PDF]
Leseliste englischsprachiger Literatur ab dem 16. Jahrhundert, Universität Bamberg

http://www.romanistik.uni-mainz.de/hisp/Leselisten/1… [PDF]
Hundert Werke der spanischen Literatur, zusammengestellt an der Uni Mainz

http://www.derkanon.de
Marcel Reich-Ranickis Kanon mit 255 Texten von 166 deutschsprachigen Autoren

http://www.zeit.de/2002/42/200242_sbib_liste_xml
Schülerbibliothek der ZEIT mit 50 Titeln

http://www.dieterwunderlich.de/sz_bibliothek.htm
Auflistung der jeweils 50 Texte der ersten und zweiten Staffel der SZ-Bibliothek

http://www.interleaves.org/~rteeter/greatbks.html
Sammlung zahlreicher Leselisten aus dem englischsprachigen Raum

Auch in folgenden Büchern kann man auf der Suche nach Literaturkanons fündig werden (absteigend sortiert nach Erscheinungsdatum der letzten Aktualisierung):

  • Peter Boxall: 1001 Bücher, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Zürich 2007. ISBN 978-3-283-00529-0 Buch anschauen

  • Wulf Segebrecht: Was sollen Germanisten lesen? Ein Vorschlag. Berlin 2006. ISBN 978-3-503098-06-4 Buch anschauen

  • Thomas Rommel: 50 Klassiker der Weltliteratur. Bücher lesen und verstehen. Hamburg 2006. ISBN 978-3-939519-40-9 Buch anschauen

  • Joachim Kaiser (Hrsg.): Das Buch der 1000 Bücher. Werke, die die Welt bewegten. Mannheim 2005. ISBN 978-3-411761-15-9 Buch anschauen

  • Dieter Lamping; Frank Zipfel: Was sollen Komparatisten lesen? Berlin 2005. ISBN 978-3-503079-54-4 Buch anschauen

  • Christiane Zschirnt: Bücher. Alles, was man lesen muss. Frankfurt 2002. ISBN 978-3-453872-72-1 Buch anschauen

  • Sabine Griese: Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen. Stuttgart 2002. ISBN 978-3-150089-00-2 Buch anschauen

  • Karl Hugo Pruys: Die Bibliothek. 44 Bücher, die man gelesen haben muss. Berlin 2001. ISBN 978-3-861245-42-1 Buch anschauen

  • Christa Jahnson; Dieter Mehl; Hans Bungert: Was sollen Anglisten und Amerikanisten lesen? Berlin 1995. ISBN 978-3-503037-12-4 Buch anschauen

  • Frank Baasner; Peter Kuon: Was sollen Romanisten lesen? Berlin 1994. ISBN 978-3-503030-81-1 Buch anschauen

  • Harold Bloom: The Western Canon. The Books and School of the Ages. New York 1994. ISBN 978-1-573225-14-4 Buch anschauen