B. Traven und Karl May

Liebe Literaturgebildete,

mich interessiert die folgende Frage, aufgrund einer Diskussion, die wie einmal führten:
Worin liegt der, bzw. erkennt man den Unterschied zwischen der Tatsache, daß die authentischen Schilderungen von Traven seinen eigenen Erlebnissen zugrunde liegen und die „authentischen“ Schilderungen von K. May einer optimalen Phantasie entspringen bzw. der Umsetzung seiner eigenen Belesenheit?
Selbst habe ich viel Traven gelesen, aber leider noch nicht May, so daß ich dazu leider keine fundierte Meinung haben kann.

Vielen Dank für Eure Darstellung; vor allem von Leuten, die beide Autoren kennen.

Gruss Gunnar.

Lieber Herr Hagemeister,

ich kenne ja nun B. Traven nicht so gut wie Karl May, weiß also nicht zu sagen, woran man bei Traven erkennt, dass er das, was er erzählt, selbst erlebt hat, zumindest an den Orten war, von denen er erzählt.

Bei Karl May kann man sicher sein, dass alle seine Geschichten „Wunscherfüllungen“ sind, Phantasien eines vernachlässigten, enttäuschten, erniedrigten Individuums, das sich in Kara Ben Nemsi und als Old Shatterhand Ideal-Ichs geschaffen hat, in denen er, Karl May, ersatzweise die Enttäuschungen seiner Kindheit, Jugend und des ersten Erwachsenenalters kompensierte.

Wenn er also im Osmanischen Reich Polizeibeamte, Stadtautoritäten, Richter, „Großkopferte“ vorführt, entlarvt, der Lächerlichkeit preisgibt, stürzt, so gibt er den Autoritäten das zurück, was die ihm einst antaten.

Wenn er mit seinem Schmetterschlag Männer und sogar Pferde umhaut, Ketten und Fesseln zerbricht, Gefangene - seien es Männer oder Frauen - befreit, Unglücklichen jeder Art hilft, materiell oder „geistig“ als Psycholog, so arbeitet er immer seine früheren Verletzungen ab. Er sagt gleichsam, so hätte es sein sollen, damals; so sollte es immer sein.

Daher auch dieser „moralinsaure“ Nebengeschmack, der manche vom Lesen Mayscher Bücher abhält.

Man kann also bei Karl May stets fragen, welche seiner Wunden leckt er, wenn er im Orient oder im Wilden Westen dies oder jenes erlebt haben will.

In seine letzten Büchern ist Karl May sich dieser Tatsache bewußt geworden und diese Bücher sind regelrechte „Schlüsselromane“, in denen Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef, Marah Durimeh, und alle anderen Personen „Symbolgestalten“ geworden sind. Das geht so weit, dass sogar seine Kolportageromane, die als Schundromane bezeichnet wurden, in Gestalt eines Pferdes auftreten. Das Pferd heißt denn auch: Kiss-y-Darr, was auf Deutsch eben: Schundroman bedeutet.

Das muss/kann/sollte man sich bei der Lektüre der Abenteuer Karl Mays klarmachen. Es mindert den Genuss am Lesen nicht zu sehr - als Frühjugendlicher verschlingt man ja die Bände -, wenn man als bewussterer Erwachsener die Bände noch einmal liest.

Hans Wollschläger hat diesen biografischen Hintergrund in seiner ausgezeichneten Karl-May-Biografie, die bei Diogenes als detebe 112 erschienen ist, detailliert dargestellt.

Beste Grüße Fritz Ruppricht

Hallo!

Vielen Dank für die interessante Einschätzung, somit habe ich eine grobe Orientierung.
Es gibt vermutlich nicht viele, die beide Autoren gelesen haben.
Bei Traven waren bekanntlich die tiefenpsychologischen Porträts seiner Helden beeindruckend und einfach nur als genial zu bezeichnen.
Vielleicht werde ich Weihnachten mal einen May lesen und dann einen direkten Vergleich haben.

Viele
Grüsse Gunnar.

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